http://www.faz.net/-gwz-8i6wt

Künstliche Intelligenz : Weltwissen brauchen sie alle

  • -Aktualisiert am

Der Streit zwischen Wissenschaftlern: Bedeutet künstliche Intelligenz „viel Wissen“? Bild: Steven T. Caputo, CereberallHack.com

Künstliche Intelligenz fasziniert Wissenschaftler schon seit langem. Nach 32 Jahren Entwicklungsarbeit soll man mit „Cyc“ diesem Ziel näher gekommen sein.

          Die erste und einzige Künstliche Intelligenz, die wirklich versteht, was sie tut: Mangelndes Selbstbewusstsein kann man den Vorstandsvorsitzenden der texanischen Softwareschmiede Lucid nicht vorwerfen. Ihr Produkt heißt Cyc, abgeleitet vom englischen Encyclopedia, galt bislang als der Quastenflosser unter den KI-Systemen: ein kurioses Relikt aus fernen Zeiten. Jetzt kommt es auf den Markt. Und belebt die Debatte um den richtigen Weg zur Künstlichen Intelligenz.

          Im Jahr 1984 startete Douglas Lenat, damals Informatikprofessor in Stanford, das Unterfangen, einem Computer zu erklären, wie die Welt funktioniert. Die 1980er waren in der KI das Zeitalter der Expertensysteme. Ärzte oder Ingenieure ließen sich von Programmierern ihr Fachwissen abfragen, das dann dem Computer ordentlich formalisiert eingegeben wurde.

          Die Expertensysteme erlebten damals einen ähnlichen Hype wie heute das Deep Learning. Die intelligente Maschine schien schon vor der Tür zu stehen. Doch mit dem Umfang der Datenbanken wuchs die Enttäuschung der Forscher. Ihnen wurde klar, dass das Wissen der Welt nicht aus einer endlichen Menge formalisierbarer Sätze besteht, dass nicht alles entweder wahr oder falsch ist. Andere Arten, Wissen zu generieren, darzustellen und zu speichern kamen auf, vor allem die lernfähigen neuronalen Netze, deren jüngster Spross die Deep-Learning-Systeme sind.

          Lenat hält am Weltwissen fest

          Viele sprangen auf diesen neuen Zug auf, Douglas Lenat nicht. Während Cyc in der Community allenfalls noch spöttisch als Beispiel dafür zitiert wurde, wie man es nicht macht, arbeitete Lenat ohne viel Aufhebens weiter, gründete ein Unternehmen namens Cycorp, gab seinen Lehrstuhl auf, warb Fördergelder und Industrieaufträge ein und ließ weiter programmieren, auf die gute alte Art, Satz für Satz.

          Mit Expertenwissen gab er sich nicht lange zufrieden, Cyc sollte alles lernen, was auch ein Kind lernt, sollte nicht programmiert, sondern unterrichtet werden - weshalb die Entwicklung auch so lange gedauert habe: Ein Vogel ist ein Tier. Es kann fliegen. Flugzeuge fliegen auch, aber es sind keine Vögel. Vögel fliegen, indem sie mit den Flügeln schlagen. Nicht alle Vögel können fliegen.

          Im Jahr 2008 gründete ein Weggefährte Lenats das Unternehmen Lucid. Und kürzlich nun verschickte es eine Pressemitteilung: Nach 32 Jahren Entwicklungsarbeit mit Millionen von Programmierstunden sei Cyc jetzt fertig. Mit seinem Wissen soll es die kuriosen Missverständnisse verhindern, die persönliche Assistenzsysteme heute gerne produzieren, auf der Website der Firma werden auch erste Erfolge des bei Problemlösungen im Gesundheitswesen und in der Industrie berichtet.

          Das vollmundige Selbstlob dürfte freilich ein wenig übertrieben sein: „Cyc ist eine Wissensdatenbank, und intelligent ist allenfalls das, was man damit macht“, sagt Kai-Uwe Kühnberger, Professor für Künstliche Intelligenz an der Universität Osnabrück. Dennoch kann er dem Projekt etwas abgewinnen: „Cyc hat mehrere hundertausend Begriffe in Millionen von Aussagen in streng logischer Form gespeichert, von einfachstem Weltwissen bis zu mathematischen Formeln. Das ist ein enormer Fundus, den man für formalisierbare Probleme, etwa um Axiome zu prüfen gut gebrauchen kann.“

          Weitere Themen

          Interview mit Roboter Sophia Video-Seite öffnen

          Künstliche Intelligenz : Interview mit Roboter Sophia

          Auf der Investorenkonferenz in Saudi-Arabien zog sie alle Blicke auf sich: Roboter Sophia. Journalist Andrew Ross führt zum ersten Mal ein Interview mit keinem Menschen, sondern einer Maschine. Die jedoch erstaunlich menschlich wirkt.

          Innovations-Hotspot Taiwan Video-Seite öffnen

          Technik der Zukunft : Innovations-Hotspot Taiwan

          High-Tech-Produkte haben Taiwan reich gemacht. Hier gebaute Computer, Laptops und Smartphones werden auf der ganzen Welt genutzt. Die neue Generation von Startups entwickelt nun die Technik von morgen: Software-Produkte, Apps, künstliche Intelligenz.

          Topmeldungen

          Robert Mueller in Bedrängnis : Gibt es bald einen zweiten Sonderermittler?

          Erst war es eine obskure Idee einiger rechter Trump-Anhänger, aber jetzt rufen immer mehr Republikaner nach einem zweiten Sonderermittler. Der soll auch gegen Hillary Clinton ermitteln – deren vermeintliche Vergehen lassen Trump und seine Leute nicht los.

          Actionserie bei Amazon : Tausend Mal berührt

          Van Damme spielt Van Damme: In „Jean-Claude Van Johnson“ muss der schwerverliebte Actionheld abermals die Welt retten. Er schwankt dabei zwischen Selbstironie und Denkmalschutz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.