Nur wenige Wochen nach dem zehnten Jahrestag von Envisat, brach am 8. April der Kontakt zum bislang teuersten Erdbeobachtungssatelliten in der Geschichte der Raumfahrt plötzlich ab. Nach erfolglosen Bemühungen, wieder Verbindung zu bekommen und den Satelliten noch zu retten, hat die Europäische Weltraumagentur Esa die Mission von „Envisat“ jetzt für beendet erklärt. Envisat, der zehn Jahre lang die Erdoberfläche und die Atmosphäre observierte, kreist nun unkontrolliert in einer Hohe von 790 Kilometern um die Erde - als tonnenschwerer Weltraumschrott.
Schrott für hundert Jahre
Es droht aber keine unmittelbare Gefahr von Envisat, etwa dadurch, dass der Satellit unkontrolliert auf die Erde stürzt. Er befindet sich in einer Höhe, in der er hundert Jahre und länger kreisen wird, sind sich die Experten sicher. Ein Team von Ingenieuren hat während des vergangenen Monats versucht, die Kontrolle über
„Envisat“ zurückzubekommen, erklärte die Esa in ihrer Pressemitteilung. Doch trotz kontinuierlicher Befehle eines weitverzweigten Netzes von Radarstationen habe es bisher keine Reaktion des Satelliten gegeben.
Ursachenforschung tappt im Dunkeln
Über die Ursachen für den Ausfall, der kurz nach Überflug über die nördliche Mittelmeerregion auftrat, wird noch immer gerätselt. War es Weltraumschrott, mit der Envisat kollidierte und so zun Schaden kam? Eines der Szenarien sei nach Aussagen der Esa auch der Ausfall eines Leistungsreglers, wodurch die Telemetrie und Fernsteuerung möglicherweise blockiert wurde. Als eine weitere Möglichkeit wird ein Kurzschluss erwogen, durch den der Satellit automatisch in einen “abgesicherten“ Modus versetzt wurde. Dieser Zustand sollte eigenlich das Überleben des Satelliten sichern. Es könnte dabei zu einer zweiten Funktionsstörung gekommen sein, aufgrund der sich der Satellit nun in einem unbekannten Zwischenzustand befände, aus dem er nicht mehr befreit werden könne.
Fulminanter Auftakt 2002
Der 8,2 Tonnen schwere Erdbeoachtungssatellit war am 1. März 2002 von einer Ariane-5-Rakete auf eine polare Umlaufbahn gebracht worden, auf der er seitdem die Erde mehr als 52 000 Mal umkreist hat. Da Envisat viele Informationen über die aktuelle Klimaentwicklung und über die voranschreitende Umweltverschmutzung lieferte, wurde er auch als „Öko-Polizist im Weltraum“ bezeichnet.
Bittere Verlust der Ökopolizei
Für die Klimaforscher ist das Ende von „Envisat“ deshalb bitter - auch wenn der Satellit doppelt so lange funktioniert hat wie ursprünglich geplant. Mit ihren zehn Instrumenten an Bord, darunter ein Mikrowellenradar, hat die Sonde in den vergangenen zehn Jahren die Landmassen, die Atmosphäre, die Ozeane und die Pole mit ihren Eismassen beobachtet. Nahezu in Echtzeit lieferte Envisat Daten zur Temperatur der Atmosphäre und der Meeresoberfläche, zur Konzentration an Methan und Kohlendioxid. Später hatte er die aktuellen Ozonkonzentration über den beiden Polen gemessen. Daneben kartierte er die Geschwindindigkeiten der Meeres- und Eisströmungen. Seine Abbildungen von den Landmasssen wurden regelmäßig zur Aktualisierung der weltweiten Landnutzungskarten verwendet und lieferten Informationen über die Vegetation, Wald- und Kulturflächen. Mit seinem abbildenden Radar veranschaulichte Envisat Bodenbewegungen, die von Erdbeben und Vulkanausbrüchen herrührten. Das hat wesentlich zur Verbesserung des Verständnisses von Tektonik und vulkanischen Mechanismen beigetragen.
Umweltsünder Schifffahrt und Luftfahrt
Während der vergangenen zehn Jahre hat Envisat den schrittweisen Rückgang des arktischen Meereises und die regelmäßige Öffnung der polaren Seewege während der Sommermonate beobachtet und gemeinsam mit anderen Satelliten die Höhe des Meeresspiegels gemessen.
Zuletzt zeigte „Envisat“ mit seinen Bildern, dass die Auswirkung der internationale Schifffahrt des weltweiten Flugverkehrs auf die Umwelt. Andere Aufnahmen lieferten den Beweis, dass der verheerende Tsunami vor Japans Küste 2011 in der Antarktis neue Eisberge entstehen ließ. Im Jahr 2006 belegten Bilder nach Angaben von Esa-Forschern eine „unnormale und dramatische Situation der Eisschmelze“ auf der Nordhalbkugel.
Esa im Zugzwang
Die Esa hatte bis zuletzt gehofft, Envisat wiederbeleben zu können und den Satelliten so lange betreiben zu können, bis das nachfolgende Erdbeobachtungssystem „Sentinel“ im Orbit ist. Doch nun ist kein lückenloser Übergang von einem Satelliten zum anderen möglich. Deshalb ist die Esa gezungen, Envisats Nachfolger schnellst möglich voranbringen.
Letzte Versuche
Noch zwei Monate lang werden die Esa-Wissenschaftler versuchen, den Kontakt zum Satelliten wiederherzustellen und mögliche Ausfallszenarien zu prüfen. Der Abbruch der Mission an diesem Mittwoch deutet allerdings darauf hin, dass man dem Vorhaben kaum noch Erfolgsaussichten eingeräumt.
Der eigentliche Skandal ist dass kein Ersatz vorhanden ist.
Herbert Sax (H.Sax)
- 10.05.2012, 12:47 Uhr
