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Sonnensturm Polarlichter über Hawaii

24.10.2003 ·  Wenn sich auf der Sonne „Stürme" ereignen und ganze Wolken elektrisch geladener Teilchen von ihr fortgeschleudert werden, können auf der Erde ganze Stromversorgungssysteme ausfallen - so geschehen im März 1989 in Kanada.

Von Günter Paul
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Wenn sich auf der Sonne "Stürme" ereignen und ganze Wolken elektrisch geladener Teilchen von diesem Himmelskörper fortgeschleudert werden, können kurz darauf auf der Erde ganze Stromversorgungssysteme ausfallen, wie es im März 1989 in Kanada geschah. Früher haben solche Geschehnisse die Menschen meist unvorbereitet getroffen. Seit einiger Zeit sind Warnungen vor geomagnetischen Stürmen möglich. Erst für den gestrigen Freitag ist eine solche Warnung ausgesprochen worden. Der größte Sturm in der Geschichte, der den Forschern bekannt ist, hat die Erde aber im Jahr 1859 heimgesucht. Eine internationale Forschergruppe um Bruce Tsurutani vom Jet Propulsion Laboratory in Pasadena (Kalifornien) hat kürzlich die damaligen Geschehnisse unter Einbeziehung wiederentdeckter Magnetfeldmessungen des Colaba-Observatoriums in Indien noch einmal rekonstruiert. Die Ergebnisse dieser Arbeit sind im "Journal of Geophysical Research" veröffentlicht worden.

Die Nacht vom 1. auf den 2. September 1859 dürfte in vielen Regionen der Erde als Schicksalsnacht empfunden worden sein. Innerhalb weniger Stunden ereigneten sich in vielen Telegraphenleitungen Kurzschlüsse, die zu zahlreichen Feuern führten. Die Überraschung war sicherlich groß; denn der Telegraph war erst fünfzehn Jahre vorher erfunden worden, so daß man mit seinem Umgang noch nicht überall vertraut war. Noch weit spektakulärer jedoch waren die Polarlichter, die plötzlich in Gegenden auftauchten, in denen solche Erscheinungen sonst nicht zu sehen sind. Diesmal erstreckten sie sich von der Nordpolarregion aus bis nach Rom, Havanna und Hawaii, und auch vom Südpolargebiet aus zogen sie sich bis in ungewohnt hohe geographische Breiten hin.

Die Astronomen hatten kurz vorher bemerkt, daß es auf der Sonne unruhig wurde. Am 28. August hatten sie die ersten größeren Sonnenflares - Ausbrüche auf unserm Zentralgestirn - bemerkt, und bis zum 2. September sollten sich solche Ereignisse häufen. Der heftigste Ausbruch aber fand am 1. September statt. Für eine ganze Minute verdoppelte sich die Strahlungsmenge, die von dieser Region ausgesendet wurde. Mit dem optischen Ereignis war der Ausstoß einer riesigen Plasmawolke verbunden, die sich offenbar direkt auf die Erde zubewegte. Normalerweise benötigen derartige Wolken drei bis vier Tage, bis sie zu uns gelangen.

An jenem 1. September hat die Wolke den Weg aber offensichtlich in nur 17 Stunden 40 Minuten zurückgelegt, ihre Geschwindigkeit war also extrem groß. Außerdem war das Magnetfeld, das mit der Wolke verbunden war, extrem intensiv, und diese Kombination führte zu einem besonders heftigen geomagnetischen Sturm. Dabei ist außerdem bemerkenswert, daß das Magnetfeld der Plasmawolke jenem des festen Erdkörpers genau entgegengerichtet war. Die elektrisch geladenen Teilchen von der Sonne konnten daher ungehindert in die irdische Atmosphäre eindringen.

Der Sonnensturm vom März 1989, der das Stromversorgungsnetz von Hydro-Quebec lahmgelegt hat, ist letztlich wesentlich schwächer gewesen als jener vom September 1859. Wenn heutzutage ein so heftiges Ereignis wie damals im 19. Jahrhundert eintreten sollte, wäre wegen der fortgeschrittenen Elektrifizierung und Technisierung mit enormen Folgen zu rechnen. Eine frühe Warnung könnte nur das Schlimmste verhindern.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2003, Nr. 248 / Seite 36
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Jahrgang 1946, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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