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Glosse: Forschungsmittel Europas Zaudern

 ·  Europa ist stolz auf seine Spitzenforscher, aber Brüssel agiert unglücklich. Genauso wie die Mitgliedsländer, wenn sie die Forschung wider besseres Wissen schröpfen wollen.

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Man kann nicht behaupten, dass die Europäische Union ein glückliches Händchen im Umgang mit ihren Spitzenforschern hat. Der „europäische Forschungsraum“, das große Ziel, ist zwar defintiv weiter voran gekommen als imaginäre Vereinigte Staaten von Europa, aber das hat Brüssel weniger seinen Sachwaltern in der Administration als den Wissenschaftlern in den Ländern selbst zu verdanken. Vernetzung über die Grenzen ist jedenfalls in den technischen Fächern quasi obligatorisch, konkurrenzfähige Projekte sind in der Regel internationale Allianzen, die sich in den Ländern die besten Köpfe suchen. Dazu braucht es keine EU. Und tatsächlich hat auch die Kommission etwa beim Aufbau des Europäischen Forschungsrates ihrerseits alles getan, die besten Köpfe zu ärgern und ein Glanzstück der europäischen Spitzenförderung um ein Haar zu verspielen.

Der erste Generalsekretär des Forschungsrats, Ernst-Ludwig Winnacker, hat seine Begegnung mit den Bürokraten nicht umsonst als „Schocktherapie“ bezeichnet. Es ist also schon viel Porzellan zerschlagen worden in Brüssel. Die Vergabe des mit einer Milliarde Euro dotierten und mit viel publizistischem Pomp vergebenen Flaggschiff-Preises durch die EU vor kurzem darf man getrost auch dazu zählen. Das visionäre „Human Brain Project“, das die Simulation menschlicher Hirnprozesse und den Aufbau eines extrem effizienten „neuromorphen Computersystems“ zum Ziel hat, wurde schon vor der Auszeichnung durch die Geheimjury öffentlich als Schaufensterprojekt gebrandmarkt. Dabei weiß heute niemand zu sagen, wie hoch die wissenschaftlichen Früchte dieses Unternehmens wirklich hängen. Seine Realisierungschancen sind schlicht spekulativ. Aber sind Utopien schon jemals ein gutes Ausschlusskriterium gewesen? Deutschland hat beim Humangenomprojekt in der Hinsicht bittere Erfahrungen gemacht. Und der Europäische Forschungsrat hat die Auswahl unkonventioneller, mutiger Ideen sogar zum Programm gemacht. Die Debatte zeigt allerdings: Der Wettbewerb um Gelder wird in einem größeren Forschungsraum nicht kleiner und nicht weniger giftig. Dabei geht es jetzt doch um Einheit. In dieser Woche berät der Europäische Rat erneut über das EU-Budget und damit über „ Horizon 2020“, in dem auf Vorschlag der Kommission ab 2014 etwas mehr als 80 Milliarden Euro für Projekte ausgegeben werden sollen. Mit 44 Nobelpreisträgern, 153 000 Petitionsunterschriften und der Großindustrie im Rücken kämpfen Europas Forschungsmanager jetzt Seite an Seite mit der Kommission, weil einige EU-Staaten die Wirtschaftskrise für eine Schrumpfkur nutzen wollen. Europa könnte am Ende im Wettbewerb mit den gewaltig aufschließenden Ländern Asiens weiter zurückfallen. Seine Lissabon-Strategie hin zum „dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt“ klingt heute mehr denn je wie blanker Hohn.

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