http://www.faz.net/-gwz-76ey4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 08.02.2013, 22:22 Uhr

Faktencheck zu Textilboybott: Auswertung Alternativen zu T-Shirts für 4,99

Im jüngsten „Faktencheck“ untersuchten wir mit Lesern und Experten, ob Zertifikate helfen könnten, die Situation von Textilarbeiterinnen in armen Ländern zu verbessern. Hier das Ergebnis der Live-Recherche.

von Ralf Grötker
© dpa Nähen für den Sport: Fabrikarbeiterinnen in Südostasien arbeiten auch für Trikothersteller

Vom 29. bis zum 31. Januar haben wir auf Telepolis, FAZ.net und Freitag.de einen Faktencheck mit dem Titel „Textilboykott“ durchgeführt. Thema war vor allem, ob Zertifikate (wie FairTrade oder FairWear) helfen könnten, die Situation von Textilarbeiterinnen in Bangladesch und anderswo zu verbessern. Leser haben sich mit über 150 Kommentaren beteiligt. Zusätzlich haben drei eingeladene Experten zu der Debatte und der Recherche beigetragen. Die Kommentare wurden fortlaufend in eine Argumentkarte übertragen. Die Karte zeigt auf, wo die Meinungsfronten verlaufen, wie Ablehnung und Zustimmung den diskutierten Thesen und Vorschlägen rechtfertigt werden und wo Lücken in der Begründungskette bestehen. Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Vorab: Thema der Debatte ist nicht ein Total-Boykott. Vielmehr geht es ein moralisches Anliegen, wie es in Fragen wie dieser zum Ausdruck kommt:
Wie kann ich als Verbraucher verhindern, dass Teile aus Fabriken, in denen unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert wird, in meinem Kleiderschrank landen?


Wir wollten wissen: Kann man, zum Beispiel durch den Kauf von fair erzeugter Kleidung, wirklich etwas bewirken? Sind Konsumenten und Unternehmen in Deutschland moralisch in der Pflicht, „fair“ zu handeln? Wie kaum bei anderen Thema, prallen in dieser Frage die Meinungen von Experten (hier: Wirtschaftsforschern) und Laien aufeinander. Wirtschaftsforscher behaupten: „faire“ Produktion führt leicht zu kontraproduktiven Ergebnissen - so dass Arbeiterinnen in Bangladesch und anderswo in Folge des moralischen Engagements von Konsumenten hierzulande am Ende nicht besser dastehen, sondern schlechter. Ist das wirklich plausibel?


An der Debatte beteiligt hat sich auch ein Experteam, bestehend aus:

22990692 © FAZ Vergrößern

Dr. Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende von FemNet e.V. FemNet ist Mitglied im Trägerkreis der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign). Das Ziel der Kampagne ist eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der weltweiten Bekleidungs- und Sportartikelindustrie. Hierzu werden Endverbraucher informiert, wird mit Unternehmen verhandelt, werden Organisationen der ArbeiterInnen unterstützt und öffentliche Kampagnen durchgeführt. 

22990687 © © 2009 Martin Guggisberg Vergrößern

Dr. Ulrich Thielemann. Privatdozent an der Universität St. Gallen, Stellvertretender Beiratsvorsitzender des Ökosozialen Forums Deutschland und Direktor der Denkfabrik für Wirtschaftsethik Me’M. Das Me’M bearbeitet ökonomische Fragen unserer Zeit aus einer paradigmatisch neuartigen, ethisch-integrierten Sicht auf das Wirtschaften. Es möchte praktische Orientierungen bieten und Perspektiven eröffnen für eine Menschliche Marktwirtschaft.

22990688 © FAZ Vergrößern

Prof. Dr. Matthias Lücke. Honorarprofessor an der Christian-Albrechts-Universität Kiel; wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich „Armutsminderung und Entwicklung“ am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er meint: „Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass absolute Armut vor allem dort zurückgegangen ist, wo es Wirtschaftswachstum gab – typischerweise verbunden mit wachsenden Industriegüterexporten. Gerade neue, im internationalen Geschäft unerfahrene Firmen können sich zunächst nur durch günstige Preise den Zugang zum Exportmarkt verschaffen. Vor diesem Hintergrund wären sehr hohe soziale und ökologische Standards für die gesamte Bekleidungs-Wertschöpfungskette entweder nicht durchzusetzen oder kontraproduktiv.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Textilhandel Damast aus dem Erzgebirge

Ein großer Exporteur des mit orientalischem Flair behafteten Stoffs sitzt in Aue im Erzgebirge. Verkauft wird bis Asien und Afrika. Doch die Zukunft birgt Herausforderungen. Mehr

21.06.2016, 14:31 Uhr | Wirtschaft
Bear Content Badender Bär wird zum Internet-Hit

Ein Schwarzbär badet in einer Wanne. Das Video des amerikanischen Zoos aus Portland hat bereits mehr als 1,3 Millionen Klicks bekommen. Es funktioniert also nicht nur Cat-Content. Mehr

09.06.2016, 12:10 Uhr | Gesellschaft
EM-Prognose Und wer wird jetzt Europameister 2016?

Die Vorrunden-Ergebnisse haben Einfluss auf die EM-Prognose, wer den Titel holt. Vorne liegen immer noch Frankreich und Deutschland – doch vor allem zwei Teams haben ihre Chancen verbessert. Mehr

24.06.2016, 16:34 Uhr | Sport
Textilherstellung in Burma Mit heißer Nadel

Die Textilfabriken ziehen weiter: Made in Myanmar klingt in westlichen Ohren besser als Made in Bangladesch. Eine Fotoreportage. Mehr

01.06.2016, 14:25 Uhr | Wirtschaft
FAZ.NET-Interview Noch arbeitet kein Flüchtling bei uns

Bei der Unternehmensberatung Bain arbeiten in Deutschland 40 Berater mit anderen Nationalitäten, ein Flüchtling aber ist nicht darunter. Deutschlandchef Walter Sinn erklärt, warum das so ist. Und warum der Pannenflughafen BER eine Petitesse ist. Mehr Von Christoph Schäfer

22.06.2016, 11:37 Uhr | Wirtschaft