Er war der Held des Abends, erzielte das einzige Tor. Trotzdem: Mario Gomez, deutscher Nationalstürmer, schallte nach dem Spiel gegen Portugal böse Kritik entgegen. ARD-Experte und Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl hatte Sorge, Gomez habe sich während seiner Einsatzzeit wundgelegen. Dabei folgte dieser nur vortrefflich seinen Vorgaben. Denn der deutsche Sieg gründete auf Wissenschaft. Ein Scoutingteam der Deutschen Sporthochschule Köln hatte zuvor die Geheimnisse der iberischen Spielkunst entschlüsselt und fasste sie in einem Dossier zusammen. Mehr als hundert Stunden Videomaterial standen der Nationalelf zur Verfügung, um ihre Gegner zu studieren.
In der Datenflut wurden nicht nur Passrouten und Laufstafetten wissenschaftlich ausgewertet, auch Boulevardmeldungen über die Spieler fanden ihren empirischen Platz. Die Statistiker haben ganze Arbeit geleistet. Nach eigenen Angaben konnten sie das Spiel der Portugiesen zu neunzig Prozent exakt vorhersagen. Da war der entspannte 1:0 Sieg scheinbar reine Formsache. Der Wissensvorsprung ermöglichte es der deutschen Elf sogar, ihre Leistung entsprechend zu drosseln und somit wichtige Kräfte für den weiteren Turnierverlauf zu sparen. Speziell Mario Gomez hat die Anweisungen präzise umgesetzt und soll daher lobend erwähnt werden. Seine Aktionen im Spiel lassen sich unkompliziert zusammenfassen: Kopfball, Siegtreffer, Auswechslung. Und das in achtzig Minuten.
Die Datenpakete der Gegner
Längst hat die Wissenschaft Einzug gehalten in des Deutschen liebste Sportart. Nichts wird mehr dem Zufall überlassen, jedes Detail penibel durchdacht und optimiert. Der moderne Sanitäter sitzt beispielsweise nicht mehr nur auf der Bank, sondern steckt im Trikot und verrichtet präventiv sein Werk. Kleine Sonden messen Herzfrequenz und Körpertemperatur und versenden die Daten permanent, damit die Spieler bei Ermüdung ausgewechselt werden können. Seit ein paar Jahren geht die Nationalmannschaft wissenschaftlich Schritt für Schritt weiter. Der Datenhunger wird konsequent ausgeweitet. Vor Jahren vom damaligen Bundestrainer Klinsmann erstmals engagiert, kundschaftet die Abteilung Scouting der Sporthochschule Köln seither die Konkurrenz systematisch aus. Für die aktuelle Europameisterschaft erstellten vierzig Studenten und drei wissenschaftliche Mitarbeiter unter Jürgen Buschmann die Dossiers der Kontrahenten. Natürlich ist auch das holländische Datenpaket bereits geschnürt und wurde in den vergangenen Tagen um das Dänemark-Spiel erweitert. Die Informationen stehen allerdings exklusiv der Nationalelf zur Verfügung. Wir Fans sollen dem Ausgang des Spiels weiterhin unbefangen entgegenfiebern dürfen.
Tja, ...
Dr. Wolfgang Klein (drwklein)
- 14.06.2012, 19:27 Uhr