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Veröffentlicht: 02.01.2017, 08:28 Uhr

Wahrheit und Lüge Die alte Socke

Wohin verschwinden all die Socken? 15 Socken jedes Jahr. Und wie schaffen wir die Klimalüge aus der Welt? Eine Glosse zum Forschungsstand der Wahrheitssuche.

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© AFP Viel Wäsche, aber auch hohe Verlustquote: Socken waschen ist Sockensuche.

Die Welt wird immer komplizierter, und deshalb ist auch die Wahrheit nichts, was sich zu monopolisieren lohnt, auch wenn man meint, den vollen Durchblick zu haben. Jedenfalls ist unstrittig, dass es immer Leute gibt (und es werden scheinbar immer mehr), die angeblich noch voller durchblicken als die Volldurchblicker. In der Waschküche dagegen liegt die Wahrheit seit Generationen tief verborgen zwischen Wäschekorb und Waschtrommel.

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Wohin verschwinden Jahr für Jahr all die Socken? 15 Socken jährlich sind das nach einer Samsung-Studie aus dem vergangenen Jahr, im Schnitt mehr als 1200 Socken pro Menschenleben. Der Statistiker Geoff Ellis und der Psychologe Simon Moore haben sich dem Rätsel nach einer akribischen, ja kriminalistischen Befragung von 2000 Durchschnittswäschern mathematisch angenähert. Ihr Sockenverlustindex lässt sich mit vier Faktoren herleiten. Entscheidend sind neben der Zahl der Socken pro Waschgang vor allem die Komplexität der Waschladung - wie viel vorher und nachher sortiert wurde - und der Grad an Aufmerksamkeit, die der Wäschesortierer diesen Prozessen schenkt. Anders ausgedrückt: Die meisten Socken verschwinden am Ende irgendwo unbeobachtet unter Möbeln, werden von der Wäscheleine geblasen oder falsch kombiniert - und deshalb entsorgt. Hundertprozentig sicher sind sich die Forscher allerdings nicht mit ihrem Modell, jeden Sockenverlust können sie mir ihrer Formel jedenfalls nicht erklären. Wenn es wenigstens 98 Prozent wären, wäre das ja schon sehr ordentlich. 98 Prozent der amerikanischen Wetterstationen haben in diesem Jahr wärmere Durchschnittstemperaturen gemessen. Was man im ersten Moment als schlagenden Beweis für die fortschreitende Erderwärmung deuten könnte oder, was auch gerne als Wahrheitsmetapher genutzt wird, als Fingerabdruck derselben.

Der kategorische Beweis

Einen „kategorischen Beweis“ des Klimawandels nannte das Gerard Roe von der University of Washington, nachdem er das Abschmelzen der 36 am längsten vermessenen Berggletscher dieser Welt ausgewertet und eine beängstigende Kurve vorzuweisen hatte. Und doch geht das wahrhaftige Rauschen des alpinen Schmelzwassers regelmäßig in der politischen Kakophonie des Alltags unter, wenn nur eine kritische Masse an Andersgläubigen zusammenkommt. Joris Lammers, Nachwuchszukunftspreisträger an der Universität Köln, und Metthew Baldwin vom „Social Cognition Center“ haben uns jetzt für den Umgang mit solchen Wirklichkeitsguerrilleros ein probates Mittel an die Hand gegeben. In keinem geringeren Blatt als den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften haben die beiden erläutert, wie sie in sechs Studien mit 1600 im Internet rekrutierten Probanden auf das Rezept gegen den in der amerikanischen Elite durchaus kursierenden Klimaskeptizismus gestoßen sind.

Konservative, die den Klimawandel leugnen, sind demnach nicht durch einfache Wahrheiten wie das Beobachten schmelzender Eispanzer oder mit Rekordtemperaturen zu überzeugen, sondern schlicht mit der Vergangenheit. Motto: Früher war alles besser. Konservative hätten einen Respekt vor Traditionen, nicht notwendigerweise vor der Zukunft, weshalb man sie nicht mit Wahrheiten, sondern am nostalgischen Nerv packen sollte. Mit ihnen müsse man darüber sprechen, „wie schön der Schwarzwald, der Bayerische Wald oder die Eifel früher waren und wie die Kinder auf der Straße spielen konnten, ohne fürchten zu müssen, von Autos überfahren zu werden“. Mittelgebirge ohne Straßen und Autos? So ist das mit der Wahrheit: Für Klimaskeptiker ist sie eine neumodische Socke. Die kann mal verlorengehen, wie andere Socken eben auch.

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