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Steinzeithöhle im Kaukasus Dreihundert Quadratmeter kalt

14.11.2009 ·  Wie hoch die Mieten im Paläolithikum waren, wissen wir nicht. Auch nicht, wie der Neandertaler wirklich aussah. Aber sonst lernen wir immer mehr über unseren frühen Cousin. Eine Höhle im Kaukasus lässt uns sogar in seine Wiege blicken.

Von Sonja Kastilan
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Wo eine Höhle lockt, ist der Mensch nicht weit. Als wir neben den Reisebussen am Straßenrand parken, verschwinden die Souvenirbuden schon im Qualm der Samoware: Tee für die Kaukasus-Touristen. Es ist August, Urlaubszeit, und die dem Schwarzmeer nahen Kaukasus-Gebiete in Adygeja und der Region Krasnodar sind in Russland beliebte Reiseziele. Zum Programm gehört auch eine Sightseeing-Tour zur Bolschaja Asischskaja, der großen Asisch-Höhle nahe der Ortschaft Dakhovskaya. Wenige Meter hinter den Tee- und Honigverkaufsständen liegt das Eingangstor.

Über Eisentreppen geht es hinab ins dunkle Kalkgewölbe, das als das größte im nordwestlichen Kaukasus gepriesen wird. Vor den feucht glänzenden Kalksäulen posieren Familien, ohne zu ahnen, dass sich die wahre Attraktion des Kaukasus nicht im Graubeige und Schmuddelweiß des jahrmillionenalten Stucks verbirgt. Auch nicht zwischen Fellhandschuhen, Folklorekitsch oder Kräutersäckchen, die draußen auf dem Parkplatz angeboten werden. Wir, die ganz andere Dinge suchen, laden Messgeräte, Hammer und Rucksäcke aus unserem Kleintransporter und schlüpfen in robuste Wanderschuhe.

Das Ziel lohnt alle Mühen

Hinter uns liegt eine Schotterpiste mit ebenso tiefen wie zahlreichen Schlaglöchern. Aber Vladimir Doronichev konnte wieder einmal sein Geschick am Lenkrad unter Beweis stellen. Der 48 Jahre alte Archäologe kennt alle Tücken dieser Strecke. Er ist sie in den vergangenen zwei Monaten beinahe täglich gefahren - morgens zum Busparkplatz und abends wieder zurück ins vierzig Minuten entfernte Dakhovskaya. Dort haben Doronichev und seine Frau Luba Golovanova wie in jedem Sommer ein Basiscamp für mehrere Ausgrabungsstätten aufgeschlagen.

Das Archäologenpaar aus St. Petersburg bezieht dann mitsamt Grabungsmannschaft ein kleines Holzhaus, dessen verwilderter Garten den Helfern als Zeltplatz dient. Von dort ist auch unser kleiner Trupp aufgebrochen, den die beiden jetzt tiefer in die Wildnis des russischen Kaukasus führen, auf einem rutschigen Trampelpfad, der in keinem Reiseführer verzeichnet ist. Unser Ziel, die 1310 Meter hoch gelegene Mezmaiskaya-Höhle, lohnt alle Mühen. Nicht nur für den Blick ins satte Grün. Das Panorama mag hübsch sein, gerät aber schnell zur Nebensache, wenn es ein Stückchen Menschheitsgeschichte zu entdecken gilt: Mezmaiskaya gilt unter Anthropologen als Kult, Tausende von Funden aus der Altsteinzeit haben die Grabungsstätte berühmt gemacht.

Bis wir unser Ziel erreicht haben, heißt es für uns moderne Hominiden Haltung bewahren: nicht über Wurzeln stolpern oder tief im Schlick versinken. Der Weg durch den Wald sieht aus, als hätten Panzer eine Bresche geschlagen, die nach wochenlangem Regen nur noch zur Schlitterpartie taugt. Da helfen nur bedächtige Schritte oder Humor: „Am besten auch gleich das andere Bein, die Natur liebt Symmetrie“, tröstet Vladimir Doronichev die einseitig Schlammverschmierten. Vorbei an zartrosa Rittersporn, Bärenklaudolden und mannshohen Disteln, von denen Stieglitze verschreckt auffliegen, geht es westwärts ins Niemandsland, wohin es außer uns und ein paar Waldarbeitern niemanden zieht.

Der Fund war ein echter Glücksfall

Nach etwa einer Dreiviertelstunde Fußmarsch stehen wir am Rand des Asisch-Tau-Bergrückens. Seine schroffe Felsformation erinnert an die Kalkklippen der Schwäbischen Alb. Vor uns liegt ein bewaldetes Flusstal, in das uns das letzte Wegstück steil bergab führt. Vereinzelt dienen Äste als Geländer, doch besonders hilfreich sind sie nicht, eher ein Beweis, dass hier in jüngster Zeit Menschen unterwegs waren und das Ziel bald erreicht ist. Wir halten uns rechts, bis wir auf eine Lehmterrasse stoßen, hinter der ein Bergschlund klafft: Zehn Meter hoch und 25 Meter breit wölbt sich der Eingang zu einer Karsthöhle, die 35 Meter tief ins Dolomitgestein reicht. Eigentlich kaum zu übersehen.

Trotzdem gehört die Entdeckung von Mezmaiskaya zu den seltenen Glücksfällen der Anthropologie. „Auf unseren regelmäßigen Erkundungstouren im Kaukasus fragen wir zwar immer wieder Ortskundige und Jäger, ob sie irgendwelche Höhlen kennen“, sagt Luba Golovanova. „Meist sind es dann aber nur kleine Grotten ohne jede Spur von Ablagerungen. Doch damals, vor mehr als zwanzig Jahren, war es anders: Es war spät an einem verregneten Tag, und wir waren sehr müde, als sich ein alter Mann an eine Felsöffnung erinnerte, um uns schließlich in diese feuchte Höhle zu führen“, erinnert sich Luba Golovanova. Schon die erste Probegrabung brachte Steinwerkzeuge ans Tageslicht - und seit 1987 kommt Luba Golovanova fast jedes Jahr für einige Wochen hierher, um die Sedimentschichten nach und nach systematisch abzutragen.

Während sich Felseidechsen in der Sonne wärmen, sitzen wir im klammen Inneren der Höhle, in Jacken und Faserpelze gehüllt, beim Tee: ein Picknick, begleitet von einem Tropfkonzert, wo man vor Jahrtausenden mit Feuersteinmessern das Wild schlachtete. Flechten und Algenbewuchs schmücken die Felswände, auf einer Seite läuft ein blaues Farbband entlang: Die Linie markiert, wo alles anfing.

Sogar Mäuseknochen werden zur kostbaren Pretiose

Zwischen rotbraunen und grauen Lehmschichten hat die Mezmaiskaya-Höhle frühe Spuren des modernen Menschen und die seiner inzwischen ausgestorbenen Verwandtschaft, der Neandertaler, bewahrt. Keine güldenen Ringe, nicht mal irdene Scherben legt das Team der St. Petersburger Paläontologen mit Messern und Pinseln vorsichtig frei. Hier werden Mäuseknochen, marine Schneckenhäuser und selbst Feuersteinsplitter zu kostbaren Pretiosen. „Es geht uns immer um den Fundzusammenhang, aussagekräftig ist nicht das tolle Einzelstück“, sagt Golovanova. Nur so können die Funde Auskunft über Ernährung, Lebensweise, Wanderwege und technischen Fortschritt in der Steinzeit geben.

Was wurde damals gejagt? Aus welchem Material hatte man die Klingen geformt? Auf welche Weise? Hatte man Sinn für Schmuck oder Ornamente? Wer lebte hier überhaupt? Wann? Und wie viele?

Ist eine Antwort gefunden, eröffnet das meist die nächste Fragerunde: Warum wurden irgendwann statt der Steppenwisente vor allem kaukasische Steinböcke erbeutet? Änderte sich das Jagdverhalten oder das Klima? Waren es andere Hominiden? In einer rund 38.000 Jahre alten Bodenschicht aus dem frühen Jungpaläolithikum deutet sich zum Beispiel ein Wechsel an. Werkzeuge aus dieser Zeit und später ähneln denen, die man in der Levante am Mittelmeer gefunden hat, während die älteren Steinklingen aus der Zeit davor ein Stil prägt, der sich in Ost- und Mitteleuropa häufig findet: die sogenannte Micoquien-Technik, ausgeführt von Neandertalern, die damals offenbar keinen Austausch pflegten mit ihren Artgenossen südlich des Kaukasus, sondern stattdessen ihren europäischen Vorbildern treu blieben.

Vielleicht hatte das geographische Gründe: Zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer erhebt sich das Gebirgsmassiv des Kaukasus wie ein mächtiges Bollwerk der Kontinente. Bis über 5000 Meter hoch und 1100 Kilometer lang begrenzt er bis heute die Wege des Menschen. Ob es noch Neandertaler waren, die damals vor 38.000 Jahren in Mezmaiskaya hausten, oder schon Vertreter des Homo sapiens auf seiner Wanderung nach Europa, ist ungewiss. Aus der korrespondierenden Schicht sind zwar Werkzeuge, aber keine menschlichen Skelettreste erhalten, die sich der einen oder anderen Art zuordnen ließen. Und erst die Fundstücke aus den oberen, jüngeren Erdschichten sind eindeutig vom modernen Menschen gefertigt, teils sogar verziert - zu einer Zeit, als die Neandertaler auch in ihren spanischen Rückzugsgebieten längst ausgestorben waren. Ihre Epoche endete dort vor rund 29.000 Jahren.

Schwere Geburt, auch bei den Neandertalern

In Mezmaiskaya wurden mittlerweile siebzig Quadratmeter Grabungsfläche freigelegt, teilweise bis zu fünf Meter tief. Die ursprüngliche Bodenschräge ist nur noch in der linken Höhlenhälfte erhalten. „Zu erkunden, was dort noch im Erdreich schlummert, bleibt späteren Generationen überlassen“, sagen die Archäologen. Das vollständige Skelett eines Neandertalers? „Vielleicht auch fünf“, lacht Golovanova. Sie selbst hat in Mezmaiskaya schon einen äußerst seltenen Fund gemacht: Knochen von zwei Neandertaler-Kindern. Wo heute nur noch ein Stück Plastikfolie unter bemoosten Steinen liegt, entdeckte sie 1993 in der ältesten Besiedelungsschicht der Höhle das fast vollständig erhaltene Skelett eines Säuglings. Seine fragilen Knochen waren zwar in 141 Einzelteile zerfallen, aber am Computer ließen sich deren Scans virtuell zusammenfügen. Simulationen zeigten, dass die Geburt eines Neandertalers nicht leichter als die eines Menschenkindes verlief; schließlich hatten die Neugeborenen ähnlich große Gehirne.

Das Mezmaiskaya-Baby war gerade mal ein, zwei Wochen alt, als es starb. Doch es ist unklar, wann genau sich diese Tragödie der Steinzeit ereignete. Ursprünglich war das Alter der Knochen bloß auf 29.000 Jahre geschätzt worden. Dass dieser Wert nicht stimmen kann, zeigten bald Analysen von Begleitfunden und die darüberliegenden Sedimente. Inzwischen gehen die Archäologen von 50.000bis 70.000 Jahren aus. Exakteres soll nun Daniel Richter ermitteln. Der Archäologe vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig begleitet uns auf dieser Exkursion. Er setzt zur besseren Datierung auf die Lumineszenz-Methode. Zur Vorbereitung pflanzt Richter spezielle Dosimeter tief ins Erdreich der fraglichen Sedimentschichten. Es sind linsengroße Kristalle in Plastikschläuchen, mit denen sich die natürliche Strahlendosis ermitteln lässt - innerhalb eines Jahres, so lange bleiben sie unberührt. Anschließend werden sie wieder aus der Erde gepult und im Labor analysiert.

In Leipzig kümmert man sich um die Details

Während der hochgewachsene Archäologe im feuchten Lehm der Mezmaiskaya-Höhle kniet, spüren seine Institutskollegen im mehr als zweitausend Kilometer entfernten Leipzig ganz anderen Geheimnissen nach. Dort brüten Paläogenetiker über Sequenzdaten von guterhaltenen Neandertaler-Funden. 1,5 Milliarden DNA-Stückchen, meist nur ein paar Dutzend Basen lang, gilt es zu sortieren. Svante Pääbo und sein internationales Team werten die Erbinformationen aus, die sie in den vergangenen Jahren im Rahmen ihres Projektes gesammelt haben. Am Ende genügte ein halbes Gramm Knochenpulver: Das Neandertaler-Genom sei im Großen und Ganzen entziffert, verkündeten sie im Februar. Nun kümmern sie sich um die Detailanalyse.

Unter anderem suchen die Genetiker im Erbgut des Neandertalers nach Merkmalen, die nur Hominiden besitzen. Gene also, die einer entsprechend positiven Selektion unterworfen waren und in dieser Form weder beim Gorilla noch beim Schimpansen zu finden sind. Das bekannte Sprachgen FoxP2 gehört zum Beispiel dazu, ebenso bestimmte Erbanlagen für Hautpigmente. Außerdem soll die ewige Frage beantwortet werden: Hatten Homo sapiens und Homo neanderthalensis gemeinsame Nachkommen?

„Wir untersuchen auch, ob es Anzeichen für einen Genfluss zwischen Mensch und Neandertaler gibt, indem wir das Neandertaler-Genom mit dem von Europäern, Afrikanern und Asiaten vergleichen“, erklärt der Paläogenetiker Johannes Krause. Es handelt sich bei dem Vergleichsmaterial allerdings um ein buntes Gemisch: Es stammt vor allem von drei weiblichen Neandertalern, deren 38.000 Jahre alte Gebeine man in der kroatischen Vindja-Höhle entdeckte. Einige Daten lieferten auch Knochen aus El Sidron in Spanien, aus der Feldhofer Grotte im deutschen Neandertal und aus Mezmaiskaya. Das kaukasische Babymaterial ist von allen das jüngste und zugleich älteste Puzzlestück.

Bevor wir die Höhle am Abend verlassen, machen die Archäologen das Grabungsprofil winterfest, bedecken es mit Folien und Steinen. Sie fürchten nicht nur Eis und Schnee. Auch neugierige Touristen könnten Schäden anrichten. Keine Alarmanlage, kein Wachpersonal schützt Mezmaiskaya, wo zwar kein Gold zu finden ist, aber selbst feinste Knochensplitter eine Geschichte erzählen. Die des Neandertaler-Babys verraten zum Beispiel: Es war ein Junge.

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Jahrgang 1970, Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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