07.08.2009 · Neue Funde lassen den Schluss zu, dass die ersten Wirbeltiere bereits im mittleren Perm, vor etwa 260 Millionen Jahren, die Bäume als Lebensraum entdeckt haben. Doch dann fielen sie dem Massensterben am Übergang zur Trias zum Opfer.
Von Reinhard WandtnerFossilien sind nicht zwangsläufig stumm. In den Händen von Paläontologen werden sie manchmal zu beredten Zeugen für die Existenz früherer Organismen. Oft gestatten sie sogar Einblicke in ihre Lebensweise und Umwelt. Derartige Informationen konnten jetzt auch den fossilen Überresten von Tieren aus dem mittleren Perm vor etwa 260 Millionen Jahren entlockt werden.
Es handelt sich um Reptilienfunde aus Russland, aus der Region um Kotelnich im Oblast Kirow rund 800 Kilometer östlich von Moskau. Diese Pflanzenfresser der Art Suminia getmanovi waren den neuen Ergebnissen zufolge Baumbewohner. Sie repräsentieren somit die bislang ältesten bekannten Wirbeltiere mit einer solchen Lebensweise, wie Jörg Fröbisch vom Field Museum in Chicago und Robert Reisz von der University of Toronto berichten ("Proceedings of the Royal Society B", doi: 10.1098/rspb.2009.0911).
Mit starkem Gebiss
Auf Überreste von Suminia getmanovi ist man erstmals Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gestoßen. Die Spezies gehört zu den Synapsiden, einer Gruppe, zu der auch die Vorfahren der Säuger zählen. Es zeigte sich, dass diese vom Kopf bis zum Schwanzende etwa einen halben Meter langen Tiere harte Pflanzenteile vor dem Schlucken mit ihrem spezialisierten Gebiss zerkleinerten. Durch Kauen wurde die faserige Kost besser verdaulich. Es handelt sich um den frühesten Beleg für eine solche Anpassung bei einem terrestrischen Pflanzenfresser.
Inzwischen liegen weitere Funde von Suminia vor. Auf einem einzigen Gesteinsblock trat mehr als ein Dutzend meist gut erhaltener Skelette zutage. Die an Eidechsen erinnernden Tiere zeichnen sich unter anderem durch einen langen Nacken und Schwanz und vor allem durch stark verlängerte Fingerglieder mit Krallen aus. Ein Finger könnte ähnlich wie der Daumen von Primaten zum Greifen genutzt worden sein, auch wenn er anders gebaut war.
Als erste auf den Bäumen
Zusammen lassen die Merkmale darauf schließen, dass Suminia greifend und klammernd auf Bäume klettern konnte. Das war ein Entwicklungssprung, denn diese Fähigkeit tauchte sonst erst etwa 30 Millionen Jahre später auf. Suminia war zu dieser Zeit schon von der Bühne der Evolution verschwunden. Wie die meisten Tierarten fiel auch diese Spezies dem Massensterben am Übergang vom Perm zur Trias vor 250 Millionen Jahren zum Opfer.
Klettern bot Suminia nicht nur Schutz vor Räubern, sondern machte auch Blätter und Zweige als Nahrung zugänglich, die für andere, am Boden lebende Pflanzenfresser unerreichbar waren. Zur früheren Vegetation an der Fundstelle gehörten offenbar baumartige Gewächse. Welche vegetarische Kost Suminia bevorzugt hat, hoffen die Forscher nun versteinerter Kotballen entnehmen zu können.