Home
http://www.faz.net/-gx6-707lx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Offshore-Parks Öko-Forschung in den Wind geschrieben?

Mehr als 10.000 Windanlagen im Meer verändern Lebensräume - und schaffen neue. Sogar attraktive, heißt es. Doch ehe man Genaueres weiß, stoppt die Forschung.

© dapd Vergrößern

Vögel erkennen, ob sich Windräder drehen oder nicht, und weichen aus, Schweinswale werden kaum vom Lärm belästigt: Offenbar beeinträchtigen Windanlagen auf See die Umwelt weniger als befürchtet. Das haben Forscher im Rahmen der Forschungsinitiative „Research at Alpha Ventus“ (Rave) herausgefunden, die den Bau und Betrieb des Testfelds am ersten fertiggestellten deutschen Windpark vor Borkum begleitet. Die ökologischen Untersuchungen des Projekts koordiniert das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg. Jüngst hat die Bundesbehörde die ersten Ergebnisse vorgestellt. Demnach bleiben die größeren Tiere in Luft und Wasser weitgehend unbeeinflusst. Aber was ist mit dem Bodenleben? Die Arbeiten hierzu wurden fürs Erste gestoppt.

Krebse, Muscheln und Würmer leben am Meeresgrund. Wir haben sie kaum im Blick und unterschätzen deswegen womöglich ihre Bedeutung. Doch wenn sich bei diesen sogenannten Benthosorganismen etwas ändert, kann sich das auf die ganze marine Nahrungskette auswirken, denn das Benthos ist das Nährstoff-Bindeglied zwischen den pflanzlichen Primärproduzentenund höheren Nahrungsebenen. Wie die Bodentiere auf die Offshore-Rotoren reagieren, haben Lars Gutow vom Alfred-Wegener Institut in Bremerhaven und sein Team untersucht. Auch hier zeichnet sich Positives ab: Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten scheint es dem Bodenleben besser zu gehen - nicht trotz, sondern vermutlich gerade wegen der Meereswindmühlen. „Windparks bieten offensichtlich gewisseChancen für den Schutz“, sagt Gutow. Denn: „Eine der größten Belastungen, die wir der Nordsee aufgebürdet haben, ist die Fischerei mit Grundschleppnetzen. Die hat der Lebensgemeinschaft am und im Boden sehr zugesetzt. An den Windparks ist diese Fischerei nun untersagt und die Organismen scheinen sich zu erholen.“

Miesmuscheln, die einen festen Untergrund brauchen, wachsen nun verstärkt an den Trägerstrukturen der Rotoren. Plötzlich sammelt sich dortenorm viel Biomasse, womöglich 5000 bis 6000 Kilogramm pro Anlage. Damit werden Nährstoffe lokal gebunden. „Das an sich ist kein Problem. In der Nordsee gibt es insgesamt genügend Nährstoffe, die das System füttern. Aber im Nahbereich der Anlagen könnten sich einzelne Stoffflüsse komplett verändern“, erläutert Gutow.

eOffshore-Windpark Alpha Ventus - Einweihung Röttgen © dpa Vergrößern Bessere Zeiten: Norbert Röttgen, damals noch Umweltminister von Gnaden der Kanzlerin, bei der Inbetriebnahme von „Alpha Ventus“ Ende April 2010.

Sanken zum Beispiel planktonische Algen vorher ungenutzt zu Boden, landen ihre Nährstoffe nun im Magen der Muscheln. Sie werden zu Stoffwechselendprodukten umgebaut oder stecken im Muschelkörper. „Damit kommt eine ganz andere Qualität von Nahrung am Boden an.“ Auf lange Sicht, schätzt der Biologe, könnte dies langlebigere Tiere anziehen, wie etwa Seeigel oder Seesterne. „Vögel, die stattdessen auf angestammte Arten als Futter spezialisiert sind, bleiben dann aus.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Abstimmung zu Windrädern Nach erbittertem Streit haben die Bürger das Wort

Lange und heftig ist gestritten worden über Windräder im Stadtwald von Oestrich-Winkel. Am Sonntag nun entscheiden die Bürger über Ja oder Nein. Das Ergebnis könnte knapp werden. Mehr Von Oliver Bock

04.12.2014, 13:18 Uhr | Rhein-Main
Deutschland lernt sparen 2013 Das individuelle Depot optimal gestalten

Wie soll das Depot aussehen? Soll mehr Geld in sichere Anlagen wie Tagesgeld oder in Aktienfonds gesteckt werden? Das hängt von den Lebensumständen des Anlegers ab. Mehr

21.11.2014, 12:44 Uhr | Finanzen
Vogelsberg Mit Mäusen gegen Windräder

Gibt es für den Rotmilan abseits der Rotoren genug zu fressen, dann kommt er den Anlagen nicht in die Quere. Das zeigt ein Artenschutzprojekt im Vogelsberg. Mehr Von Wolfram Ahlers

11.12.2014, 17:25 Uhr | Rhein-Main
Kampf um die letzten Jangtse-Schweinswale

Die niedlichen Süßwasserwale im chinesischen Jangtse-Stromgebiet sind inzwischen seltener als Panda-Bären - doch der Kampf um die letzten Tiere der Unterart Neophocaena asiaeorientalis ist schwer. Ein chinesischer Schweinswal-Schützer wurde im März verhaftet. Mehr

05.09.2014, 12:59 Uhr | Wissen
Weitere Nachrichten General Electric sieht weiterhin florierendes Industriegeschäft

Gea erhält Großaufträge für Anlagen zur Milchverarbeitung, der Chef von Boschs Kfz-Sparte übernimmt die Führung beim Autozulieferer Mahle und die EU-Staaten haben sich auf Fischfangmengen für 2015 geeinigt. Mehr

17.12.2014, 07:25 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.05.2012, 01:47 Uhr