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Entscheidung zum E-Fischen : Europas Gewässer unter Strom

Ein Fischerboot, auf dem die Schleppnetze zum Trocknen aufgehängt sind. Bild: CSIRO

In Kürze entscheidet das EU-Parlament darüber, ob das Fischen mit Strom ausgeweitet wird. Kritiker warnen und sprechen von einem Skandal. Haben Kommission und Ministerrat wissenschaftliche Expertisen vorsätzlich ignoriert?

          Es ist nicht das erste Mal, dass den europäischen Institutionen der Vorwurf gemacht wird, seriösen wissenschaftlichen Rat – auch von eigenen Gutachtergremien – in den Wind zu schlagen und statt dessen Rücksichten auf Lobbyinteressen zu nehmen. In der Landwirtschaftspolitik müssen sich Kommission und Ministerrat solche Vorhaltungen dauernd machen lassen. Wenn es um die Regeln für die Fischerei geht, ist das nciht anders. Da geraten EU-Kommission und Ministerrat immer wieder in schwere See, wie jetzt wieder, da siebzehn Fischerei- und Umweltverbände in einem Brief an EU-Umwelt- und Fischereikommissar Karmenu Vella einen handfesten „europäischen Skandal“ beklagen.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Es geht um die seit Jahrzehnten umstrittene Elektrofischerei - eine erstaunlich einfache Technik, bei der die Netze und Kescher  mit Elektroden so präpariert werden, dass die Tiere durch einen von einem Stromgenerator erzeugten Gleichstrom im Wasser  aufgeschreckt, irritiert und durch ihre Reaktion auf den Pluspol regelrecht in die Falle gelockt werden können.  Im Meer sind es oft starke Stromimpulse, mit denen beispielsweise die Schleppnetzfischer in der Nordsee Jagd auf Wolfsbarsch, Dorsch oder die im Meeresgrund versteckten Seezungen machen.  

          Vor zwanzig Jahren hatte die E-Fischerei in  Brüssel noch einen schlechten Ruf. Sie war  in eine Reihe mit den schädlichsten Fischereitechniken wie den Einsatz von Nervengiften oder Sprengstoff gestellt und verboten worden. Im Jahr  2006 wurden dann Ausnahmen zugelassen, experimentelles Elektrofischen zu „wissenschaftlichen Zwecken“.  Etwa achtzig vor allem niederländische und belgische Fischer hatten die Genehmigung erhalten, damit in der Nordsee fischen zu gehen. Auch in Binnengewässern ist es für Gewässerwarte, Biologen und Fischer, die einen einwöchigen Lehrgang und ein entsprechendes Zertifikat erworben haben, möglich geworden, auf diese Weise vergleichsweise leicht und umweltschonend die irritierten Fische aus dem Wasser zu ziehen. Das Verfahren findet  international immer mehr  Anhänger – nicht nur in der klassischen Fischerei. In Schottland ist man damit etwa gegen die eingeschleppte Amerikanische Schwertmuschel vorgegangen, in Nordamerika soll die E-Fischerei mittlerweile auch zur Dezimierung fremder – „invasiver“ – Fischarten beispielsweise im Colorado River im Grand Canyon eingesetzt werden.

          "Fangfrisch" Bild: dapd

          Nicht zuletzt dank der Überzeugungsarbeit der niederländischen  Regierung hatte die Methode bald schon auch in Europa den Ruf einer auch im Meer  „schonenden“, leichten Fischereitechnik – verglichen jedenfalls  mit der klassischen Schleppnetzfischerei, bei der das Netz an schweren Ketten über den Grund gezogen wird, um auch die im Boden verborgenen Plattfische zu erwischen.   Sogar der Treibstoffverbrauch der Boote  wurde  ins Feld geführt, der bei der effizienteren   E-Fischerei  geringer sei. Und so kam es, dass sich EU-Kommission und schließlich der zuständige Ministerrat vor knapp zwei Jahren mehrheitlich dafür entschieden, die Elektrofischerei in größerem Umfang zuzulassen. Eine Entscheidung, die nur noch durch eine Abstimmungsniederlage im Europäischen Parlament zu Fall gebracht werden könnte. Das Votum steht am 16. Januar auf der Agenda.

          Wenige Tage davor allerdings haben die Kritiker ein schweres Geschütz aufgefahren: Betrug und Manipulation werden den EU-Bürokraten vorgeworfen. „Willkürlich, schädlich, unmoralisch und unrechtmäßig“ sei die Entscheidung pro E-Fischerei.  Dabei geht es im Kern um ein Gutachten des zuständigen wissenschaftlichen Gutachtergremium im Fischereiausschuss, dem STECF – ebenjenes Gutachten, auf das sich die EU-Kommission  bei ihrem Vorschlag zur  Zulassung von E-Fischereiausnahmen im Jahr 2006 zum großen Teil berufen hatte. Die Fischereiwissenschaftler seien zu einem völlig anderen als dem damals behaupteten Schluss gekommen,  so schreiben die siebzehn von der Organisation „Bloom“ angeführten Verbände in ihrem Brief an den EU-Kommissar.

          Brüssel habe sogar ausdrücklich gegen den Rat der eigenen Experten pro E-Fischerei  gedrängt.  „Im Gegensatz zu der Aussage in der europäischen Verordnung vom Dezember 2006“, so heißt es in einer Mittelung der Kritiker, „gemäß der ‚Fischfang mit Baumkurren unter Verwendung von Impulsstrom unter bestimmten Bedingungen zugelassen werden‘ sollte, warnte das wissenschaftliche Gutachten, das laut Datumsangabe einen Monat zuvor ausgestellt worden war, vor einer ‚Reihe von Problemen, die gelöst werden müssen, bevor irgendeine Ausnahmeregelung genehmigt werden kann‘.“

          Für die Kritiker eine skandalöse Enthüllung. In ihren Augen gilt die Elektrofischerei als zerstörerisch, sie mache gleichsam den Weg frei für einen Kahlschlag in den Fischbeständen und stehe damit konträr zu allen Nachhaltigkeitszielen der europäischen Fischereipolitik . Bei der Elektroschleppnetzfischerei geht angeblich so viel Beifang in die Netze, dass zehnmal so viele Tiere wie bei der handwerklichen Kiemennetzfischerei zurück ins Meer geworfen werden müssen.  Dessen ungeachtet, so beklagen die Verbände, seien seit der Entscheidung vor mehr als zehn Jahren viele Millionen Euro in die Förderung der Elektrofischerei gegangen.

          Sonnenaufgang hinter einem Fischerboot.
          Sonnenaufgang hinter einem Fischerboot. : Bild: dpa

          Viele andere Länder hätten wie China die Methode als zerstörerisch eingestuft und untersagt. „Die Elektrofischerei ist in jeder Hinsicht beschämend für Europa“, heißt es in dem Brief an EU-Fischereikommissar Vella.  Die viel und zu Recht beklagte Überfischung der Meere werde so jedenfalls nicht gebremst. Aussagekräftige neuere Umweltverträglichkeitsprüfungen, die einen Vergleich der Elektrofischerei im industriellen Maßstab  mit den herkömmlichen Methoden zulassen würden, gibt es offenbar nicht.  

          Quelle: FAZ.NET

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