http://www.faz.net/-gwz-95f5o

Wissenschaftliches Schreiben : Lernen von den Profis

König der knackigen Titel: William Shakespeare Bild: Marcus Kaufhold

Auch Wissenschaftler müssen versuchen, mit ihren Artikeln maximale Aufmerksamkeit zu erregen. Die Suche nach dem richtigen Titel führt dabei zu manchem Kreativitätsausbruch. Eine Glosse.

          Was waren das für paradiesische Zeiten, als man sich als Wissenschaftler noch herzlich wenig um Kommunikation zu scheren brauchte. Als bei wissenschaftlichen Publikationen das „Wie“ dem „Was“ noch nicht den Rang abgelaufen hatte. Heute hingegen teilen sich die Wissenschaftler die Sorgen mit all den anderen, die öffentlich kommunizieren: Wie erzeuge ich Aufmerksamkeit? Wie generiere ich Leser? Wie ziehe ich die Adressaten hinein in den – im Fall der Wissenschaft oft nicht unbedingt kurzweiligen – Haupttext?

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Unternehmung steht und fällt, da gibt es keinen Zweifel, mit der gelungenen Titelwahl. „Sie sollten einen Titel wählen, der Interesse weckt, treffsicher den Inhalt beschreibt und zum Weiterlesen animiert“, so legt zumindest der Springer Verlag seinen Autoren die Quadratur des Kreises nahe. Doch damit nicht genug: „Artikel mit kürzeren Titeln werden häufiger zitiert“, vermeldete die Zeitschrift „Nature“ vor zwei Jahren. Auch wenn die Details der zugrundeliegenden bibliometrischen Analyse etwas umstritten blieben – die dahinter stehende Idee leuchtet ein. Schon William Shakespeare hatte die Kürze als Seele des Witzes identifiziert und sich selbst bei der Betitelung seiner Werke stets an diese Faustregel gehalten. Shakespeare, der Titelexperte – ein Narr, wer das Talent des Dichters nicht für sich zu nutzen wüsste.

          Eine Auswertung der in der Datenbank Medline aufgeführten medizinischen Veröffentlichungen fand bereits im Jahr 2005 ganze 1400 Artikel mit Shakespeare-Anspielung, ein Drittel davon mit Variationen von „Sein oder Nichtsein“. Die Strategie der wissenschaftsfernen Titel-Referenz hat sich seitdem kaum abgeschwächt, im Gegenteil ist sie heute lebendiger denn je. Der kanadische Jura-Professor Timothy Caulfield hat sich zwischen den Jahren die Mühe gemacht, unter Mithilfe der Twitter-Community eine Liste der schrecklichsten und doch überwältigend weit verbreiteten Titelreferenzen des Jahres 2017 zusammenzustellen, darunter „Lost in translation“, „The Good, the Bad, and the X“ sowie „Size matters“. Das kann dann so poetisch klingen wie beispielsweise „Lost in translation? Micro RNAs at the rough ER“ oder „Dietary Fat: The Good, the Bad, and the Ugly“.

          Man kann heute allerdings schon absehen, dass den Klassikern bald der Rang als Inspirationsspender für wissenschaftliche Publikationstitel abgelaufen wird, denn das vergangene Jahr hat unbezweifelbar einen neuen Kurztextkönig gekürt: Kaum jemand versteht es so gut, in knappen Worten Aufmerksamkeit zu erzeugen, wie Wissenschaftsgegner Donald Trump. „Make dopamine neurons great again“ oder „Endocrine Covfefe“ sind nicht die einzigen Artikel, die von Trumps wachsendem Titel-Einfluss zeugen. Aber funktioniert der Trick? Die Studie von 2005 bleibt skeptisch: „Ob Anspielungen mehr Leser anziehen oder Zitationsraten erhöhen ist unbekannt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Merkel in Beirut : An der Flüchtlingsfront

          Bei ihrer Reise durch den Libanon erlebt die Kanzlerin eine Gesellschaft, die durch die vielen Vertriebenen im Land verunsichert ist – kommt ihr das bekannt vor?

          Streit bei den Republikanern : Die Kopfschmerzen werden stärker

          Der Graben zwischen konservativen und moderaten Republikanern in der Migrationsfrage wird immer tiefer. Im Repräsentantenhaus blockieren sich die Parteiflügel. Und für Trump ist alles sinnlos.

          Wechsel bei NRW-SPD : Auf nach vorne, aber alles wie gehabt

          Eine schonungslose Generalinventur hatte Michael Groschek nach der Niederlage bei der Landtagswahl in NRW versprochen. Doch nach einem Jahr tritt er wieder ab, und vieles ist beim Alten in der SPD.

          2:1 gegen Serbien : Schweiz siegt nach Herzschlagfinale

          Nach einem zwischenzeitlichen 0:1-Rückstand gelingt der Schweiz gegen Serbien ein fulminantes Comeback. Matchwinner ist neben Siegtorschütze Shaqiri ein anderer ehemaliger Bundesligaprofi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.