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Träge Wissenschaftler : Wo bleibt der Aufschrei gegen billigen Populismus?

Hat sich die Nasa-Forschung politisch zu eindeutig für den Schutz unseres Planeten exponiert? Aus der Umgebung Trumps ist zu hören, der Weltraumbehörde könnte die Klimaforschung und die Fernerkundung der Erde gestrichen werden. Bild: Nasa/AFP

Die „postfaktische Ära“ ist Nonsens. Wer ihr das Wort redet, verachtet das aufgeklärte Denken, das uns den Fortschritt sichert. Wissenschaftler sind in der Verantwortung, dem populistischen Kokolores etwas entgegenzusetzen. Ein Kommentar.

          Wenn jeder alles behaupten kann, wenn Humbug zum politischen Programm wird und Tatsachen wie schlechte Unterhaltungssender ausgeschaltet werden können, dann ist es so weit: Kommt und holt uns, Aliens. Wozu noch Wissenschaft?

          „Postfaktisch“ nennt man das mittlerweile. Wer auch immer den Begriff „postfaktische Ära“ geprägt hat, muss an alles gedacht haben, nur nicht an die Überlegenheit unseres Verstandes. Ein wacher Geist, Zweifel und erlernte Gewissheiten haben uns die Moderne gebracht: die Wissenskultur und zuletzt das Informationszeitalter. Der Begriff „postfaktisch“ ist deshalb so ideologisch wie die Akteure selbst, die das Geschäft des Postfaktischen betreiben. Er ist ein Schimpfwort für billigen Populismus und Inkompetenz. Aber er taugt nicht dazu, die zivilisatorische Tragödie zu beschreiben, die uns nun täglich aufs Neue den Atem stocken lässt. Denn in Wirklichkeit werden nicht Fakten abgeschafft. Die Gemeinschaft der Wissenschaftler wird ins politische Abseits gestellt.

          Kein Amt, keine Karriere, sondern eine Leidenschaft

          Der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa die Klimaforschung und die Fernerkundung der Erde zu streichen, sie auf das Kerngeschäft Weltraum einzugrenzen, weil die Nasa-Forschung sich politisch zu eindeutig für den Schutz unseres Planeten exponiert habe, wie aus der Umgebung des künftigen Präsidenten zu hören ist, wäre eine törichte Verschwendung von Kompetenzen. Säuberungen dieser Art sind Gift für eine Gesellschaft, die ihre technologische Vormachtstellung nicht der Ideologie verdankt, sondern dem Vertrauen, auf eine bestimmte Art zu denken.

          Wissenschaft ist kein Amt oder eine Karriere, sie ist eine Leidenschaft: die Bereitschaft, systematisch durch Experiment und Beobachtung die Zusammenhänge der Welt zu erfassen, diese Erkenntnis zu nutzen und sie immer wieder zu hinterfragen. Die Populisten verachten dieses systematische aufgeklärte Denken; offenbar haben sie wenig zu befürchten, wenn sie die Erfolge der Impfmedizin oder die Wahrheit über den Klimawandel leugnen. Mehrheiten lassen sich auch durch Banalisierung organisieren, wenn Volksverdummung zum Programm wird.

          Anfangs komplex, abstrakt und spekulativ

          Das ist die eigentliche Tragödie dieser Zeit: Es wird so viel studiert wie nie zuvor, der Bildungsstand ist nachweislich überall gestiegen. Das Vertrauen in die Wissenschaften jedoch erodiert gefährlich schnell an vielen Stellen. In Deutschland gewinnt der Kreationismus an Boden, der die Nachweise für die Evolution und die Abstammung des Menschen aus dem Tierreich abstreitet. Auch Visionen vom besseren Leben haben es schwer. Die moderne Genforschung und die Anwendung in der Gentechnik werden nicht vorrangig von vermeintlich Abgehängten der Gesellschaft bekämpft, sondern oft genug von klassischen Bildungsbürgern. Und die Menschen können noch so viel von der Datenfülle und der digitalen Vermessung der Welt profitieren - die Risiken durch Big Data rangieren für sie immer noch höher als die Aussicht auf autonomes Fahren oder eine intelligentere, maßgeschneiderte personalisierte Medizin.

          Den Wissenschaftlern fehlt offenbar etwas, das die Populisten für sich instrumentalisieren: der Anschein von Nähe und Einfachheit, ein radikales Problembewusstsein. Der Fortschritt dagegen, den die Wissenschaften versprechen, ist anfangs komplex, abstrakt und spekulativ; die Möglichkeit des Scheiterns und des Missbrauchs ist in der aufgeklärten Gesellschaft genauso präsent wie die Möglichkeit erfolgreicher Innovation.

          Wo bleibt der Aufschrei?

          Wird die Zukunft also zwangsläufig in ein endloses Ringen zwischen Behauptungen und Gegenbehauptungen münden? Die verbohrten Impfgegner werden sicher nicht aussterben. Auch wenn nach Jahrzehnten Forschungsarbeit die Dramatisierung von Impffolgen als übertrieben, gar als gefährlich gelten muss, wird der ideologische Kampf gegen die Wissenschaften weiter geführt werden. Das ist nicht entscheidend. Entscheidend wird vielmehr sein, ob man es Populisten weiter ermöglicht, mit Ignoranz und Ideologie das Vertrauen in die Wissenschaft weiter zu untergraben.

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          Fast alarmierender als die politische Rattenfängerei ist deshalb die Trägheit der Wissenschaftler und ihrer Institutionen. Ihnen scheint es immer noch genug, sich selbst und ihren Instrumenten der Selbstkontrolle zu vertrauen. Das Elitäre hat sie selbst in die Isolation getrieben. Der Elfenbeinturm steht heute so mächtig da wie zu den Zeiten, als die akademische Autorität unangreifbar schien. Und wiewohl sie den Ruf nach mehr Transparenz, Offenheit und Bürgernähe seit Jahren hören und gelegentlich mit mehr Offenheit experimentieren, bleiben die Gelehrten gesellschaftlich passiv. Wenn sie sich empören, dann über fehlende Gelder und geplante Mittelkürzungen. Das ist zu wenig.

          Wo bleibt der Aufschrei der unabhängigen Akademien und der politischen Würdenträger, wenn die Wissenschaft bis zum Äußersten attackiert wird? Sicher, ihr Denken verbietet es Wissenschaftlern, den Ball der Populisten und Pharisäer aufzunehmen. Allerdings sind sie als Gestalter der Zukunft und nicht zuletzt unseres Wohlstandes in der Verantwortung, dem populistischen Kokolores etwas entgegenzusetzen.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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