20.10.2005 · Der Amazonas-Regenwald wird von der schrecklichsten Dürre seit dreißig Jahren heimgesucht. Inmitten des ökologischen Notstandes stellt sich nun heraus, daß die Rodungen viel größer sind als bisher vermutet.
Von Joachim Müller-JungAugenzeugen berichten von Millionen Fischen, die in ausgetrockneten Tümpeln und Seitenarmen des Amazonas verrotten. In den Nebenflüssen liegen die Boote, unbewegt, weil der niedrige Wasserstand eine Beladung nicht zuläßt. Und die Menschen werden inzwischen von der brasilianischen Armee, die sich durch die Wälder schlägt, mit Medizin und Proviant versorgt. Seit dreißig Jahren hat das Amazonas-Gebiet eine solche Dürre nicht mehr erlebt. Es herrscht Notstand im größten Urwaldgebiet der Erde.
Für Umweltschützer und Wissenschaftler liegt der Grund des Übels auf der Hand: Regenwaldrodung, Klimawandel, Umweltzerstörung. Und für die brasilianische Regierung hätte der meteorologische Ausnahmezustand nicht ungelegener kommen können. Denn noch im August, vor ein paar Wochen, hatte Umweltminister Marina da Silva der Öffentlichkeit eine bemerkenswerte Mitteilung zu machen, die nun im Staub der Dürre untergehen dürfte. Innerhalb eines Jahres, von 2003 auf 2004, sei dank regierungsseitig veranlaßter Kontrollen und Razzien gegen illegale Holzfäller die Abholzung des Urwaldes von mehr als 18.000 auf 9.000 Quadratkilometer mehr als halbiert worden. War das Kettensägenmassaker also beendet?
Zweifeln an den Bildern
Die Satellitenbilder, die da Silva zum Beweis der erfolgreichen Regenwaldpolitik vorlegte, ließen jedenfalls auf eine spürbare Entspannung bei Brandrodungen und Kahlschlägen schließen. Doch schon damals gab es Stimmen, zumal unter Forschern, die die Aussagekraft der Fotos in Frage stellten. Die Unsicherheit bei der Deutung der farbigen Pixel auf den Computerbildern liege bei mindestens zwanzig Prozent, behaupteten Experten, was manche so auslegten, daß die tatsächliche Abholzung mindestens zwanzig Prozent über den offiziellen Angaben liegt.
Tatsächlich aber hätte diese Unsicherheit, wenn sie denn stimmte, natürlich auch bei den früheren Aufnahmen gegolten, als man doppelt so hohe Abholzungsraten konstatierte. Daß den Satellitenbildern freilich generell nicht zu trauen ist, wenn es um die Feststellung von Waldrodungen geht, das wollte bisher niemand in Erwägung ziehen. Einige Hinweise dafür hatten zumindest frühere Studien von Feldforschern geliefert. Als sie die von ihnen an Ort und Stelle registrierten Abholzungen mit den Satellitenanalysen verglichen, zeigten sich gravierende Unterschiede. Ein großer Teil der Rodungen konnte auch mit den scharfen Satellitenaugen nicht erkannt werden. Sprachen also die alten, seit mehr als dreißig Jahren nicht zuletzt auch der internationalen Umweltpolitik zugrunde gelegten Meßbefunde eine falsche Wahrheit?
Tatsächliche Abholzung mehr als doppelt so groß?
Genau diese Vermutung wird nun in einer Untersuchung, die in der heutigen Ausgabe von „Science“ (Bd. 310, S. 480) erscheint, mit neuen Berechnungen untermauert. Eine Forschergruppe um Gregory Asner von der Carnegie Institution of Washington in Stanford hat sich zusammen mit brasilianischen Kollegen die Daten des Landsat-Satelliten aus den Jahren 1999 bis 2002 für die fünf wichtigsten Amazonas-Bundesstaaten vorgenommen und mit einem neu entwickelten Computerprogramm (“Carnegie Landsat Analysis System“) nochmals ausgewertet.
Kern dieses automatisierten Bildanalyseverfahrens sind eine Software, die atmosphärische Einflüsse korrigiert, und ein weiteres Programm zur Mustererkennung, das die Farben, Helligkeiten und Schattierungen einzelner Pixel auf den hochaufgelösten Satellitenbildern so zu deuten weiß, daß etwa schon kleine Flecken nackter Boden und Sträucher von dem Kronendach veritabler Urwaldriesen zu unterscheiden sind - jedenfalls viel besser als die bisherigen Bildauswerteverfahren.
Die Neubewertung der alten Fotos jedenfalls zeigt, daß die Beschränkung auf Kahlschläge wie bisher üblich zu groben Fehlschlüssen führt. Berücksichtigt man nämlich die Lücken, die durch die selektiv von Holzfällern einzeln abgesägten Tropenholzbäume entstehen, erweisen sich die alten Statistiken buchstäblich als Halbwahrheiten. Tatsächlich, so die Wissenschaftler, dürfte die Abholzung in jedem Jahr jeweils 60 bis 128 Prozent über den offiziell festgestellten Werten liegen. Die ökologische Not des Amazonas, sie scheint in diesen Tagen unermeßlich.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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