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IS-Terrormiliz in Palmyra : „Eigentlich sind wir hilflos“

  • Aktualisiert am

Kaiser Hadrian zu Ehren erbauten die Palmyrener diese prächtigen Torbögen. Auf dem Berg im Hintergrund die Festung Qasr Ibn Ma’n aus dem späten Mittelalter. Bild: AFP

Andreas Schmidt-Colinet hat dreißig Jahre lang in Palmyra gegraben. Der Archäologe fordert das Eingreifen der Vereinten Nationen.

          Welche strategische Bedeutung hat Palmyra für den IS?

          Die Oasenstadt Palmyra ist geographisch das Herz des heutigen Staates Syrien. Sie liegt mitten in der Wüste, zentral an der einzigen geteerten Verkehrsverbindung zwischen der Küstenregion mit Damaskus und dem Euphrattal beziehungsweise der Jezireh im Nordosten des Landes. Die Stadt kontrolliert also noch heute den Güteraustausch von West nach Ost und umgekehrt. Noch vor wenigen Jahren war hier die einzige Möglichkeit, Autos und Lastwagen mit Benzin zu versorgen. Palmyra besitzt – neben Aleppo und Damaskus – den einzigen Flughafen in Syrien. Außerdem befindet sich unweit der heutigen Stadt das Gefängnis der Staatssicherheitspolizei für politische Häftlinge. Wer einmal hier einsitzt, hat wenig Hoffnung, das Lager wieder zu verlassen. Militärisch ist Palmyra noch heute von der hoch gelegenen arabischen Zitadelle aus leicht zu kontrollieren. Abgesehen von diesen geographischen, militärischen und wirtschaftlichen Aspekten, ist Palmyra aber auch aus kulturellen und soziopolitischen Gründen von immenser Bedeutung: Die hier ansässige, teils halbnomadisierende Bevölkerung bildet den Puffer und zugleich die Verbindung zwischen den städtischen organisierten sozialen Strukturen der Küstenzone im Westen und der agrarisch strukturierten Bevölkerung am Euphrat. Von dieser Situation hat Palmyra bereits in der Antike profitiert.

          Sie haben seit 1980 dreißig Jahre lang in Palmyra gegraben. Wie hat sich durch Ihre Arbeit und die Ihrer Kollegen unser Bild von Palmyra seither gewandelt?

          Im Herzen Syriens: Palmyra
          Im Herzen Syriens: Palmyra : Bild: F.A.Z.

          Man sollte das nicht überbewerten: Alles, was Archäologen dort in ständiger ausgezeichneter Kooperation mit der Syrischen Antikendirektion tun – ausgraben, erforschen und gemeinsam publizieren–, ist im besten Fall Grundlagenforschung, also Wertschöpfung bisher unbekannten Materials und damit bisher unbekannter historischer Quellen. Ich habe im Rahmen eines langjährigen Kooperationsabkommens zwischen dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI), das dem deutschen Außenministerium angegliedert ist, und der Syrischen Antikendirektion verschiedene Projekte in Palmyra durchgeführt.

          Was für Projekte?

          Zunächst wurde eines der bis dahin unbekannten Tempelgräber exemplarisch freigelegt, untersucht und gemeinsam publiziert. Dabei wurde zum ersten Mal in Palmyra ein Bau dieses Typus genau aufgemessen und rekonstruiert. Dann haben wir gemeinsam mit Kollegen von der Katholischen Universität Leuven die Steinbrüche von Palmyra vermessen und untersucht. An der Publikation wird gerade gearbeitet.

          Was ist an den Steinbrüchen so interessant?

          Sie haben das gesamte Baumaterial für die antike Stadt, aber auch für die zahlreichen Skulpturen geliefert und geben nicht nur Hinweise auf Steinbruch-, Transport- und Bauweise im antiken Palmyra, sondern erlauben auch neue Erkenntnisse zur historischen Entwicklung der antiken Stadt. In einem weiteren Projekt wurden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Textilkonservierung und Textilgeschichte der Fachhochschule Köln die antiken Textilien von Palmyra untersucht. In Gräbern, die aus dem 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. stammen, wurden Hunderte von Textilien gefunden – der umfangreichste antike Textilbestand gesicherter Provenienz überhaupt. Sie alle wurden gereinigt, konserviert, publiziert und zum Teil der Öffentlichkeit präsentiert: in Ausstellungen in Palmyra sowie im Nationalmuseum von Damaskus.

          Was sind das für Textilien?

          Stoffe aus Wolle, Baumwolle und Leinen – sogar Seidengewebe aus China sind darunter. Das Konvolut erlaubt eine völlig neue Sicht nicht nur auf die antike Textilgeschichte, sondern auch auf die weitreichenden Handelsbeziehungen Palmyras bis nach China. Zuletzt haben wir durch geophysikalische Messungen die Vorgängerstadt des römischen Palmyra entdeckt, diesmal in Kooperation mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Diese vom Sand begrabene Stadt liegt südlich der römischen Ruinen. Wir haben Häuser aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. entdeckt, darunter die Residenz eines Karawanenherren. Anhand der sogenannten Kleinfunde, und hier vor allem anhand der Keramik, stellte sich heraus, dass die globalen Handelsverbindungen dieses Herren von Spanien bis nach Mesopotamien, von der mittleren Donau bis nach Nordafrika gereicht haben müssen.

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