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Faktencheck  Hilft das Sitzenbleiben in der Schule?

Die rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen will das Sitzenbleiben abschaffen. Ist das Durchfallen sinnvoll? Welche Belege gibt es? Recherchieren Sie mit.

© dpa Sitzenbleiben: Ausgedient oder pädagogisch wertvoll?

Deutschlands Schulen lassen im Vergleich zu anderen Ländern ungewöhnlich oft Schulkinder sitzen. Sie müssen dann ein Jahr komplett wiederholen. Die Absicht der rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen, das Sitzenbleiben abzuschaffen beziehungsweise überflüssig zu machen, löste in den letzten Wochen eine heftige Debatte aus. Medien und Menschen streiten über die Frage, ob das Durchfallen eine sinnvoll pädagogische Maßnahme ist. Welche Evidenzen gibt es, auf deren Grundlage der Streit entschieden werden könnte?


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Eigentlich sollte die momentane Aufgeregtheit der öffentlichen Diskussion überraschen: Die Frage des Sitzenbleibens wurde schon seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 eingehend untersucht. Zudem haben bereits mehrere Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Hamburg, Berlin und Rheinland-Pfalz Schulreformen durchgeführt, die das Sitzenbleiben ganz oder teilweise unterbinden. In der Fachwelt gilt die Nichtversetzung überwiegend als überholt. Sie ist Ausdruck eines Schulsystems, das für das 21. Jahrhundert nicht mehr haltbar ist. Dennoch gibt es Lobbygruppen und Forscher, welche die Nichtversetzung in die nächste Klasse als positiven Ansporn ansehen. Auch in der Bevölkerung ist eine deutliche Mehrheit für das Sitzenbleiben.
Das Sitzenbleiben kam vor allem nach der ersten Pisastudie in Verruf, die 2001 erschien. In dieser Studie hatten die deutschen 15-jährigen nicht nur von der Leistung her schlecht abgeschnitten, sie waren sozusagen auch in der Höhe der erreichten Klassenstufen weit hinter den Schülern anderer Staaten zurück geblieben. Während die Schüler anderer Länder meist schon in der 10. Jahrgangsstufe waren, hingen die deutschen Schüler ungewöhnlich deutlich hinterher. In der 10. Klasse befanden sich von den deutschen Pisateilnehmern nur 24 Prozent, in der 9. Klasse rund 60 Prozent. Und sogar unterhalb der neunten Klasse fanden sich noch 16 Prozent der deutschen 15-jährigen.

  • „Der Hauptgrund für den hohen Anteil an Schülerinnen und Schüler, die eine niedrigere als die ihrem Altersjahrgang entsprechende Klassenstufe besuchen ist eine vergleichsweise restriktive Versetzungspraxis“,schrieb Gundel Schümer im Jahr 2001 im ersten Pisaband (Baumert et al 2001: 414).

Kurz gesagt: In anderen Ländern waren 9 von 10 Schülern in der 10. oder gar 11. Klasse, in manchen die Hälfte – in Deutschland nur ein Viertel.

Daraufhin wurden eingehende Analysen vorgenommen, ob es eventuell sogar einen Zusammenhang zwischen dem Sitzenlassen und den insgesamt mittelmäßigen Leistungen der deutschen Schulen gebe. Ausgangspunkt waren drei drei Pisa-Testrunden, die in den Jahren 2000, 2003 und 2006 durchgeführt wurden. Die Tests erfolgten jeweils in den drei Domänen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Alle sechzehn Bundesländer wurden einbezogen. Auf diese Weise wurden insgesamt 144 Tests realisiert. Das Ergebnis: Nur in drei dieser 144 Tests lag die Anzahl jener Schüler, welche die Messlatte der durch PISA definierten Anforderungen erfüllten, über der Anzahl von Schülern, welche den Vorgaben nicht nachkamen.

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