Ich bin weder ein Befürworter noch ein Gegner der Forschung, die im Labor Varianten des Vogelgrippe-Virus herstellt, um deren Übertragbarkeit und Gefährlichkeit zu untersuchen. Ich bin auch nicht qualifiziert, die vorgenommenen Abwägungen zwischen Nutzen und Risiko zu bewerten. Also zum Beispiel die Frage zu beantworten, ob man diese Versuche fortsetzen oder verbieten sollte. Oder zumindest durch neue Sicherheitsrichtlinien eingrenzen.
Meine Kompetenz liegt vielmehr im Bereich der Risikokommunikation. Das Ziel des Moratoriums für diese Forschung an H5N1-Viren war meiner Meinung nach vor allem, Zeit zu gewinnen. Zeit, um die Öffentlichkeit zu „erziehen“. Dahinter steckte die klar erkennbare Strategie, der Öffentlichkeit möglichst einleuchtend zu erklären, warum diese Art von Forschung hinreichend sicher ist. Manchmal wurde auch behauptet, man wolle die Meinung der Öffentlichkeit überhaupt erst einmal hören. Doch das war allenfalls ein nachgeordnetes Ziel. Wenn ein solcher Dialog erwünscht war, dann allein zu dem Zweck, dass die Kritiker weniger alarmiert sein würden, wenn ihre Bedenken zur Kenntnis genommen worden wären.
Laborunfälle sind häufiger, als die Öffentlichkeit denkt
Ganz offenkundig war es zumindest kein erklärtes Ziel des Moratoriums, Menschen darüber zu informieren, dass es ein erhebliches Risiko darstellen könnte, sollte einmal ein mittels Bio-Engineering erschaffenes H5N1-Virus mit pandemischem Potential aus einem Labor freigesetzt werden. Im Gegenteil: Die Menschen sollten während des Moratoriums davon überzeugt werden, dass ein solches Risiko vernachlässigbar klein ist.
Stimmt das denn? Wie hoch das Risiko einer unabsichtlichen Freisetzung von H5N1 aus einem Hochsicherheitslabor tatsächlich ist, weiß ich nicht. Aber alles, was ich über Risikowahrnehmung und Risikokommunikation weiß, sagt mir, dass das Risiko größer ist, als die Experten glauben. Und die meisten Experten werden insgeheim auch zugeben, dass es in Wahrheit größer ist, als sie derzeit öffentlich sagen.
Dazu ein paar Fakten: Laborunfälle sind häufiger, als die Öffentlichkeit denkt und viele offizielle Stellen einräumen. Nicht alle Unfälle werden gemeldet, die meisten werden geheim gehalten. Auch Beinahe-Unfälle werden weder gemeldet noch irgendwo katalogisiert und ausgewertet, um aus Fehlern zu lernen. Dieser Zustand ist weit entfernt vom „State of the Art“ des Sicherheitsmanagements in den meisten Unternehmen.
Blinder Fleck gegenüber bösen Kerlen
Nun heißt es üblicherweise, die höchsten Risiken gingen von Terroristen außerhalb der Laboratorien aus. In Wahrheit aber geht das mit Abstand größte reale Risiko von einem Insider im Labor aus, der die Sicherheitsregeln umgeht, vielleicht persönliche Unzufriedenheit artikulieren will, sich mit einer terroristischen Gruppe verbündet oder schlicht und einfach verrückt wird. Bisher werden erstaunlich wenige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um zu verhindern, dass ein Wissenschaftler oder Techniker zum Schurken wird, zum Beispiel indem er ein Fläschchen mit tödlichem Inhalt aus dem Labor schmuggelt.
Seit Jahrzehnten frage ich meine Klienten, was sie in ihrem Unternehmen tun würden, wenn ein Mitarbeiter in einem risikosensitiven Bereich durchdreht. Die Antworten auf meine Frage sind in der Regel keinesfalls mustergültig. Aber ich vermute stark, die Antworten von akademischen Labormanagern würden noch deutlich weniger konkret ausfallen. Wahrscheinlich würden sie sich allein schon durch die Frage beleidigt fühlen. Was ein Fehler wäre.
Viel häufiger als kommerzielle Unternehmen haben Gesundheitsexperten und akademische Forscher das, was meine Frau Jody Lanard und ich einmal den „blinden Fleck gegenüber bösen Kerlen“ genannt haben. Unser zentrales Beispiel für diese These ist die bisher kaum bekannte Geschichte, wie amerikanische Gesundheitsbehörden im Jahr 2005 reagierten, als sie erfuhren, dass eine Diagnostikfirma irrtümlich Proben eines Test-Kits mit einem potentiellen Pandemie-Virus an Labors in aller Welt verschickt hatte. Nach dem Vorfall wurde ein Fax an alle gesendet, in dem erklärt wurde, was passiert war. Anschließend bat man darum, die Proben zu zerstören. Genau mit dieser Kommunikation verwandelten die Verantwortlichen ein kleines Unfallrisiko in ein sehr viel relevanteres Terrorismusrisiko.
Keine echte Diskussion
Als sich die H5N1-Kontroverse vor einem Jahr in der Fachwelt zu erhitzen begann, nahm zunächst nur wenige davon Notiz. Das Interesse erlahmte nach dem Moratorium vollends. Mit anderen Worten: Es gab bei diesem Thema überhaupt kaum eine - angeblich erwünschte - Beteiligung der Öffentlichkeit. Natürlich hätte es Möglichkeiten für sinnvollere Dialoge mit verschiedenen Interessengruppen gegeben, vor allem für solche mit besonders kritischen oder auch nur skeptischen Akteuren.
Genau ein solcher Dialog aber war kein erkennbares Ziel des freiwilligen Forschungs-Moratoriums. Man muss nur einen Blick in das Programm des „International Consultative Workshop“ über die H5N1-Kontroverse werfen, der im vergangenen Dezember in Bethesda, Maryland, mit Fördermitteln des amerikanischen Gesundheitsministeriums veranstaltet wurde. Auf der Agenda standen sage und schreibe 73 Vortragende, Moderatoren und Podiumsteilnehmer, die innerhalb von sechzehn Stunden an zwei Tagen auftraten. Das waren pro Sprecher gerade mal vierzehn Minuten Redezeit. Fünfmal sollte dem Publikum die Möglichkeit geboten werden, sich zu Wort zu melden. Ich war nicht dort, also kann ich nicht beurteilen, wie viele Kommentare zugelassen wurden. Eine moderierte Diskussion aber, bei der einige Leute in einem Raum für ein oder zwei Minuten sprechen dürfen, um dann zu erfahren, das war’s, lassen Sie uns jetzt jemand anderen hören, ist zweifellos keine echte Diskussion. So stellt man höchstens sicher, dass kein Aspekt ernsthaft verfolgt, näher untersucht, beantwortet oder einfach nur gehört wird.
Sicherheitsvorkehrungen wurden nicht wesentlich verschärft
Das Moratorium war, wie gesagt, eine bloße Kommunikationsstrategie. Es war niemals als eine ernsthafte Sicherheitsvorkehrung für womöglich riskante Laborforschung gedacht. Seine Einhaltung hatte für niemanden Folgen, außer für die, die es unterzeichnet hatten und auf öffentliche Förderung durch amerikanische Behörden wie die National Institutes of Health (NIH) angewiesen waren. Andere Wissenschaftler in aller Welt konnten ungehindert weitermachen. Die Forschung in den geheimen Militärlaboratorien der Vereinigten Staaten und andernorts ging weiter. Die Amateur-Biologen in ihren Garagen konnten sowieso weiterforschen.
Auch die Forscher, die das Moratorium vor einem Jahr unterzeichnet haben, dürfen ihre Arbeit nach dessen Auslaufen jetzt wiederaufnehmen. Mehr noch: Sie können das tun, ohne dass die Sicherheitsvorkehrungen wesentlich verschärft worden wären, eine Maßnahme übrigens, die alle Unterzeichner des Moratoriums ohnehin nie ernsthaft für nötig befunden haben.
Damit steht für mich die Frage im Raum, ob das Moratorium seinen Zweck als Kommunikationsstrategie erreicht hat. Es kommt drauf an, aus welchem Blickwinkel man das betrachtet. Zunächst einmal hat es das Moratorium nicht geschafft, eine Menge von Bürgern auf die Risiken einer solchen Forschung aufmerksam zu machen. Auch nicht für das Risiko zu sensibilisieren, dass darin läge, wenn diese Art der Wissenschaft künftig nur noch Waffenforschern und Amateuren möglich wäre. Auch darin liegt nämlich ein häufig übersehenes, aber fundamentales Dilemma des „Dual Use“, also der Nutzung von Forschungsergebnissen zu guten wie zu bösen Zwecken. Derartige Zusammenhänge öffentlich zu erörtern, war aber ebenfalls nicht das Ziel des Moratoriums gewesen.
Das wesentliche Ziel der Unterzeichner
Das Moratorium hat die Forschung mit angeschärften H5N1-Viren nicht signifikant sicherer gemacht. Nicht einmal im Bereich der Vogelgrippe-Forschung, die von den National Institutes of Health erfasst wird. Das Moratorium hat zudem nicht dazu geführt, kritische Stimmen in einen substantiellen Dialog einzubinden. Damit könnte es eine echte öffentliche Debatte sogar unterdrückt haben, indem es sie auf Insider beschränkte und auf besonders entschlossene, aber nicht unbedingt kompetente Kritiker.
Als das Dilemma vor der Veröffentlichung der fraglichen Artikel am größten schien, gab es vor einem Jahr immerhin eine kleine öffentliche Diskussion. Das Moratorium könnte dafür gesorgt haben, dass selbst diese marginale Debatte im Keim erstickt wurde. Genau das, so lautet mein Argument, war offenbar das wesentliche Ziel der Unterzeichner.
Wie gut diese Strategie funktioniert hat, werden wir erst sehen, wenn wir wissen, wie es mit der öffentlichen Debatte weitergeht. Wenn sich das zu einer größeren Auseinandersetzung entwickelt, hätte das Moratorium als Strategie der Kommunikation versagt. Wenn die Wiederaufnahme der Forschungen aber in den Massenmedien und in der Öffentlichkeit keine Aufmerksamkeit findet, kommt dem Moratorium womöglich das Verdienst (oder, je nach Standpunkt, die Schuld) zu, eine dringend nötige Kontroverse über strittige Forschung abgewürgt zu haben.
Aus dem Englischen von Volker Stollorz
Der Zauberlehrling
Christopher Wan (ChristopherWan)
- 25.01.2013, 21:33 Uhr
"Laborunfälle sind häufiger, als die Öffentlichkeit
denkt ..."
Ulrich Stauf (DH7XU)
- 22.01.2013, 06:51 Uhr