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Interdisziplinäre Reflexion : Gemeinsam die Welt verstehen

Suche nach Unbekanntem als erkenntnistheoretisches Problem - simulierte Daten des Atlas-Detektors am „Large Hadron Collider“ des Cern Bild: CERN/ATLAS

Die Wissenschaft erlebt eine Phase der Umbrüche – Zeit, sich über Fächergrenzen hinaus zusammen zu finden und die Grundlagen, Reichweite und Grenzen von Forschung auszuloten.

          Wenn Naturwissenschaftler Witze über Geisteswissenschaftler reißen – umso mehr über diejenigen, die sich anmaßen, etwas über die empirischen Wissenschaften aussagen zu wollen –, ist das immer ein Garant für viele Lacher. „Wissenschaftsphilosophie ist für die Wissenschaftler ähnlich nützlich wie die Ornithologie für die Vögel“, wird gerne ein ursprünglich wohl von Barnett Newman in Bezug auf die Musikwissenschaften ersonnener Vergleich zitiert. Der berühmte Fernseh-Astrophysiker Neil deGrasse Tyson gab vor einigen Jahren bekannt, er könne mit Philosophie nichts anfangen, schließlich könnten Philosophen, abgelenkt durch selbsterdachte tiefgreifende Fragen, nicht einmal unbeschadet eine Straße überqueren. Und Stephen Hawking fasste es in seinem Buch „The Grand Design“ kurz zusammen: „Die Philosophie ist tot.“

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Tot, halbtot oder unnütz – sind Philosophen nichts anderes als weltfremde Antipragmatiker? Die Philosophen selbst sehen dies naturgemäß anders. Nicht erst Karl Popper, derjenige Wissenschaftsphilosoph, auf den sich wohl die meisten Naturwissenschaftler als kleinsten gemeinsamen Nenner sinnvoller Wissenschaftstheorie noch einigen können, verstand Philosophie und moderne Naturwissenschaft als eng verknüpft: „Ich glaube jedoch, dass es zumindest ein philosophisches Problem gibt, das alle denkenden Menschen interessiert. Es ist das Problem der Kosmologie: das Problem, die Welt zu verstehen – auch uns selbst (...) und unser Wissen“, schrieb er 1959 in seinem Vorwort zur ersten englischen Ausgabe seiner „Logik der Forschung“. Wer die Wissenschaft in ihrer Logik und ihrem Geltungsanspruch verstehen wolle, der komme somit nicht umhin, sich philosophisch mit ihr auseinanderzusetzen.

          Von Wissenschaftlern gerne zitiert - Sir Karl Popper 1983 bei einer Diskussion in Wien

          Aus Poppers Mund kommend, mögen viele Naturwissenschaftler diese Behauptung noch unterschreiben – dessen Falsifikationskriterium, das die empirische Widerlegbarkeit wissenschaftlicher Theorien fordert, erfreut sich unter Wissenschaftlern ungebrochen großer Beliebtheit. Schwieriger wurde es den Naturwissenschaftlern dagegen von einigen wissenschaftstheoretischen Nachfolgern Karl Poppers gemacht. Thomas Kuhn, der Verfechter des maßgeblichen Einflusses politischer und sozialer Faktoren auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, schockierte 1962 mit der Aussage, man müsse die Vorstellung langfristigen wissenschaftlichen Fortschritts über den Haufen werfen. Noch radikaler war Paul Feyerabend, der seit Mitte der 1970er Jahre zur wissenschaftlichen Methodenanarchie aufrief. Seine Parole „anything goes“ öffnete der Vorstellung Tür und Tor, dass es letztendlich viele Wahrheiten gebe, unter denen die wissenschaftliche keineswegs besonders ausgezeichnet sei: eine Strömung, die man als intellektuellen Vorläufer heutiger anti-intellektueller Wissenschaftsskepsis sehen kann.

          Auf in die wissenschaftliche Praxis

          Mit dieser Form von Wissenschaftstheorie konnten und können viele Wissenschaftler nicht viel anfangen. Die Aussage, dass all das, was wir wissenschaftlich erforschen, nichts anderes als unsere weitgehend beliebige menschliche Konstruktion sein soll, läuft dem wahrgenommenen wissenschaftlichen Alltag zu sehr entgegen. Genau das haben in den vergangenen Jahrzehnten aber auch die Philosophen zunehmend als Mangel erkannt und sich daraufhin verstärkt der Reflexion und Analyse der tatsächlichen wissenschaftlichen Praxis gewidmet. Dennoch ist es eine vergleichsweise junge Entwicklung, dass Philosophen und andere Geisteswissenschaftler sich auch immer häufiger mit Naturwissenschaftlern in interdisziplinären Projekten zusammenschließen. Schon allein das weitverbreitete akademische Schubladendenken, das sich effizient in institutionellen Strukturen verfestigt hat, hatte solche Kooperationen über die Fächergrenzen hinweg lange alles andere als gefördert – nun aber scheint sich vermehrt die Überzeugung durchzusetzen, dass sich Naturwissenschaftler und Philosophen eben doch etwas zu sagen haben. Und das in beiden Richtungen.

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