Home
http://www.faz.net/-hfh-75v18
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Forschung mit Vogelgrippe-Virus Reine Augenwischerei

Vor einem Jahr trat ein Moratorium in Kraft, Experimente mit dem Vogelgrippe-Virus wurden auf Eis gelegt. Nun soll es aufgehoben werden. Was hat die Denkpause gebracht?

© AFP Vergrößern Unter Vögeln kommt es immer wieder zum Ausbruch der tödlichen Seuche. Der Mensch steckt sich nur selten an. Doch im Labor hat man einen Erreger gezüchtet, der allen Anlass zur Sorge gibt

Ich bin weder ein Befürworter noch ein Gegner der Forschung, die im Labor Varianten des Vogelgrippe-Virus herstellt, um deren Übertragbarkeit und Gefährlichkeit zu untersuchen. Ich bin auch nicht qualifiziert, die vorgenommenen Abwägungen zwischen Nutzen und Risiko zu bewerten. Also zum Beispiel die Frage zu beantworten, ob man diese Versuche fortsetzen oder verbieten sollte. Oder zumindest durch neue Sicherheitsrichtlinien eingrenzen.

Meine Kompetenz liegt vielmehr im Bereich der Risikokommunikation. Das Ziel des Moratoriums für diese Forschung an H5N1-Viren war meiner Meinung nach vor allem, Zeit zu gewinnen. Zeit, um die Öffentlichkeit zu „erziehen“. Dahinter steckte die klar erkennbare Strategie, der Öffentlichkeit möglichst einleuchtend zu erklären, warum diese Art von Forschung hinreichend sicher ist. Manchmal wurde auch behauptet, man wolle die Meinung der Öffentlichkeit überhaupt erst einmal hören. Doch das war allenfalls ein nachgeordnetes Ziel. Wenn ein solcher Dialog erwünscht war, dann allein zu dem Zweck, dass die Kritiker weniger alarmiert sein würden, wenn ihre Bedenken zur Kenntnis genommen worden wären.

Laborunfälle sind häufiger, als die Öffentlichkeit denkt

Ganz offenkundig war es zumindest kein erklärtes Ziel des Moratoriums, Menschen darüber zu informieren, dass es ein erhebliches Risiko darstellen könnte, sollte einmal ein mittels Bio-Engineering erschaffenes H5N1-Virus mit pandemischem Potential aus einem Labor freigesetzt werden. Im Gegenteil: Die Menschen sollten während des Moratoriums davon überzeugt werden, dass ein solches Risiko vernachlässigbar klein ist.

Stimmt das denn? Wie hoch das Risiko einer unabsichtlichen Freisetzung von H5N1 aus einem Hochsicherheitslabor tatsächlich ist, weiß ich nicht. Aber alles, was ich über Risikowahrnehmung und Risikokommunikation weiß, sagt mir, dass das Risiko größer ist, als die Experten glauben. Und die meisten Experten werden insgeheim auch zugeben, dass es in Wahrheit größer ist, als sie derzeit öffentlich sagen.

Dazu ein paar Fakten: Laborunfälle sind häufiger, als die Öffentlichkeit denkt und viele offizielle Stellen einräumen. Nicht alle Unfälle werden gemeldet, die meisten werden geheim gehalten. Auch Beinahe-Unfälle werden weder gemeldet noch irgendwo katalogisiert und ausgewertet, um aus Fehlern zu lernen. Dieser Zustand ist weit entfernt vom „State of the Art“ des Sicherheitsmanagements in den meisten Unternehmen.

Blinder Fleck gegenüber bösen Kerlen

Nun heißt es üblicherweise, die höchsten Risiken gingen von Terroristen außerhalb der Laboratorien aus. In Wahrheit aber geht das mit Abstand größte reale Risiko von einem Insider im Labor aus, der die Sicherheitsregeln umgeht, vielleicht persönliche Unzufriedenheit artikulieren will, sich mit einer terroristischen Gruppe verbündet oder schlicht und einfach verrückt wird. Bisher werden erstaunlich wenige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um zu verhindern, dass ein Wissenschaftler oder Techniker zum Schurken wird, zum Beispiel indem er ein Fläschchen mit tödlichem Inhalt aus dem Labor schmuggelt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Biosicherheit Darf man Ebola zum Fliegen bringen?

Schon einmal hatten Biologen das Gefühl, gefährliche Grenzen zu überschreiten. Das war vor vierzig Jahren. Seitdem ist die Forschung enorm vorangekommen. Zeit für ein neues Moratorium? Mehr

31.08.2014, 22:31 Uhr | Wissen
Medizin Ebola - Wie berechtigt ist die Angst?

Die Ausbreitung des Ebola-Virus findet große Aufmerksamkeit. Andere Viruserkrankungen, denen weit mehr Patienten zum Opfer fallen, aber nicht. Das liegt auch daran, dass Infektionskrankheiten für ausgerottet erklärt wurden. Das war ein folgenschwerer Fehler. Mehr

24.08.2014, 17:07 Uhr | Politik
Studie zu sozialen Medien Auch im Netz regiert die Schweigespirale

Eine neue Studie des einflussreichen amerikanischen „Pew Research Center“ legt nahe, dass soziale Medien keineswegs im erhofften Maße zur Meinungspluralität bei kontrovers diskutierten Themen beitragen. Mehr

26.08.2014, 17:47 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.01.2013, 19:20 Uhr

Berliner Zukunft

Von Christian Schwägerl

Gas geben oder bremsen - wofür entscheidet sich die Bundesforschungsministerin? Sie kann es sich aussuchen, in welche Art von Innovationen sie ihre stattlichen 14 Milliarden Euro anlegt. Ein Vorausblick in den Foresight-Bericht. Mehr 4