08.08.2006 · Mit dem rapiden Klimawandel keimt die Saat der Geoingenieure: Sie wollen Treibhausgase in den tiefsten Abgründen des Meeresbodens versenken, die Atmosphäre abschirmen - und auf diese Weise die Welt retten.
Von Joachim Müller-JungPacken wir es also an. Packen wir das üble Treibhausgas, komprimiertes, flüssiges Gas selbstverständlich, in die Pipeline und versenken es für alle Zeiten in der Tiefsee. Nein, tiefer noch, in den tiefsten Abgründen des Meeresbodens, unterhalb von dreitausend Metern im Gestein, wo die Natur mit ihren ganz und gar unleidlichen Druck- und Temperaturbedingungen unter einer gigantischen Wassersäule einen nahezu perfekten geologischen Kerker für das verhaßte Kohlendioxyd eingerichtet hat. Versenkt und versiegelt.
Die Welt zu retten kann so einfach sein. Ein Endlager für den Klimakiller. Ein Gedankenexperiment. So ist es, aber eben kein beliebiges und schon gar keine Prahlerei aus den Phantasiefabriken der Literatur oder des Films, sondern eine zutiefst ernstgemeinte Technikvision von vier Wissenschaftlern der Harvard-Universität.
Technisches Erdmanagement
Als Erd- und Planetarforscher bezeichnen sich die Leute um Klaus Lackner und Kurt Zenz House, die den unorthodoxen Vorschlag zur Krisenbewältigung in der jüngsten, in dieser Woche erschienenen Publikation der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften vorgelegt haben. Sie sind die Großingenieure des Wandels. In ihren Händen liegt vielleicht die Zukunft des Planeten. „Geo-Engineering“ – technisches Erdmanagement – nennen sie das, was sie tun. Und was sie tun, sehen viele nicht besonders gerne.
Denn die globale Klimaerwärmung, die Mutter aller Umweltkrisen, hat in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren eine politische Bewegung in Gang gesetzt, die bislang quasi nur eine Richtung kannte: herunter mit den Treibhausgas-Emissionen, Rauchverbot für den Patienten Erde! Um jeden Preis und unter Aufbietung des geballten globalen wissenschaftlichen Sachverstandes in einer neuen Art Meta-Gutachtergremium, dessen Mitglieder seither festentschlossen von einer Konferenz zur nächsten pendeln, hat man den Kampf gegen die Kohlendioxydemittenten aufgenommen. Die Klima-Rahmenkonvention und das Kyoto-Protokoll stehen immerhin zu Buche.
Plan B zur Lösung des Klimaproblems
Da aber die Weltrettungsgesellschaft nun trotz alledem und bis auf weiteres vor einem Scherbenhaufen steht, weil die Lösungen der Energiefrage zu langsam greifen und die globale Freisetzung des klimaprägenden Kohlendioxyds statt dessen ungebremst vonstatten geht, schielt die Wissenschaft – oder wenigstens ein Teil davon – jetzt offenbar festentschlossen auf Plan B. Ein heikles Unterfangen.
In der Klimagemeinde gibt es seit Jahren so etwas wie ein politökologisches Ethos, das jede nennenswerte Ablenkung vom Leitbild der Emissionsminderung verbietet. Sechzig bis siebzig Prozent Reduktion, ein Vielfaches der aktuellen Kyoto-Ziele, müssen nach Überzeugung der Auguren bis Mitte dieses Jahrhunderts erreicht werden – eine heroische, utopisch scheinende Marke.
Rückstrahlung der Sonnenenergie verstärken
Demgegenüber gelten Maßnahmen der Anpassung, Wege, wie die vom Klimawandel betroffenen Staaten sich auf Erwärmung, Verwüstung oder drohende Überflutung umzustellen und zu investieren haben, bei vielen als zweitrangig, ja kommunikationstechnisch als kontraproduktiv. Ebenso wie technische Lösungen jenseits der Energietechnik. Die Industriestaaten, so will es die political correctness, sind das Problem und können deshalb nicht die Lösung sein.
Doch genau so könnte es kommen, wenn die Geoingenieure ihre Zukunftspläne weiterentwickeln und in Forschungsprogramme umsetzen. Bisher hat es kaum danach ausgesehen, die Flamme der utilitaristischen Geo-Ethik köchelte auf kleiner Flamme. Erst als vor ein paar Wochen der Mainzer Atmosphärenchemiker Paul Crutzen, der 1995 für seine Ozonforschung den Nobelpreis – den ersten Chemienobelpreis für ein Umweltthema – erhalten hatte, einen geradezu rebellischen Vorschlag zur Abkühlung der Erdatmosphäre in einem angesehenen Fachjournal publizierte, wurden die Geister des avancierten Geo-Ingenieurwesens geweckt. Crutzen beschrieb in der Zeitschrift „Climatic Change“, wie man zur „Rettung unseres Planeten“ die Albedo, die Rückstrahlung der auf der Erde eintreffenden Sonnenenergie, künstlich verstärken könnte: indem man hauchfeine, hellgelb reflektierende Schwefelpartikeln mit Ballons oder regelrecht mit „Kanonen“ in die Stratosphäre fünfzehn Kilometer über unsere Köpfe schießt und eine Art Sonnenschirm aus Sulfaten erzeugt.
Anthropogene Erwärmung verhindern
Crutzen, muß man dazu wissen, hat den Begriff „Anthropozän“ geprägt. Vor vier Jahren hat er damit die von Schadstoffen, Düngemitteln, Kohlendioxyd und anderen anthropogenen Kalamitäten geplagte moderne geologische Epoche bezeichnet. Und er hat sich selbst jahrelang mit den Schwefelemissionen etwa von Fracht- und Kreuzschiffen rund um den Globus beschäftigt. An der Kompetenz des aus den Niederlanden stammenden Atmosphärenchemikers kann also kein Zweifel sein, und er war auch kühn genug, diesen Versuchsballon zu starten. Etwa fünf Millionen Tonnen von dem Sulfatpuder oder weniger als ein Zehntel der ohnehin üblichen Schwefelemissionen müßten Jahr für Jahr in die Stratosphäre gepumpt werden, so rechnet er vor, damit die in diesem Jahrhundert mögliche Verdoppelung der Kohlendioxydmengen in der Luft hitzetechnisch kompensiert werden könnte.
Und „nur“ ein bis zwei Millionen Tonnen zum Preis von schätzungsweise 25 bis 50 Dollar für jeden Bürger der Industriestaaten, um wenigstens einen spürbaren Teil der anthropogenen Erwärmung zu verhindern. „Der Himmel würde bleicher werden, aber farbenprächtige Sonnenuntergänge und -aufgänge blieben uns erhalten“, versichert Crutzen. Wohlwissend, daß seine gestrengen Kollegen wenig Sinn für Schwefelromantik entwickeln, daß sich hingegen reichlich Kritik an seinem Klimakontrollprojekt entzünden wird. Die steht in der kommenden Druckausgabe der Publikation an.
Wegen des erhöhten Diskussionsbedarfs sieht sich „Climatic Change“ allerdings schon jetzt veranlaßt, die eine oder andere kompetente Antwort ins Internet zu stellen. Überraschender Tenor: Nein, Crutzens Vorstoß für „globale Interventionen“ durch Geo-Engineering sei keineswegs unverantwortlich, neue Geostrategien sollten entwickelt, mögliche „Notfallmaßnahmen“ erforscht, ansonsten aber solle das Schwefelschirmvorhaben erst mal präzise durchdacht werden. Experimente im Kleinen, schlägt Ralph Cicerone von der amerikanischen Nationalen Akademie vor, aber ein Moratorium für Projekte im Weltmaßstab. Bis auf weiteres. Denn herumgepfuscht, so liest man da, werde am Klima sowieso. Besser man sucht früh genug einen zweiten Ausgang.
Allein die Nomenklatur
Jan Carlos Quistorf (Jan_Carlos_Quistorf)
- 08.08.2006, 19:59 Uhr
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Jan Carlos Quistorf (Jan_Carlos_Quistorf)
- 08.08.2006, 22:52 Uhr
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Charles-Louis Joris (scharlui)
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Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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