18.05.2006 · Ungewöhnliches Naturschauspiel am Mount St. Helens: Diesmal spuckt der Vulkan keine Lava aus, sondern drückt einen Felsbrocken mit erstaunlichem Tempo aus einem Lavadom. Ein solcher Lavapfropfen bildet sich eher selten.
Von Horst RademacherNicht immer ist vulkanische Aktivität gleichbedeutend mit spektakulären Naturkatastrophen, bei denen gewaltige Aschewolken bis in die Stratosphäre geschleudert werden oder rasende Lavaströme und pyroklastische Flüsse ganze Dörfer vernichten. Oft handelt es sich um "sanfte" Vorgänge, mit denen keine unmittelbare Gefahr für die an den Hängen eines Vulkans lebenden Menschen verbunden ist. So hält beispielsweise der Ausbruch des Kilauea auf Hawaii mittlerweile seit mehr als zwanzig Jahren an. Nahezu ohne Unterlaß ergießt sich dabei glutflüssige Lava ins Meer. Auf diese Weise wächst die Insel um mehrere Dutzend Quadratmeter pro Jahr. Ein besonders beeindruckendes Naturschauspiel findet derzeit im Krater des Vulkans Mount St.Helens im amerikanischen Bundesstaat Washington statt. Aus seinem Schlot quillt langsam ein gewaltiger Felsblock, der jeden Tag um mehr als einen Meter wächst.
Bis vor gut einem Vierteljahrhundert galt der Mount St. Helens als gutmütiger schlafender Riese. Im Jahre 1857, zu einer Zeit, als nur wenige weiße Siedler bis in diese abgelegene Gegend der Neuen Welt vorgedrungen waren, hatte der Feuerberg zum letztenmal Lava gespieen. Seitdem zierte er die Gegend zwischen den Großstädten Seattle und Portland als nahezu ebenmäßiger Vulkankegel, was ihm den Namen "Fudschijama Amerikas" einbrachte. Sein 2946 Meter hoher Gipfel war das gesamte Jahr über schneebedeckt. Bergsteiger brauchten Eispickel, Seil und Steigeisen, um die Gletscher an seinen Flanken zu überwinden.
Seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe gekommen
Mitte der siebziger Jahre begann es dann unter dem Berg zu rumoren. Aufsteigendes Magma verriet sich zunächst in wenigen, später in Hunderten kleiner Erdbeben pro Tag. Am Mittag des 27. März 1980 erwachte der Mount St. Helens mit einer leichten Ascheeruption wieder zum Leben. In den folgenden Wochen beulte sich seine Nordflanke um mehr als fünfzig Meter aus. Am 18. Mai schließlich ereignete sich unter dem Vulkan ein mittelschweres Erdbeben. Dabei kam die gesamte Nordflanke ins Rutschen. Innerhalb von nur zwanzig Sekunden, so zeigten Videoaufnahmen später, entstand die größte Lawine seit Menschengedenken. Mit einer Geschwindigkeit von fast 300 Kilometern pro Stunde rutschte der halbe Berg zu Tal. Von dieser gewaltigen Auflast befreit, verschaffte sich das schon seit Monaten unter dem Gipfel brodelnde Magma in einer gewaltigen Explosion Luft.
Seit der Eruption vor 26 Jahren ist der Berg noch immer nicht zur Ruhe gekommen. Nahezu ständig ereignen sich in seinem Inneren Erdbeben, und gelegentlich kommt es zu kleinen Gas- und Ascheausbrüchen. Seit Oktober 2004 beginnt sich außerdem der bei der Eruption im Mai 1980 entstandene Krater zu füllen. In seinem Zentrum wächst nämlich ein Lavadom. Eine solche oft auch als Staukuppe bezeichnete Gesteinsformation kann nur entstehen, wenn das Magma reich an Kieselsäure und damit besonders zähflüssig ist. Anstatt seitlich aus dem Krater abzufließen, bildet es dann einen domförmigen Gesteinsberg, der ständig an Volumen zunimmt, weil Lava aus dem Schlot des Vulkans herausquillt.
Wachstum: 1,5 Meter am Tag
Seit dem vergangenen November schiebt sich nun aus diesem Dom ein riesiger Felsblock aus erstarrter Lava heraus. Geodätische Messungen haben ergeben, daß dieser Lavapfropfen pro Tag bis um 1,50 Meter wächst. Inzwischen hat der Felsblock eine Höhe von mehr als hundert Metern gegenüber der Umgebung erreicht. Besonders beeindruckt, daß eine Seite des Blocks völlig glatt ist. Sie wurde während des Aufquellens von den Wänden des Vulkanschlotes glattgeschliffen.
Derartig große Lavapfropfen sind an Vulkanen relativ selten. Beispielsweise wuchs vor einigen Jahren im Krater des Augustine-Vulkans in Alaska ein solcher Felsblock einige Dutzend Meter hoch. Der wohl berühmteste Lavapfropfen entstand im Jahre 1903 im Krater des Mont Pelee auf der zu Frankreich gehörenden Antillen-Insel Martinique. Monatelang wuchs dort eine Lavanadel, die schließlich den Kraterrand mehr als 300 Meter hoch überragte. Nach wenigen Monaten brach die Spitze unter ihrem eigenen Gewicht zusammen. Wenn der Lavapfropfen im Mount St. Helens noch weiter wächst, könnte ihn ein ähnliches Schicksal ereilen. Gelegentlich überdauern die Lavadome aber auch den Zahn der Zeit. Beim Drachenfels und der Wolkenburg bei Bonn handelt es sich um solche Staukuppen. Sie entstanden, als das Siebengebirge vor etwa 25 Millionen Jahren vulkanisch aktiv war.