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Veröffentlicht: 03.01.2017, 11:06 Uhr

Tierversuche Die Affen im Kübel

Haben Tierversuchsgegner die Moral auf ihrer Seite? Nicht, wenn gezielt manipuliert wird. Der traurige Fall des Hirnforschers Logothetis zeigt: Ein Umdenken ist dringend geboten. Ein Gastbeitrag.

von Marco Wehr
© dpa Das Dilemma der Tierversuchsgegner: Freiwilliger Verzicht auf Großteil aller Medikamente?

Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen, eines der weltweit führenden Institute im Bereich der Hirnforschung, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Affenexperimente werden eingestellt. Diesen „Erfolg“ dürfen sich die Tierversuchsgegner auf ihre Fahnen schreiben. Mit ihren fragwürdigen, psychologisch aber wirkungsvollen Kampagnen haben sie die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut weichgekocht.

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Unter ihnen Nikos Logothetis, einer der Direktoren des Instituts und hoch angesehen in seinem Fach. Logothetis versteht die Welt nicht mehr. Das hat mehrere Gründe: Die Geschichte fing damit an, dass ein von der sogenannten Soko-Tierschutz eingeschleuster Tierpfleger in seinem Affenlabor rechtswidrig mit versteckter Kamera filmte, wobei die Bilder in der Nachbearbeitung dramatisch zusammengeschnitten wurden. Dann wurde das Elaborat noch mit Musik in Moll untermalt. Ein gefundenes Fressen für Fernsehformate wie „Stern TV“, die die reißerischen Bilder gerne sendeten. Die Empörung ließ nicht lange auf sich warten. In der Folge wurden die Wissenschaftler des Instituts beschimpft, bedroht und gedemütigt. Verstörend ist für Nikos Logothetis aber auch, wie wenig Unterstützung er und seine Kollegen erfahren. Natürlich wurde der Fall gutachterlich untersucht. In diesem Rahmen schlug man einige Modifikationen im Umgang mit den Versuchstieren vor. Es steht aber fest, dass die Experimente im Einklang mit dem sowieso schon strengen Tierschutzgesetz standen. Im Gegensatz dazu muss man die Rechtmäßigkeit der Methoden, mit denen Logothetis und seine Kollegen angegangen wurden und werden, diskutieren: Das illegale Filmen mit versteckter Kamera, Morddrohungen, Beleidigungen, der Vergleich mit Nazi-Schergen, der Aufruf, die Wissenschaftler zu stalken und anderes mehr sind keine Bagatelldelikte.

Trügerische Grauzone im Internet

Außerdem ist das Internet presserechtlich eine Grauzone. So existiert ein Youtube-Video, das unter anderem von der Soko-Tierschutz editiert ist. Beim Betrachten dieses Videos hat man den Eindruck, aufgeschnittene Affenkörper würden von den Forschern lieblos in von Tierleichen überquellenden Kübeln entsorgt. Psychologisch raffiniert gemacht. Nur stehen diese Kübel definitiv nicht in Tübingen. Die Sequenzen sind in den Film reingeschnitten worden. Woher diese abstoßenden Bilder stammen, ist nicht geklärt. Sind diese Machwerke noch Dokumentationen? Oder gezielte Manipulationen? Auf alle Fälle haben sie die Funktion, den Volkszorn zu schüren. Und das gelingt ihnen vortrefflich.

Doch trotz dieser Verleumdungen und Rechtsbrüche wagte fast niemand, öffentlich für Logothetis einzustehen. Gerade einmal ein Klinikdirektor traute sich in Tübingen aus der Deckung, obwohl viele hinter der Hand mit dem Hirnforscher sympathisieren und die Notwendigkeit seiner Forschung betonen. Daran kann man sehen, wie verunsichert die wissenschaftliche Gemeinschaft ist. Sich ducken, nur keinen Laut geben, nicht auffallen und auf keinen Fall ins Visier geraten! Aber ist das der richtige Weg?

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