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Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Theodor Lerner Der Nebelfürst

25.01.2006 ·  Abenteurer, Forscher, Journalist: Unter den Männern, die um 1900 unsere Kenntnis der Arktis bereicherten, war Theodor Lerner einer der schillerndsten. Von seinen Spitzbergen-Fahrten blieben Tagebücher, Fotos, präparierte Tiere - und seine erstaunlichen Memoiren.

Von Tilman Spreckelsen
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Seine größte persönliche Leistung brachte die Wissenschaft kaum voran: In der Polarnacht 1907/1908 überwinterte der deutsche Forschungsreisende, Abenteurer und Journalist Theodor Lerner auf Kap Boheman im Eisfjord von Spitzbergen, in einer Hütte, durch deren Wände der Wind pfiff, mit so wenig Proviant, daß im Laufe des Winters auch das schimmlige Salzfleisch, das frühere Bewohner hinterlassen hatten, zu einer Delikatesse wurde, mit einem Kohlevorrat, der laufend aus einem nahen Flöz ergänzt werden mußte, und mit einem Gefährten, dessen manchmal schwieriges Wesen allerdings von seiner ausgedehnten Polar-Erfahrung wettgemacht wurde. Denn der Norweger Fredrick Hjalmar Johansen, der Lerners Hütte teilte, war ein gutes Jahrzehnt zuvor mit Nansens Expedition bis auf vier Grad an den Nordpol herangekommen und hatte die anschließende Überwinterung auf Franz-Joseph-Land mitgemacht.

Am Ende allerdings, nach langen Monaten in Dunkelheit und Eis, nach einer kräftezehrenden Expedition mit Schlittenhunden nordwärts über das Spitzbergener Inlandeis zur Däneninsel, konnten die beiden einander nicht mehr sehen: Sie legten einige hundert Meter zwischen ihre jeweiligen Lagerplätze und warteten auf Schiffe, die sie wieder in die Zivilisation bringen sollten - allerdings getrennt. Im übrigen, schreibt Johansen in seinem erst kürzlich veröffentlichten Tagebuch, habe ihn der anmaßende und egoistische Lerner zwar für die Überwinterung angeheuert, aber nie entlohnt. Lerner dagegen zeichnet in seinen Memoiren ein mildes Bild des „lieben Kameraden“, der sich 1913 das Leben genommen hatte, nachdem er wegen „Meuterei“ von Amundsens Südpol-Expedition ausgeschlossen worden war. Was es für einen Enthusiasten der Eiswelt bedeuten mochte, im Wettlauf um den Pol so knapp zu scheitern, konnte Lerner wohl ermessen.

Der „Adler“ trieb an

Es gibt viele Wege in die Arktis, und Lerners war im entdeckerseligen neunzehnten Jahrhundert so ungewöhnlich nicht: Geboren am 10. April 1866 im Ahrstädtchen Antweiler als Sohn des Bürgermeisters, studierte er in Würzburg Jura, verließ die Universität ohne Abschluß, fuhr zur See, jobbte in den Vereinigten Staaten, ging zurück nach Deutschland, wo er unter anderem als Journalist arbeitete. Folgenreich war ein Auftrag des Berliner August Scherl Verlags, der den schon Dreißigjährigen im Sommer 1896 auf die arktische Däneninsel vor dem Nordwestkap Spitzbergens führte: Lerner sollte den Aufstieg des gewaltigen Ballons „Adler“ beobachten, in dem der schwedische Patentamts-Chefingenieur Salomon August Andrée mit zwei Gefährten als erster Mensch den Nordpol zu erreichen hoffte. Zum Start kam es erst im folgenden Jahr, wiederum unter den wachsamen Blicken Lerners, der ein zweites Mal als Berichterstatter seines Verlags gekommen war und für Andrée ein Proviantlager anlegte, das dieser allerdings nicht mehr nutzen konnte: Der Ballon vereiste so sehr, daß er notlanden mußte, Andrées Mannschaft schlug sich noch bis zur Insel Kvitö östlich von Spitzbergen durch, wo die Leichen dann 1930 gefunden wurden.

Gesucht wurden die Männer allerdings schon viel früher, unter anderem von Theodor Lerner. Der tat sich im Sommer 1898 mit Friedrich Römer (der später das Frankfurter Senckenberg-Museum leiten sollte) und dem Zoologen Fritz Schaudinn zusammen, umrundete Spitzbergen und vermaß erstmals die drei Inseln von König-Karl Land östlich vor Spitzbergen. Zahlreiche Exkursionen vermehrten die Kenntnis Spitzbergens und der arktischen Flora und Fauna enorm, und die mehrbändige „Fauna Arctica“, die Schaudinn und Römer ab 1900 sukzessive herausgaben, profitiert nicht wenig von dieser Expedition, mit der sich Lerner wohl am gründlichsten in die Geschichte der deutschen Polarforschung einschrieb.

Berühmt - aber auch unseriös?

Daß er es dabei nicht beließ, machte ihn zwar berühmt, brachte ihm aber auch den Anschein des Unseriösen ein, der ihn nicht mehr verlassen sollte: Lerner hatte auf der Fahrt die Bäreninsel, ein 178 Quadratkilometer großes Hochplateau auf halber Strecke zwischen dem Festland und Spitzbergen, erkundet, wollte deren Kohleflöze ausbeuten und sie am liebsten für das Deutsche Reich in Besitz nehmen - Martin Mosebachs Roman „Der Nebelfürst“ (2001) schildert diese Episode und trägt den Spottnamen, den sich Lerner mit diesem Projekt zuzog, im Titel (siehe: Roman „Nebelfürst“: Die Lücke in der Realität ist das Glück der Dichtung). Ob er damit wirklich eine entsprechende koloniale Initiative Deutschlands störte, sei dahingestellt; sicher ist, daß Lerners unzweifelhafte Erfolge als Organisator, Leiter und vor allem Popularisator von arktischen Expeditionen seither in der deutschen Öffentlichkeit vom Mißerfolg des Bäreninsel-Abenteuers überschattet wurden, und es ist kein Zufall, daß Lerners sonst ausgesprochen muntere Memoiren an dieser Stelle den Charakter einer Rechtfertigungsschrift tragen.

Denn das 1931 kurz vor seinem Tod verfaßte Manuskript, das erst im vergangenen Jahr durch den Historiker Frank Berger ediert wurde, zeichnet zwar die Geschichte seiner sieben großen Arktisreisen. Es enthält aber auch, vor allem in Bergers Kommentar und Nachwort, eine Geschichte der Widrigkeiten, der unerwarteten Hindernisse und sogar des Scheiterns: Da sind die Polarfahrten von Andrée und dem Journalisten Wellmann, die beide nicht sonderlich weit kommen, Streitigkeiten der Expeditionsteilnehmer, Berliner Intrigen, die Lerners Arbeit erheblich behindern und etwa seine Mitarbeit an einem Polarunternehmen Zeppelins beenden, da ist die gloriose Rettung eines gestrandeten französischen Touristendampfers, von der ihm zwar die Dankbarkeit der Passagiere und eine goldene Uhr bleiben, nicht aber die versprochene Belohnung. Und da ist der Verlauf seiner letzten Spitzbergereise im Sommer 1914: „Bei unserer Ankunft ereilte uns die Nachricht vom Ausbruch des Krieges, der uns alle sehr bewegte und erschütterte. Es blieb nichts anderes übrig, als die wissenschaftlich so aussichtsreiche Expedition abzubrechen, wenn wir noch nach der Heimat zurückkehren und einer vielleicht jahrelangen Internierung aus dem Wege gehen wollten“, schreibt Lerner. Und die „reiche Ausbeute an Vögeln, Süßwasser- und Meerestieren und zahllosen Versteinerungen“, die Lerner bis dahin schon für das Senckenberg-Museum gesammelt hatte, konnte später nur unter großen Mühen aus Norwegen überführt werden, weil der bankrotte Lerner sie dem Reeder als Pfand hinterlassen mußte, bevor er sich nach Deutschland einschiffte und im Ersten Weltkrieg kämpfte.

Ein Mann mit vielen Begabungen

Vielleicht aber muß man, um Lerner gerecht zu werden, seine ausgesprochene Mehrfachbegabung berücksichtigen, die sich etwa bei seiner Begleitung des Luftschiffers Walter Wellmann zeigt, als der 1907 einen zweiten Versuch unternimmt, von der Däneninsel aus den Pol zu erreichen. Um seiner Zeitung die eigene Entsendung als Berichterstatter schmackhaft zu machen, verknüpft er journalistische, wissenschaftliche und touristische Interessen: Er werde auf der vorgeschlagenen Reise nicht nur von Wellmanns Aufstieg berichten, sondern außerdem mit einem neuartigen Vermessungsinstrument, dem Zeißschen Phototheodolithen, einen Teil der Küste Spitzbergens kartographieren, schlägt er vor, um damit - drittens - „für den künftigen deutschen Touristenverkehr Verdienstliches zu leisten“.

Tatsächlich werden Lerners Reisen (wie die vieler anderer Entdecker seiner Zeit) immer auch hinsichtlich ihrer medialen Auswertung geplant und durchgeführt; Lerner hält zahlreiche Vorträge, schreibt Artikel, sorgt sich um die fotografische Dokumentation und muß ebendeshalb rufschädigenden Äußerungen gegenüber ausgesprochen wachsam sein. Allerdings ist das Bild, das er von sich selbst entwirft, das eines ausgesprochenen Praktikers, etwa wenn es um die Suche nach den verschollenen Mitgliedern einer deutschen Spitzbergen-Expedition geht: „In zwei Tagen durchmusterte ich meine Schiffsjournale und Tagebücher - der Plan der Hilfsexpedition war fertig. Unbekümmert um die wie Pilze hervorschießenden Gutachten der Theoretiker vertraute ich auf das, was ich im Laufe von 17 Jahren selbst erlebt und an Erfahrungen gesammelt hatte.“

Die lückenhafte Autobiographie, die Lerner hinterlassen hat, harrt jedenfalls dringend der Ergänzung, berichtet ihr Autor darin doch fast ausschließlich und verständlicherweise selektiv von seinen Polarfahrten. Die siebzehn Jahre, die er nach der letzten Reise lebt, spielen für das Buch keine Rolle mehr. Oder, wie es am Ende heißt: „Als ich dann nach vier Jahren Kriegsdienst im November 1918 von der Front nach Hause zurückkehrte, wollte sich niemand mehr für Spitzbergen begeistern. Und mit meinen Fahrten in die Arktis war es vorbei.“

Theodor Lerner: Polarfahrer. Herausgegeben von Frank Berger. Oesch Verlag, Zürich 2005

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.1.2006
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