Home
http://www.faz.net/-gx6-75qpn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Singende Dünen Die Korngröße gibt den Ton an

Aus Sanddünen erklingen bisweilen seltsame Töne, die an Trompeten und Geigen erinnern. Jetzt glauben Forscher, das Geheimnis endlich gelüftet zu haben.

© Simon Dagois-Bohy Vergrößern Sanddünen in der Nähe der marokkanischen Ortschaft Tarfaya

Sanddünen können Wüstenbesucher bisweilen einen Schrecken einjagen, wenn es aus ihnen plötzlich mit großer Lautstärke brummt. Schon Marco Polo soll auf seinen Reisen durch die Wüste Gobi dieses Wüstensummen vernommen haben. Mittlerweile wurden solche singenden Sanddünen in vielen ariden Gebieten und in einigen Dünenfeldern an Meeresküsten entdeckt. Allerdings gibt längst nicht jede Düne Töne von sich, andere wiederum summen gleich in mehreren Tonlagen. Über die Ursachen der seltsamen Dünenklänge ist bisher nur wenig bekannt. Eine französische Forschergruppe hat nun mit Schallmessungen an Dünen und in Laborversuchen diesem Phänomen weitere Geheimnisse entlockt.

Mehr zum Thema

Fast immer ist die Entstehung der tiefen Brummtöne, die zum Teil Dutzende Kilometer weit hörbar sind, mit Sandlawinen verbunden, die an den Hängen einer Düne abrutschen. Obwohl solche Lawinen beispielsweise durch den Wind an allen Dünen ausgelöst werden, „singt“ nur ein kleiner Teil der mächtigen Sandhaufen. Manche Dünen, beispielsweise jene an der marokkanischen Atlantikküste in der Nähe der Ortschaft Tarfaya, geben monofrequente, saubere Töne ab. Andere Dünen singen dagegen vielstimmig, wobei die Tonfrequenzen selten zweihundert Hertz überschreiten.

Singende Sanddünen, Oman: Natur und Wissenschaft, Erde © Simon Dagois-Bohy Vergrößern Singende Sanddünen bei Al-Askharah im Oman

Symphonisch oder kakophonisch

Die Forschergruppe um Simon Dagois-Bohy von der Université Paris Diderot hat nun die Dünen in der Nähe von Tarfaya mit einer mehrstimmigen Düne im Oman verglichen. Während die Forscher auf den Dünen in Marokko ausschließlich Töne mit einer Frequenz um 105 Hertz maßen, sangen die Dünen im Oman im Frequenzbereich zwischen 90 und 150 Hertz. Wie Dagois-Bohy und seine Kollegen in den „Geophysical Research Letters“ (doi: 10.1029/ 2012GL052540) berichten, bestehen die marokkanischen Dünen durchweg aus Sand mit einer gleichmäßigen Korngröße von etwa 150 bis 170 Mikrometern. Im Oman dagegen variieren die Korngrößen zwischen 150 und 320 Mikrometer.

Erhellende Analyse im Labor

Die Forscher brachten anschließend von beiden Dünenfeldern jeweils mehrere hundert Kilogramm Sand zurück in ihr Pariser Labor. In einer eigens angefertigten Rutsche ließen sie zunächst den marokkanischen Sand eine schräge Ebene hinabgleiten. Auch hier erzeugte die Sandlawine Töne von etwa 105 Hertz. Der omanische Sand gab dagegen, wie erwartet, ein vielstimmiges Konzert. Dann siebten die Wissenschaftler den Sand aus dem Oman und sortierte ihn nach Korngrößen. Als die sortierten Sande nacheinander auf die Rutsche geschickt wurden, brummte es bei beiden Proben einstimmig aus der Lawine. Es stellte sich heraus, dass die jeweilige Tonhöhe von der Korngröße abhing. Je kleiner die Sandpartikeln waren, desto höher klagen auch die Töne.

Nach Meinung von Dagois-Bohy und seinen Kollegen entstehen die Töne durch Resonanzeffekte, wenn der Sand entlang der Dünenflanken hinabgleitet. Abhängig von der Korngröße, beginnen die rutschenden Sandpartikeln zu vibrieren. Wie sich diese einzelnen unhörbaren Schwingungen aber zu dem lauten Resonanzbrummen aufschaukeln können, ist nach wie vor rätselhaft.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Heute in der Zeitung Spuckende Babys

Von der Hirnforschung und Antikörpern gegen Ebola sowie von Klapperschlangen und Robotern, sich verflüchtigenden Elementarteilchen, Vulkanen auf dem Mond und von spuckenden Säuglingen berichten wir in der heutigen F.A.Z.-Beilage Natur und Wissenschaft. Mehr

22.10.2014, 06:00 Uhr | Wissen
Verletzter Forscher sitzt in Höhle fest

In den österreichischen Alpen ist bei Salzburg ein Mitglied einer Forschergruppe in 200 Meter Tiefe abgestürzt und muss nun gerettet werden. Ein Arzt war bereits bei ihm. Dutzende von Rettungskräften sind aus den umliegenden Gebieten zu Hilfe geeilt. Mehr

15.08.2014, 10:40 Uhr | Gesellschaft
Historisches E-Paper: 17. Oktober 1989 Keine Zugeständnisse mit alten Formeln und Parolen

Nachdem sich die Zeitungen in der DDR auch für kritische Töne geöffnet haben, gewinnen fast alle Blätter Leser hinzu. Im Westen fordert die SPD personelle Änderungen in der DDR-Regierung, um wirkliche Reformen möglich zu machen. Mehr

17.10.2014, 07:19 Uhr | Politik
Tierleben Kampf um Sex und Macht

Es ist ein Kampf bis aufs Blut, den sich die See-Elefanten zur derzeitigen Paarungszeit auf der argentinischen Halbinsel Valdés liefern. Die tonnenschweren Meeressäuger sind die Herrscher der Robbenkolonie im Naturparadies an der Atlantikküste von Patagonien. Mehr

20.10.2014, 11:38 Uhr | Wissen
Deutsche Einzelkritik Dirigent Kroos - Laufwunder Götze

Kroos dirigiert, Götze rennt, Bellarabi gefällt. Das DFB-Team macht gegen Irland kein schlechtes Spiel, gewinnt aber trotzdem nicht. Neuer bleibt praktisch ohne Beschäftigung – bis zur Nachspielzeit. Mehr

14.10.2014, 22:55 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.01.2013, 21:30 Uhr

Haltung!

Von Joachim Müller-Jung

Ärzte lieben Symbole, wie die Kunst und Geschichte. Und besonders lieben sie politische Symbole. Wenn Ärzte der Stadt Berlin also zehn Spree-Eichen spenden, dann steckt da sicher etwas dahinter. Oder wünschen sie sich einfach nur eine schönere, grüne Hauptstadt? Mehr 8