28.12.2008 · Immer wieder behaupteten Forscher, im Tal der Könige sei nichts mehr zu entdecken. Immer wieder wurden sie widerlegt. Jetzt wird im Tal der Könige wieder gegraben, und weitere Entdeckungen sind zu erwarten. Eine Spurensuche von Ulf von Rauchhaupt.
Von Ulf von Rauchhaupt„Etwa vierzig in Felsgrotten ausgehauene Königsgrüfte, wundervoll ausgebaut und der Besichtigung wert.“ So pries um das Jahr 25 v. Chr. der Geograph Strabon das „Tal der Könige“ wie wir es heute nennen. Ein Insidertipp war das damals schon lange nicht mehr. Elf Jahrhunderte zuvor war Ramses III gestorben, zweiter Pharao der 20. Dynastie und letzter großer Herrscher Ägyptens. Gleich seinen Vorgängern der 18. und 19. Dynastie hatte man ihn einbalsamiert und samt einem Berg von Schätzen in jenem Tal eingemauert. KV11 heißt sein Grab seit 1827, als der Brite John G. Wilkinson die 22 damals sichtbaren Stolleneingänge im „Kings Valley“ (KV) durchnummerierte (siehe die interaktive Graphik).
Doch von wegen Stollen. Mit seinen 726 Quadratmetern Grundfläche ist KV11 eher ein unterirdischer Palast. Wie rechts auf dieser Seite gezeigt, ist es nicht die größte Gruft hier, aber die letzte, bei welcher der Grabherr noch richtig klotzen konnte. Zwar haben sich nach Ramses III noch sieben weitere Herrscher dieses Namens Räumlichkeiten in den Kalkstein meißeln lassen (nur die des achten Ramses fehlen), aber die postmortalen Immobilien schrumpften. Es waren eben schlechte Zeiten: Unruhen erschütterten das Reich und die Korruption grassierte, selbst unter den Wachtruppen der königlichen Nekropole. Schon Ramses III dürfte nur wenige Jahre seine Ruhe gehabt haben, bevor er Besuch von Grabräubern bekam. Und so erging es den meisten der Pharaonen, die hier zwischen etwa 1500 und 1100 v. Chr. bestattet wurden. Ihre Mumien wurden von Priestern oft in Sicherheit gebracht. Ihre Gräber aber standen bis auf einige Ausnahmen drei Jahrtausende lang offen; offen für griechische, römische, englische, japanische, deutsche Touristen - und offen für das Wasser.
Eigentlich regnet es nicht im Tal der Könige. Der Trockenheit ist es ja gerade zu verdanken, dass Wandbemalungen wie die Harfenspieler im Grab Ramses III noch im 19. Jahrhundert, bevor der Massentourismus begann, so zu sehen waren wie zu Zeiten Strabons. Ab und zu regnet es aber doch - und alle paar Jahre bis Jahrzehnte so heftig, dass für kurze Zeit reißende, mit Geröll beladene Ströme durch das Tal schießen. Solange die geplünderten Gräber offen standen, setzten solche Fluten das Zerstörungswerk der Räuber fort.
Segensreiche Fluten
Zugleich aber verdankt die moderne Archäologie gerade ihnen ihre spektakulärsten Entdeckungen im Tal der Könige. Als Archäologen um Kent Weeks von der American University in Kairo 1995 das Grab KV5 vom Schutt befreien wollten, den Sturzfluten über die Jahrhunderte dort abgelagert hatten, stießen sie auf ganze Fluchten bis dahin völlig unbekannter Korridore und Kammern. Die wahre Größe von KV5 ist bis heute nicht abzusehen. Außerdem fand Weeks dort vier Skelette, bei denen es sich seiner Ansicht nach um Mumien von Söhnen Ramses' II handelt, die in der überflutungsbedingten Feuchtigkeit vermodert waren.
Doch wo die Fluten vor den Räubern kamen, da könnten ihre zusammengespülten Schuttmassen auch das eine oder andere Grab bewahrt haben, ohne es zu zerstören. Damit aber ist denkbar, dass sie solch ein unberührtes Grab auch dem Zugriff der Archäologen bislang entzogen haben.
Eine Untersuchung, die der Brite Stephen Cross im soeben erschienenen 94. Band des Journal of Egyptian Archeology veröffentlicht hat, ist gewiss dazu angetan, solchen Spekulationen Auftrieb zu verleihen. Cross breitet dort Hinweise darauf aus, dass die Eingänge dreier Grabanlagen im Zentralbereich des Tales von ein und derselben Flut zugespült wurden. Alle drei gehören zu den wenigen der 63 heute bekannten Grabanlagen im Tal der Könige, die der gründlichen Plünderung entgingen. Und die Ausstattungen aller drei Anlagen weisen in die Jahre zwischen etwa 1336 und 1319 vor Christus: die geheimnisumwitterte Schlussphase der 18. Dynastie, nach dem Tod Amenhoteps IV, des Pharao, der sich Echnaton nannte und der verfügt hatte, den ägyptischen Götterhimmel durch eine einzige Gottheit, die Sonnenscheibe Aton, zu ersetzen.
Echnatons Sohn
Das berühmteste dieser drei Gräber ist das mit der Nummer KV62 - nach den 22 von Wilkinson beschriebenen Gräbern erfolgte die Nummerierung chronologisch nach dem Zeitpunkt der Entdeckung. In Nummer 62 also fand der Brite Howard Carter 1922 den Pharao Tutanchamun inmitten seiner fast kompletten Grabausstattung. Tutanchamun war wahrscheinlich Echnatons Sohn, kam aber erst einige Jahre nach dessen Tod als Neunjähriger auf den Thron. Er amtierte von 1333 bis 1323 v. Chr. und unter ihm kehrte Ägypten zu den alten Göttern zurück.
In dieser Zeit war auch jemand in KV55 bestattet und wieder gestört worden. Das Grab wurde verwüstet, doch offenbar weniger in räuberischer Absicht, sondern um die Identität des königlichen Grabherren auszulöschen - durchaus mit Erfolg, denn die Zuordnung der skelettierten Mumie in KV55 ist heiß umstritten. Fest steht nur, dass es ein junger Mann Anfang 20 war und dass er nach Schädelform und Blutgruppe mit Tutanchamun verwandt sein könnte.
Das dritte der ungeplünderten Gräber, die Stephen Cross für seine Theorie heranzieht, ist das bislang letzte, das im Tal der Könige neu entdeckt wurde. KV63 wurde 2006 von Otto Schaden gefunden, der damals für die University of Memphis in Tennessee tätig war. KV63, eine einzelne Kammer in fünf Metern Tiefe, enthielt keine Mumie und kaum Gold, dafür aber mehrere Särge und haufenweise Grabutensilien, deren Analyse noch läuft. Die vorläufigen Befunde führen allerdings auch hier in die späte 18. Dynastie. „Auf keinem der Särge ist bislang ein Name oder Titel zu lesen und es gibt keine königlichen Embleme wie die Uräus-Schlange an der Stirn“, sagt Schaden. „Bestimmte Gegenstände, etwa einige der Särge, könnten noch aus der Zeit Amenhoteps III stammen. Siegelabdrücke stellen aber eine Verbindung mit KV55 und KV62 her.“ Als das bekannt wurde, schossen prompt Ideen darüber ins Kraut, ob die Funde in KV63 nicht mit der Bestattung eines Mitgliedes aus der Familie Echnatons zu tun haben könnten, seiner Tochter Anchesenpaaton etwa oder seiner berühmten Gemahlin Nofretete - in einem noch unentdeckten, vielleicht sogar unberührten Grab.
Vorausblick auf die nächste Grabungssaison
Davon will Otto Schaden nichts hören. „Wir führen die Untersuchungen, da werden wir uns mit Spekulationen zurückhalten. Wir hoffen aber, dass die nächste Grabungssaison Informationen liefert, die uns weiterbringen.“ Anfang Januar kehrt Schaden wieder ins Tal der Könige zurück, um die Auswertung der Funde fortzusetzen.
Die Vorsicht hat nicht nur damit zu tun, dass Schadens Ausgrabungsprojekt mittlerweile direkt dem Supreme Council of Antiquities (SCA), der ägyptischen Altertümerbehörde, und damit deren mächtigem Chef Zahi Hawass untersteht. Vielmehr hat das Entdeckerglück in Otto Schaden einen Gelehrten ereilt, der zu allem anderen als zur Schatzsuche ins Tal der Könige gekommen war. Die Karriere des knapp 70 Jahre alten Archäologen war bisher mit einem Projekt verknüpft, das mit seinem Puzzlecharakter sehr viel typischer ist für das, was Archäologen tun - selbst im Tal der Könige: Seit 1992 untersucht Schaden das Grab KV10, eine mittelgroße Anlage, die ein gewisser Amenmesse hat anlegen lassen, ein Herrscher der 19. Dynastie, der um 1200 vor Christus als Thronrivale Sethos' II einige Jahre lang Oberägypten kontrollierte, bevor er dem rechtmäßigen Pharao unterlag und sich seine Spur verliert. „Wir hatten gehofft, Material aus KV10 könnte helfen, etwas Licht in die Sache zu bringen, aber in dem Schutt dort war nicht ein einziger Gegenstand, den man Amenmesse zuordnen kann.“
Hütten und Paläste
Doch die sorgsame Untersuchung des Gesteinschutts vor dem Eingang zu KV10 brachte etwas anderes zu Tage: Grundmauern grober Hütten, in denen die Grabarbeiter zu Zeiten der 19. Dynastie gewohnt hatten. Man wusste, dass der amerikanische Millionär Theodore Davis, der Financier der Grabungen, bei denen KV55 entdeckt worden war, diese Hütten bereits untersucht hatte. „Wir fanden da noch ein Stück aus der New York Times vom Februar 1907“, erinnert sich Schaden. „Theo Davis hatte aber nicht bei allen Hütten nachgesehen, was darunter ist.“ Da Carter den Zugang zum Grab Tutanchamuns auch unter solchen Arbeiterhütten fand, musste Schaden nachsehen - und entdeckte so den Schacht zu der unberührten Grabkammer KV63.
Damit waren die zugeschütteten Eingänge zu KV62 und KV63 beide schon lange nicht mehr sichtbar, als die Arbeiter ihre Hütten errichteten. Stephen Cross glaubt nun, dass das auch für KV55 gilt was sich wegen der, gelinde gesagt, lausigen Dokumentation von Davis' Grabung leider nie zweifelsfrei wird belegen lassen. Viele Forscher glauben auch, dass KV55 in der 20. Dynastie noch einmal versiegelt wurde, also zu dieser Zeit bekannt gewesen sein muss. Cross dagegen vermutet, dass es die Schuttlage einer Sturzflut war, die alle drei Gräber am Ende der 18. Dynastie verschwinden ließ, möglicherweise bereits im Herbst des Jahres 1323 v. Chr., in dem Tutanchamun bestattet worden war. Sein Argument für diese exakte Datierung sind Abdrücke eines Siegels am Eingang zum Grab des jungen Pharao, mit denen es nach einem zweiten Einbruch von Grabräubern (die allerdings nur wenig entwendeten) versiegelt worden war und dessen Hieroglyphen für Cross darauf hindeuten, dass diese Versiegelung in einem Interregnum zwischen dem Tode eines Pharaos und der Krönung des nächsten stattgefunden haben muss. Nun kann Cross aber auf Howard Carters Grabungsfotos zwischen dem Fels, in den der Grabzugang gemeißelt ist, und dem mutmaßlichen Sturzflutschutt keinen Flugsand erkennen. Daher vermutet er, dass die fragliche Flut in dem ersten möglichen Interregnum wütete: dem zwischen Tutanchamun und seinem Nachfolger Aya, welcher aber Ende 1323 v. Chr. bereits inthronisiert gewesen sein dürfte.
Wenn das alles stimmt, heißt das noch lange nicht, dass die Sturzflut des Jahres 1323 v. Chr. neben KV55, KV62 und KV63 tatsächlich noch eine weitere Grabkammer verdeckt hat - und natürlich erst recht nicht, dass diese bis dahin unversehrt geblieben ist. Allerdings, alle drei Grabkammern sind ursprünglich nichtkönigliche Gräber, die wohl schon in der Zeit der Pharaonen Amenhotep III und seines Sohnes Echnaton in den Fels getrieben worden waren, als die Königsbestattungen nicht im eigentlichen, dem östlichen Tal der Könige stattfanden, sondern im Westtal beziehungsweise bei Echnatons neuer Hauptstadt Achetaton, beim heutigen Tell el-Amarna. KV62 wurde erst nachträglich königsgemäß ausgemalt und KV55 scheint ein Mitglied der Pharaonenfamilie beherbergt zu haben, das aus Amarna hierher umgebettet worden war. Als unter Tutanchamun der monotheistische, aber letztlich ganz auf Echnaton selbst und seine Familie ausgerichtete Aton-Kult aufgegeben und Achetaton verlassen worden war, könnte es durchaus mehr als eine solche Umbettung gegeben haben.
Zahi Hawass tut es
Wenn es sie gab, so Cross' Resüme, so können sie nur unter dem zentralen Platz des Tals der Könige liegen, über den seit Strabons Zeiten die Touristen schlendern, und durch dessen Boden sich schon Howard Carter, Theodore Davis und andere gewühlt haben, wenn auch vielleicht nicht tief genug. Immerhin, 2006 wurden Bodenradaraufnahmen aus dem Jahr 2000 publik, die auf einen Hohlraum dort unten deuten (Sonntagszeitung vom 20.8.2006). Seinerzeit zögerte Ägyptens Chefarchäologe Zahi Hawass noch, an diesem prominenten Ort die Spaten ansetzen zu lassen. Nach neuen Radarmessungen aber wird seit November 2008 wieder gegraben. Vielleicht findet man wieder nur Arbeiterhütten und nichts darunter. „Ich habe das Gefühl, das Tal der Könige ist nun ausgebeutet“, schrieb Theodore Davis - allerdings war das schon 1912. „Dann fand Carter Tutanchamun und unsere Mission fand KV63“, bemerkt da selbst der vorsichtige Otto Schaden. „Das Tal ist riesig, mit vielen möglichen Verstecken. Weitere Entdeckungen sind da vernünftigerweise zu erwarten.“
Ulf von Rauchhaupt Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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