http://www.faz.net/-gwz-75xaf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 28.01.2013, 21:07 Uhr

Glosse: Netzversagen Der Feind

Alles eine soziale Illusion? Facebook ist in Wirklichkeit nicht nur eine Neid-Falle, unsere grössten Freunde lassen uns auch noch die Selbstkontrolle verlieren.

von
© REUTERS Da strahlt er, der „Gefällt mir“-Daumen: Weitergehende Meinungsäußerungen sind ab sofort nicht mehr vorgesehen

Mein Freund Jürgen hat vor kurzem eine nachdenkliche Notiz gepostet: Was, schrieb er sichtlich geknickt auf seine Facebook-Timeline, sind schon zweihundert Freunde, wenn ich morgens aufstehe, und der Feind sitzt mir buchstäblich im Nacken: Die Kaffeemaschine streikt, der Joghurt landet auf der Hose, und zum Schluss lande ich in der Leitplanke, weil mein verdammtes Smartphone die Facebook-Nachrichten immer noch nicht selbständig beantworten kann. Ja, das Soziale ist eine trügerische Floskel. Erst recht, wenn es vernetzt daherkommt. Wer das nicht glauben will, sollte mal seine Kuschelhormone bremsen und den Blick auf das werfen, was Wissenschaftler so alles über die sozialen Irrtümer ans Licht bringen. Nehmen wir den Sozialneid: Wirtschaftsinformatiker der Technischen Universitäten Berlin und Darmstadt haben sechshundert Facebook-Nutzer befragt. Ergebnis: Ein Drittel ist frustriert, wenn sie sehen, was ihre Freunde so alles posten. Überhaupt sind ein Fünftel aller Frustrationen der jüngsten Zeit, ob am oder fernab vom Computer, auf die Online-Erfahrungen mit den sogenannten Freunden zurückzuführen.

Joachim  Müller-Jung Folgen:

Der Facebook-Neid senkt brutal die Lebenszufriedenheit. Das mindert aber offenbar nicht im Geringsten die Reiselust in die trügerischen Freundeoasen. Der Freund als das große Trugbild der Moderne? Immanuel Kant hat als Ursache unserer Irrtümer die sittliche Unvollkommenheit des Menschen erkannt. Das würde manches erklären. Sogar die Beobachtung amerikanischer Wissenschaftler von der Columbia Business School, die in einer fünfteiligen Studie mit tausend Facebook-Nutzern herausgefunden haben, dass auch der aktive Freundefetisch irgendwann noch böse endet. Je mehr man sich mit engsten Freunden umgibt und für seine Beiträge nach „Gefällt mir“-Klicks dürstet, desto größer ist die Gefahr, dass man irgendwann überschnappt. Diagnose: übersteigertes Selbstbewusstsein.

Der Nutzer verliert die Selbstkontrolle, was die Psychologen auch in der Offline-Existenz ihrer Probanden statistisch festmachten: Die größten sozialen Helden mit den meisten „Likes“ waren im Schnitt übergewichtiger und höher verschuldet. Der dickste Facebook-Freund dein größter Feind? Das sicherste Mittel, wusste Francis Bacon, sich von falschen Illusionen zu befreien, ist die Methode der Induktion, also das Experiment. Facebook mag das größte soziale Experiment der Welt sein, glücklich macht im besten Fall ein anderes: Erzähl den Witz am Wochenende jemandem auf der Party. Wird dann immer noch gelacht, könnte das der Beginn einer schönen Freundschaft sein.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Digitale Medien Was tun gegen Hass und Terror im Netz?

Nizza, Würzburg, München: Digitale Medien können Gewalt und Hass verstärken. Doch was sollen die Betreiber der Plattformen tun? Ihre Lage ist verzwickt. Mehr Von Hendrik Wieduwilt, Berlin

25.07.2016, 07:25 Uhr | Wirtschaft
Umgang mit der AfD Sie verharmlosen die wahren Feinde unserer Gesellschaft

Eine kämpferische Rede des FDP-Politikers Christian Lindner macht die große Runde in sozialen Netzwerken. Er spricht über den Umgang der etablierten Parteien mit der AfD. Mehr

11.07.2016, 10:56 Uhr | Politik
Reaktionen auf Attentate Warum uns der Terror in Nahost kaum berührt

Bei Anschlägen im Irak, in Afghanistan oder in Bangladesch bleibt der öffentliche Aufschrei in Deutschland meist weitgehend aus. Die Betroffenen fragen sich: Sind dem Westen die Terroropfer in Nahost und Asien egal? Mehr Von Aziza Kasumov

12.07.2016, 07:30 Uhr | Politik
Pakistan Facebook-Starlet Qandeel Baloch von Bruder ermordet

Bei jungen Pakistanern war sie wegen ihres Muts und ihrer Freiheitsliebe beliebt, von vielen in der konservativ-patriarchalischen Gesellschaft wurde Qandeel Baloch wegen ihrer freizügigen Auftritte im Internet angefeindet. Jetzt ist der Facebook-Star vom eigenen Bruder ermordet worden, weil er ihre Videos als anzüglich empfand. Mehr

17.07.2016, 17:53 Uhr | Gesellschaft
Terror und Soziale Netzwerke Ohne Kompass

Soziale Netzwerke können nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Ihre Gründerväter können dafür nicht belangt werden. Sind sie deshalb Terrorhelfer? Mehr Von Mathias Müller von Blumencron

18.07.2016, 07:57 Uhr | Politik