Home
http://www.faz.net/-gwz-75v18
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.01.2013, 19:20 Uhr

Forschung mit Vogelgrippe-Virus Reine Augenwischerei

Vor einem Jahr trat ein Moratorium in Kraft, Experimente mit dem Vogelgrippe-Virus wurden auf Eis gelegt. Nun soll es aufgehoben werden. Was hat die Denkpause gebracht?

© AFP Unter Vögeln kommt es immer wieder zum Ausbruch der tödlichen Seuche. Der Mensch steckt sich nur selten an. Doch im Labor hat man einen Erreger gezüchtet, der allen Anlass zur Sorge gibt

Ich bin weder ein Befürworter noch ein Gegner der Forschung, die im Labor Varianten des Vogelgrippe-Virus herstellt, um deren Übertragbarkeit und Gefährlichkeit zu untersuchen. Ich bin auch nicht qualifiziert, die vorgenommenen Abwägungen zwischen Nutzen und Risiko zu bewerten. Also zum Beispiel die Frage zu beantworten, ob man diese Versuche fortsetzen oder verbieten sollte. Oder zumindest durch neue Sicherheitsrichtlinien eingrenzen.

Meine Kompetenz liegt vielmehr im Bereich der Risikokommunikation. Das Ziel des Moratoriums für diese Forschung an H5N1-Viren war meiner Meinung nach vor allem, Zeit zu gewinnen. Zeit, um die Öffentlichkeit zu „erziehen“. Dahinter steckte die klar erkennbare Strategie, der Öffentlichkeit möglichst einleuchtend zu erklären, warum diese Art von Forschung hinreichend sicher ist. Manchmal wurde auch behauptet, man wolle die Meinung der Öffentlichkeit überhaupt erst einmal hören. Doch das war allenfalls ein nachgeordnetes Ziel. Wenn ein solcher Dialog erwünscht war, dann allein zu dem Zweck, dass die Kritiker weniger alarmiert sein würden, wenn ihre Bedenken zur Kenntnis genommen worden wären.

Laborunfälle sind häufiger, als die Öffentlichkeit denkt

Ganz offenkundig war es zumindest kein erklärtes Ziel des Moratoriums, Menschen darüber zu informieren, dass es ein erhebliches Risiko darstellen könnte, sollte einmal ein mittels Bio-Engineering erschaffenes H5N1-Virus mit pandemischem Potential aus einem Labor freigesetzt werden. Im Gegenteil: Die Menschen sollten während des Moratoriums davon überzeugt werden, dass ein solches Risiko vernachlässigbar klein ist.

Stimmt das denn? Wie hoch das Risiko einer unabsichtlichen Freisetzung von H5N1 aus einem Hochsicherheitslabor tatsächlich ist, weiß ich nicht. Aber alles, was ich über Risikowahrnehmung und Risikokommunikation weiß, sagt mir, dass das Risiko größer ist, als die Experten glauben. Und die meisten Experten werden insgeheim auch zugeben, dass es in Wahrheit größer ist, als sie derzeit öffentlich sagen.

Dazu ein paar Fakten: Laborunfälle sind häufiger, als die Öffentlichkeit denkt und viele offizielle Stellen einräumen. Nicht alle Unfälle werden gemeldet, die meisten werden geheim gehalten. Auch Beinahe-Unfälle werden weder gemeldet noch irgendwo katalogisiert und ausgewertet, um aus Fehlern zu lernen. Dieser Zustand ist weit entfernt vom „State of the Art“ des Sicherheitsmanagements in den meisten Unternehmen.

Blinder Fleck gegenüber bösen Kerlen

Nun heißt es üblicherweise, die höchsten Risiken gingen von Terroristen außerhalb der Laboratorien aus. In Wahrheit aber geht das mit Abstand größte reale Risiko von einem Insider im Labor aus, der die Sicherheitsregeln umgeht, vielleicht persönliche Unzufriedenheit artikulieren will, sich mit einer terroristischen Gruppe verbündet oder schlicht und einfach verrückt wird. Bisher werden erstaunlich wenige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, um zu verhindern, dass ein Wissenschaftler oder Techniker zum Schurken wird, zum Beispiel indem er ein Fläschchen mit tödlichem Inhalt aus dem Labor schmuggelt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gefährlicher Virus Amerika will Milliarden in den Kampf gegen Zika investieren

Bisher waren vor allem tropische Länder vom Zika-Virus betroffen. Nach den ersten Zika-Patienten in den Vereinigten Staaten soll nun viel Geld in den Kampf gegen das Virus fließen. Mehr

08.02.2016, 21:14 Uhr | Gesellschaft
Gesundheitskrise DNA-Test für Zika-Virus

Durch eine Blutprobe bekomme man innerhalb von zwei bis drei Stunden ein Ergebnis, so die Forscher. Aus Amerika kamen Meldungen, dass das Virus durch Sexualkontakt übertragen werden könnte. Mehr

04.02.2016, 10:06 Uhr | Gesellschaft
Forschung Großbritannien erlaubt Gen-Experimente mit menschlichen Embryonen

Um kinderlosen Paaren zu helfen, dürfen in London nun Reproduktionsmediziner Designer-Embryonen erzeugen. Allerdings mit einer entscheidenden Auflage. Mehr Von Joachim Müller-Jung

01.02.2016, 12:29 Uhr | Wissen
Dringlichkeitssitzung WHO schlägt wegen Zika-Virus Alarm

Wegen des vor allem in Südamerika grassierenden Zika-Virus hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Dringlichkeitssitzung einberufen. WHO-Chefin Margaret Chan zeigte sich besorgt, dass eine weltweite Ausbreitung des Virus bevorstehen könnte. Mehr

01.02.2016, 20:33 Uhr | Wissen
Vernichten ohne zu töten Atomwissenschaftler machen die Zika-Mücke unfruchtbar

Die Internationalen Atomenergiebehörde in Wien bestrahlt in ihrem Labor männliche Mücken und macht sie damit zeugungsunfähig. Wieder ausgesetzt, können sie sich nicht vermehren – das hilft auch gegen Zika. Mehr Von Stephan Löwenstein, Wien

03.02.2016, 17:23 Uhr | Gesellschaft