http://www.faz.net/-gwz-884sd

Whistleblower-Preis : Die falschen Helden

Gentechnik-Debatte an der Uni Hohenheim mit Gilles-Eric Séralini, 2.v.l. Bild: Joachim Müller-Jung

Hauptsache, die Gesinnung stimmt. Der Whistleblower-Preis geht an einen Anti-Genaktivisten. Noch grotesker ist nur die Begründung.

          Der Physiker Edward Teller war bekanntlich der „Vater der Wasserstoffbombe“, wie er sich gerne betiteln ließ. Da er sich auch leidenschaftlich für die strategischen Waffensysteme SDI der amerikanischen Regierung in den achtziger Jahren einsetzte und dennoch virtuos wie kein zweiter Heuchler im Wissenschaftsbetrieb den Begriff „Frieden“ im Mund führte, hat man ihm irgendwann dafür den Anti-Nobelpreis verpasst. Das war natürlich herrliche Satire. Und so ein Konzept wie den Ig-Nobelpreis, dachte man, gibt es nur einmal. Es gibt allerdings auch eine Kategorie von Preisen, nennen wir sie Gesinnungstrophäen oder Goodwillprämien, die mit ähnlich süffisanten Mitteln arbeiten.

          Der Whistleblower-Preis, den die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und die deutsche Sektion der internationalen Juristenorganisation „Ialana“ vergibt und der unter anderem vor zwei Jahren an den ehemaligen, verfolgten Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden verliehen wurde, hat nun einmal mehr bewiesen, dass Seriosität und Qualität kein zwingendes Kriterium, Satire aber ein durchaus schmückendes Motiv sein kann, um die Herzen der Gesinnungsgenossen zu wärmen.

          Einer der Helden ist diesmal Gilles-Eric Séralini. Der umstrittene französische Aktivist, der seit Jahren mit dürftigen Forschungsarbeiten an Ratten und umso schillernderen Auftritten die Gefährlichkeit des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat mitsamt der zugehörigen genmanipulierten Pflanzen zu belegen versucht, hat den diesjährigen Preis für den Hinweisgeber vom Dienst erhalten. Séralini wird als Verfolgter, Entehrter und Enteigneter des etablierten Wissenschaftssystems gewürdigt und als Opfer einer „Kampagne interessierter Kreise aus der Chemieindustrie“. Dass er Neutralität, Unabhängigkeit und die Spielregeln des wissenschaftlichen Publizierens einhalte, wird in der nun vorliegenden Kurzfassung der Jurybegründung nirgendwo behauptet. Woraus - nicht zum ersten Mal in der sechzehnjährigen Geschichte des Preises - gefolgert werden darf: Wissenschaftliche Qualifikation ist nicht Voraussetzung, um den Whistleblower-Preis der Wissenschaftlervereinigung zu erhalten. Seine „berufsethische Verantwortung“, die in der Begründung zweimal angesprochen wird, nimmt Séralini für seine Anti-Gentechnik-Lobby-Organisation Criigen sicher verdienstvoll wahr. Und was ihn weiß Gott zum Helden macht, wird in dem satirischen Höhepunkt der Preisbegründung gegen Ende dann auch sonnenklar: Mit der Preisvergabe, so heißt es, sei „erneut sichtbar geworden: Der Erhalt unserer Gesundheit ist von Whistleblowern abhängig.“ Merksatz also für den nächsten Hausarzttermin: Bitte eine Überweisung zum wohnortnahen Whistleblower.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Ein Puzzle aus alten Zeiten Video-Seite öffnen

          Keilschrift : Ein Puzzle aus alten Zeiten

          Tontafeln zeugen davon, wie die Menschen vor Jahrtausenden lebten. Doch die meisten Tafeln sind zerbrochen. Forscher haben nun ein System entwickelt, das sie Stück für Stück wieder zusammenfügt.

          Pickel tun gut

          Erfolg im Beruf : Pickel tun gut

          Millionen Jugendliche auf der Welt teilen ein Schicksal: Sie haben unreine Haut. Das macht schlechte Laune, steigert aber die Chancen auf beruflichen Erfolg.

          MASCOT hat es in sich Video-Seite öffnen

          Asteroiden-Forschung : MASCOT hat es in sich

          Mehrere Jahre dauerte die Reise der Raumsonde Hayabusa2 zum Asteroiden Ryugu. An Bord war ein Landemodul namens MASCOT, federführend gebaut vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

          Klimawandel macht das Bier teurer

          Neue Studie : Klimawandel macht das Bier teurer

          Steigender Meeresspiegel, immer mehr Dürren und Unwetter – die Folgen des Klimawandels sind schlimm genug. Nun haben Forscher auch für Bier-Fans schlechte Nachrichten.

          Echt auf den Hund gekommen

          Gender-Studies : Echt auf den Hund gekommen

          Drei amerikanischen Forschern ist ein trauriger Beweis gelungen: Man kann selbst den größten Blödsinn publizieren – wenn er nur ins vorgefasste Weltbild passt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.