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Bildungsstudie : Der Lehrer als Zentrum

Biologie-Unterricht in Niedersachsen: Erfolgreiche Lehrer nehmen sich selbst aus Sicht der Schüler wahr. Bild: dpa

Klassen zu groß, Geld zu knapp, Ausstattung zu schlecht: In der Bildungsdiskussion werden viele Gründe angeführt, warum deutsche Schüler die Erwartungen nicht erfüllen. Ein australischer Forscher kommt nun zu dem Schluss, dass es nur auf einen ankommt - den Lehrer.

          Über Schulen wird viel behauptet. Das gilt vor allem für Rezepte, wie am besten zu lehren sei. Mengenlehre, Gruppenunterricht, selbstorganisiertes Lernen, Anlautmethode, Einsatz von Lernsoftware für Grundschüler, Klippert-Didaktik - es gibt Hunderte von Vorschlägen. Jeder dritte Schülerjahrgang lernt unter anderen Voraussetzungen oder weniger freundlich ausgedrückt: nach einer anderen Mode. Denn die Rezepte wechseln einander nicht etwa deswegen ab, weil sie sich als untauglich erwiesen haben. Nach Belegen für ihre Wirksamkeit wird nur selten gefragt. Sie leben mehr davon, wie sehr sich Lehrer mit ihnen identifizieren, ob sie von Grundschulpädagogen an Hochschulen für kindgemäß gehalten werden - und werden abgelöst, wenn etwas Neues vielversprechend angeboten wird.

          Der neuseeländische, seit 2011 an der University of Melbourne in Australien lehrende Erziehungswissenschaftler John Hattie hat mehr als achthundert Forschungsüberblicke (sogenannte „Meta-Analysen“) zu Faktoren des Lernerfolgs ausgewertet. In sie gingen gut 50 000 weltweit durchgeführte statistische Studien ein, über die Effekte beispielsweise von Hausaufgaben, Förderstunden oder Auswendiglernen. Fast 140 Einflussgrößen sind dabei untersucht worden. Zusätzlich zu Hatties Studie, die vor fünf Jahren auf Englisch und im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen ist, kam soeben die Übersetzung seiner ergänzenden Darstellung der Schlussfolgerungen heraus, die sich für Lehrer anbieten.

          Hattie zufolge gibt es kaum Hinweise darauf, dass folgende Faktoren für das Lernen ausschlaggebend sind: die finanzielle Ausstattung der Schule, die Klassengröße, der Unterschied von staatlichen und privaten Schulen, überhaupt Unterschiede zwischen Schulen, Schulstrukturen oder Bildungsprogrammen. Das alles kann man, so Hatties Resultat, praktisch vergessen. Nicht die Schule, nicht der spezielle Lehrplan, nicht die Unterrichtszeit, nicht einmal die soziale Herkunft der Schüler oder die Leistungshomogenität der Lerngruppen macht den größten Unterschied, sondern - die Lehrer machen ihn.

          Die Lernleistung steigt, wenn Lehrer sich etwas zutrauen

          Und zwar sind es nicht bestimmte Persönlichkeitsmerkmale der Lehrer, sondern ihre Einstellungen zum Unterricht, die den Ausschlag geben. Wenn man so will: die Auffassung, die sie von ihrer Rolle haben. Die Lernleistung der Schüler steigt nämlich, wenn die Lehrer sich einen Einfluss zutrauen, wenn sie „direktiv“ unterrichten, auf Fortschritte achten und das Alter der Schüler in Rechnung stellen. Wenn sie also ein Bewusstsein der Richtung und des nächsten Schrittes haben, auf den der Unterricht zielt und das der Klasse gegenüber auch deutlich machen. „Heute geht es um ...“, wäre nach John Hattie ein guter erster Satzanfang zu Beginn des Unterrichts.

          Das klingt wie eine Trivialität. Aber mit Hatties Befunden erscheinen alle Konzepte fragwürdig, die beispielsweise anstreben, die Rolle des Lehrers zugunsten von „Selbstwirksamkeit“ der Schüler zurückzunehmen. Dass Schüler in jahrgangsübergreifenden Klassen besser lernen, gehört genauso ins Reich unbeweisbarer Wunschvorstellungen wie diejenige, der beste Lehrer sei mehr ein Lernbegleiter oder „Moderator“. Nach Hatties Meta-Meta-Studie sollte das Wort vom „lehrerzentrierten“ Unterricht seinen abfälligen Klang endgültig verloren haben.

          Doch das enthält keineswegs ein Plädoyer für die im Begriff des „Frontalunterrichts“ oft angesprochene Karikatur eines Lehrers, der einfach nur das Pensum vorträgt. Vielmehr sind erfolgreiche Lehrer offenbar solche, die sich selbst aus der Sicht der Schüler wahrnehmen. Zum einen, um festzustellen, dass sie für die Schüler nicht unsichtbar werden und unentschieden wirken dürfen. Zum anderen, um nicht zu monologisieren. Vor allem aber, um nicht selbst der Deutung anheimzufallen, misslingender Unterricht liege eben an den Schülern. „Im Zentrum steht ein Lehrer, für den allerdings seine Schüler im Zentrum stehen“, schrieb der Münsteraner Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart einmal. Was diesen abverlangt werden soll, sind Hattie zufolge, das Argumentieren, die Zusammenfassung von Fragen und Antworten in eigenen Worten sowie die Rückmeldung, wo etwas unklar ist oder was der nächste Schritt sein könnte.

          Hattie hat übrigens auch Faktoren identifiziert, die den Lernerfolg besonders erschweren: häufige Umzüge der Familie, Sitzenbleiben und hoher Fernsehkonsum. Mit anderen Worten: Unterbrechungen und Kontextwechsel sowie ein Freizeitverhalten, das der kognitiven Anstrengung entwöhnt.

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