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Wissenschaftspolitik : Das Land der verunsicherten Forscher

Wie stark wird Trump die Forschungswelt auf den Kopf stellen? Bild: AFP

Wie geht es weiter mit der Wissenschaft in den Vereinigten Staaten? Die Humboldt-Stiftung bot bei einem Treffen in Washington Raum für Diskussionen.

          Einen Satz hörte man bei der Zusammenkunft von rund dreihundert amerikanischen Humboldt-Alumni und ausgewählten Nachwuchsforschern vor einigen Wochen in Washington D.C. immer wieder: „Es ist ein Treffen zur rechten Zeit.“ Die Alexander von Humboldt-Stiftung, die sich der Förderung der akademischen Zusammenarbeit zwischen deutschen und ausländischen Forschern verschrieben hat, veranstaltet pro Jahr zwei große Kolloquien im Ausland. Die Entscheidung dafür, das Frühjahrstreffen 2017 in den Vereinigten Staaten zu organisieren, war lange gefallen, bevor der dortige Regierungswechsel auch nur annähernd absehbar war – das Thema des Kolloquiums, „Global Research in the 21st Century: Perspectives of the U.S. Humboldt Network“, war angesichts der vierjährigen organisatorischen Vorlaufzeit entsprechend zeitlos gewählt worden.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Trotz des noch frühen Zeitpunktes in Trumps Präsidentschaft war diese Allgemeinheit des Themas nun bereits von sehr konkreten, aktuellen Bedrohungsszenarien eingeholt worden. Vermeintliche Allgemeinplätze wie die in der Begrüßungsansprache geäußerte Feststellung des Präsidenten der Humboldt-Stiftung Helmut Schwarz, Wissenschaft sei eine lokale, eine nationale, aber eben auch eine globale Angelegenheit, erschienen vor dem Hintergrund präsidialer „America first“-Rhetorik und der Diskussionen um Einreisebeschränkungen in neuem Licht. Die Verunsicherung und der Diskussionsbedarf unter den anwesenden Forschern waren spürbar, auch wenn die tatsächlichen Konsequenzen des Regierungswechsels für den amerikanischen Forschungsbetrieb jenseits anekdotischer Berichte noch wenig greifbar waren. Dennoch schwangen die existierenden Bedenken in vielen Beiträgen des Kolloquiums mit.

          Weitreichende Unterstützung der Forschung war bisher parteiübergreifender Konsens in den Vereinigten Staaten.
          Weitreichende Unterstützung der Forschung war bisher parteiübergreifender Konsens in den Vereinigten Staaten. : Bild: EPA

          So betonte Steven Beckwith, Astronomie-Professor an der University of California, die zentrale Rolle internationaler Forschung für die Lösung globaler Probleme wie die nach wie vor bestehende Bedrohung durch nukleare Waffen und den Klimawandel. Die Universitäten seien aber durch Einschränkungen der amerikanischen Regierung in ihrer internationalen Zusammenarbeit betroffen, vornehmlich durch die aktuellen Einreisebeschränkungen, allgemein aber auch durch die staatliche Kontrolle von Forschungsergebnissen, wie beispielsweise im Rahmen der militärischen ITAR-Regelungen. Universitäten sollten sich daher gegen entsprechende Gesetzesvorlagen auflehnen, gleichzeitig aber auch verstärkt einen engen Kontakt mit der Gesellschaft suchen: „In Berkeley sind wir immer stolz darauf gewesen, elitär zu sein. Zur Elite zu gehören heißt aber, in einer Blase zu leben. Wir müssen breiter über Trends in der Gesellschaft nachdenken und darüber, was wir selbst tun können. Das ist Teil unserer Verantwortung,“ appellierte Beckwith.

          Wissenschaft als Teil amerikanischer DNA

          Vaughan Turekian, Berater für Forschung und Technologie im amerikanischen Außenministerium, mühte sich derweil um Beschwichtigung: „Wissenschaft und Technologie als Teil unserer amerikanischen Außenpolitik sind Bestandteil der DNA des Außenministeriums.“ Mehr als zweihundert Wissenschaftler und Ingenieure arbeiteten dort – die Tendenz sei steigend und würde Wissenschafts- und Technologieberatung in den Vereinigten Staaten auf eines der höchsten Niveaus weltweit heben. Seine besondere Sorge sei allerdings, dass die junge Generation die zentrale Rolle von Grundlagenforschung nicht mehr erkenne, obwohl grundlegendes Wissen überhaupt erst das Fundament der Anwendungen sei.

          Die Sproul Hall der University of California, Berkeley - Eine elitäre Blase?
          Die Sproul Hall der University of California, Berkeley - Eine elitäre Blase? : Bild: Reuters

          Mit seiner Sorge um den Status der Grundlagenforschung war Turekian nicht allein. Bereits im Rahmen der Eröffnung hatte der Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle darauf hingewiesen, dass Forschung immer beides abdecken müsse: langfristige Visionen genauso wie die Lösung dringender Probleme. Die um sich greifende Praxis, wissenschaftliche Forschung bibliometrisch zu evaluieren, stoße hier an ihre Grenzen: „Wenn man wissenschaftliche Durchbrüche nicht vorhersagen kann, gibt es keine funktionierende Metrik.“ Damit sprach er wohl nicht zuletzt Präsident Helmut Schwarz aus dem Herzen, der sich während des Treffens immer wieder auf einen Aufsatz von Abraham Flexner, dem Gründungsdirektor des Princeton Institute for Advanced Study, bezog, der aktuell bei Princeton University Press neu herausgegeben wird.

          Neugier als zentrale Triebfeder

          Im Jahr 1939 hatte Flexner überzeugend dafür argumentiert, dass große wissenschaftliche Entdeckungen oft aus Neugier entspringen und nicht aus dem Wunsch, anwendbare, nützliche Forschung zu betreiben. Das für ihn daraus folgende Vorhaben, Wissenschaftlern die Freiheit zu bieten, ihrer Neugier möglichst uneingeschränkt durch ein starres bürokratische Kontrollkorsett nachgehen zu können, wurde in den Folgejahren zu einem Merkmal amerikanischer Elite-Forschungsinstitute, das deren außerordentlichen Erfolg mit begründete.

          Die Sorge, dass solche Forschungsbedingungen zunehmend der Vergangenheit angehören könnten, scheint angesichts wachsender Skepsis der Bevölkerung gegenüber Grundlagenforschung nicht unbegründet. Das wahre Ausmaß möglicher Konsequenzen des Regierungswechsels für die amerikanische Wissenschaft deutete sich indes erst nach dem Humboldt-Treffen an. Die massiven staatlichen Budgetkürzungen, insbesondere im Bereich der Gesundheits-, Umwelt-, Energie- und Geoforschung, könnten tatsächlich die amerikanische Vorrangstellung in der Forschung gefährden. Die Attraktivität der Humboldt-Förderungen dürfte dadurch für amerikanische Wissenschaftler nur noch weiter steigen.

          Quelle: F.A.Z.

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