http://www.faz.net/-gwz-93il7

Wissenschaftliche Zensur : Das hohe Gut

Der Wissenschaftsverlag Springer „Nature“ war ein Gast auf der internationalen Buchmesse in Peking Ende August 2017 Bild: AP

Die Verlagsgruppe „Springer Nature“ hat in China den freien Zugang zu hunderten Artikeln gesperrt. Ihr Inhalt ist den chinesischen Behörden zu heikel. Eine Glosse.

          Prüfet alles, und behaltet das Gute! So heißt es im ersten Brief des Paulus an die Thessalonicher, der durchaus auch außerhalb christlicher Kontexte als hilfreiche Handlungsanweisung dienen kann. Der Aufruf könnte gar als Motto der modernen wissenschaftlichen Publikationskultur verstanden werden, die Horden von Gutachtern zur Prüfung der Qualität von Forschungsarbeiten beschäftigt. Die Chinesen haben nun aber – nicht zum ersten Mal – eine Lesart des Pauluswortes zum Vorschein gebracht, die gänzlich unserer europäisch-liberalen Prägung entgegensteht: Das „Gute“ ist dort das, was der kommunistischen Parteilinie entspricht. Für den globalen Publikationsbetrieb heißt das: Darüber, was in der Volksrepublik erscheinen darf, will die Regierung mitbestimmen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Von diesem Widerspruch zwischen dem hohen Gut der freien Verfügbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse und chinesischem Zensierungseifer hatte sich im August bereits der britische Traditionsverlag Cambridge University Press in die Ecke drängen lassen. Der massive Protest, der dem Verlag nach der Sperrung von 315 missliebigen Artikeln im chinesischen Internet entgegenschlug, führte nach wenigen Tagen zur Rücknahme der Zensur, die ursprünglich dadurch begründet worden war, dass man wenigstens die Zugänglichkeit anderer Materialien für die chinesischen Leser sichern wollte.

          Dieselbe erpresserische Argumentation scheint nun die große Verlagsgruppe „Springer Nature“ getroffen zu haben. Vergangene Woche wurde bestätigt, dass der Zugang zu hunderten Artikeln beschränkt wurde, die von den chinesischen Behörden als heikel eingestuft wurden. Dies betrifft unter anderem Publikationen über Taiwan, Tibet oder zu Menschenrechtsfragen. Nur ein Prozent der Materialien von Springer Nature sei betroffen, übt sich der Verlag in Beschwichtigung. „Das Gute“ wissenschaftlicher Forschung – das Prinzip umfassender akademischer Freiheit – wird dadurch aber grade nicht behalten. Wenn es um westliche Kernüberzeugungen geht, sollte es keine Kompromisse geben.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Pforte zum Kosmos Video-Seite öffnen

          Observatorium : Pforte zum Kosmos

          In den französischen Alpen steht ein Observatorium, das Licht aus vergangener Zeit einfängt. Es hilft uns, die Entstehung der Sterne und unserer Welt zu verstehen.

          Topmeldungen

          Nach Jamaika-Aus : Abgewählt an der Macht

          Die Bundesregierung „führt die Geschäfte“ – und zwar deutlich länger als gedacht. Wo setzt sie jetzt Schwerpunkte? Welche Grenzen zieht das Grundgesetz?
          Mauritius von oben, beliebt bei Tauchtouristen und Steuervermeidern

          Steuervermeidung : Glück und Heuchelei im Paradies

          Steuervermeidung ist eine feine Sache: Sie ist legal, hilft den Aktionären und dem Image. Manager sollten uns nur nicht vorgaukeln, sie wollten die Welt verbessern. Ein Gastbeitrag.

          Urteil gegen Ratko Mladic : Der General hat niemanden, der ihn sucht

          Am Mittwoch spricht das UN-Kriegsverbrechertribunal das letzte Urteil seiner Geschichte. Der Angeklagte Ratko Mladic konnte sich fast 16 Jahre vor seinen Richtern verstecken. Wie gelang das? Eine Rekonstruktion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.