21.06.2005 · Die gut erhaltene Moorleiche, die in Niedersachsen gefunden wurde, gilt als archäologische Sensation. Sie ist die erste, die seit Jahrzehnten entdeckt wurde und wahrscheinlich die älteste in ganz Europa.
Von Alfons KaiserDie zierliche Hand ist gekrümmt, als wäre sie von Albrecht Dürer beim Beten gezeichnet worden. Der Schädel sieht aus wie eine aufgebrochene Kokosnuß. Die Hautfetzen sind ledern und schrumpelig. Die Haare schimmern rötlich, können aber auch blond oder schwarz gewesen sein: Im Torf werden alle Haare rot.
Die Frau, die vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren im Uchter Moor im Kreis Nienburg zu Tode kam, gilt als archäologische Sensation. Sie ist die älteste Moorleiche Niedersachsens und wegen des Luftabschlusses gut erhalten. Aber das blutjunge Mädchen von Uchte, dessen Fund am Montag abend verkündet wurde und die von Donnerstag an für kurze Zeit im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover präsentiert wird, sieht doch aus wie eine ziemlich alte Dame.
Der Fund selbst ist schon eine Sensation
Die Polizisten, die von Moormeister Reinhold Radtke gerufen wurden, als man im Jahr 2000 die ersten Teile fand, wollten nicht an eine solche Sensation glauben. Ein erfahrener Torfstechmaschinenfahrer, der nicht genannt werden möchte und inzwischen in Ruhestand ist, hielt die Maschine sofort an.
Daß ihm eine Unregelmäßigkeit überhaupt auffiel, ist die Sensation in der Sensation des Fundes: Denn Moorleichen sehen aus wie das Moor und sind kaum zu finden - erst recht nicht auf einer rüttelnden, lauten, schweren Maschine. Die Teile hingen in den Torfsoden und auch noch im Stechapparat. Die Abbaumaschine hatte die Leiche zerteilt.
Moormeister Radtke, damals schon seit 20 Jahren im Moor und mit ungewöhnlichen Entdeckungen vertraut, dachte zunächst, sie hätten einen abgestürzten Flieger aus dem Weltkrieg entdeckt - "wegen der Lederjacke". Aber einer der Polizisten sagte: "Das ist die Haut."
DNA-Vergleich bringt kein Ergebnis
Die Polizei sah in dem Fund einen ungeklärten Mordfall. Man vermutete, bei der Toten handele es sich um ein in den Sechzigern spurlos verschwundenes Mädchen. Die kriminaltechnischen Untersuchungen zogen sich über Jahre hin. Das Alter des Mädchens schätzte man nach den rechtsmedizinischen Untersuchungen auf 16 bis 19 Jahre.
Das verstärkte die Hinweise auf ein Mordopfer - zumal man, weil Gürtelschnallen oder Knöpfe fehlten, annehmen mußte, daß das Mädchen unbekleidet war. Ein Vergleich von DNA-Material der Mutter der Vermißten mit dem der Moorleiche ergab aber, daß die Polizei auf der falschen Spur war. Der Fall wurde zu den Akten gelegt. Die Knochen kamen in die Gerichtsmedizin in Hamburg.
Mord ist schon lange verjährt
Bei Henning Haßmann im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege klingelte erst im Januar 2005 das Telefon. Im Torf, so berichteten Polizisten der Inspektion Nienburg, hätten Torfarbeiter eine geschrumpfte Hand entdeckt. Der Landesarchäologe machte sich mit seinem Kollegen, dem Paläobotaniker Andreas Bauerochse, auf den Weg zur Polizei.
Die Hand und die Bilder der Leichenbergung aus dem Jahr 2000 ließ die Archäologen aufmerken. Sie erkannten den in Hochmooren ausgebildeten Wechsel von hellem in dunklem Torf an den Überresten: Sowohl Schwarz- als auch Weißtorf haftete an den Teilen. Bauerochse sagte: "Sie ist wahrscheinlich nicht älter als 3000 Jahre." Die Polizisten staunten: Sie hatten nicht gedacht, daß der vermeintliche Mordfall schon so lange verjährt war.
Die Hand führt zu den Archäologen
Der Zufall hatte den Ermitteln die Hand in die Hand gespielt. Der Fundort der Teile lag im Torfstichgraben, etwa 80 Zentimeter unter der Oberfläche. Die Leiche war durch die Stechmaschine aus dem Torf gerissen worden. Die aufgestapelten Torfsoden, die von der Stechmaschine in langen Bänken aufgebanst werden, hatte die Polizei auf einer Länge von zwei Metern untersucht.
Die meisten geborgenen Teile stammten aus diesen Soden. Bei der Vorbereitung des Feldes für den zweiten Torfstich waren die Arbeiter aber noch auf die Hand gestoßen - im Januar, viereinhalb Jahre nach dem ersten Fund im September 2000. Erst die Hand wies den Polizisten nun den Weg zu den Archäologen.
Und die nahmen sich die Moorleiche gründlich vor. Sicherheit über das Alter brachte die AMS-Radiokarbondatierung eines Kieler Instituts. Mit dem Massenspektrometer fand man heraus, daß das Mädchen seit etwa 650 vor Christus im Moor liegt. Im März, als kein Frost mehr herrschte, der freigelegte Fundstücke hätte beschädigen können, gruben die Archäologen los.
Erste Moorleiche seit Jahrzehnten
Die Fundstreuung umfaßte wegen der Zerstörung der Leiche mehr als drei Meter. Nicht nur in den Torfsoden, auch im Moor selbst wurden Teile gefunden: Haarbüschel, Hautpartikel, Zehennägel, Wirbel und andere Knochen. Insgesamt stieß man auf etwa hundert Teile. Damit ist der Leichnam fast vollständig; nur ein Schulterblatt war nicht mehr zu finden.
Die Archäologen nahmen naturwissenschaftliche Proben im Sediment, maßen die Reste dreidimensional ein und markierten die Fundorte - alles mit technischer Hilfe und finanzieller Unterstützung der "Torf- und Humuswerke Uchte", die zur Münsteraner Compo GmbH gehört.
Je mehr Teile zusammenkamen, desto größer die Sensation. Denn seit Jahrzehnten hat man in Mitteleuropa keine Moorleiche mehr gefunden. Dafür gibt es viele Gründe. Erstens, so Haßmann, sind die Moorschichten in Europa weitgehend verschwunden - allein in Niedersachsen werden jedes Jahr etwa acht Millionen Kubikmeter abgebaut. Zweitens werden die Moore zur weiteren Nutzung trockengelegt, so daß menschliche Überreste unter dem Einfluß von Sauerstoff zu Staub zerfallen.
Und drittens ziehen heute Torfstichmaschinen und GPS-gestützte Fräsen flächenhaft zerstörend tiefe Furchen in das trockengelegte Moor. Bis in die Fünfziger ging man noch per Handstich an den Torf: Da spürte man beim Stechen schnell, wenn man auf etwas Hölzernes traf. Heute findet man nur noch selten menschliche Überreste: Die letzte Moorleiche Niedersachsens wurde 1955 gefunden. "Dies ist", meint Haßmann, "vermutlich die letzte deutsche Moorleiche, die gefunden wurde."
Ob sie wirklich aus Uchte stammt, ist noch zu klären
Selten einmütig sind sich die Landesarchäologen darin, daß es sich um einen der bedeutendsten archäologischen Funde der letzten Jahrzehnte handelt. Nach Angaben des Niedersächsischen Landesmuseums ist es der einzige weitgehend erhaltene menschliche Körper aus der frühen Eisenzeit, der je in Europa nördlich der Alpen gefunden wurde.
Ansonsten hätten sich meist nur einzelne Knochen erhalten, meint Martin Schmidt, der Leiter der Urgeschichtlichen Abteilung des Museums. Andere Moorleichen stammten mit einer Ausnahme aus der Zeit um oder nach Christi Geburt. Nur in den Niederlanden habe man einen im Moor konservierten Leichnam entdeckt, der aus der Bronzezeit stamme und noch 1000 Jahre älter sei.
Bauerochse und Haßmann erhoffen sich sich von der Untersuchung des Mädchens aus dem Uchter Moor Aufschlüsse über das Leben vor 2700 Jahren. Der Fund wird die Forscher noch über Jahre beschäftigen. Kriminalisten, Mediziner, Biologen, Physiker, Chemiker wollen in einer Arbeitsgruppe zusammenarbeiten.
Nicht nur den Menschen wollen sie untersuchen, sondern auch das Lebensumfeld: Warum ging das Mädchen so tief in den Morast? Wie war ihre Ernährung? Gab es Mangelerscheinungen? Wie war der menschliche Einfluß in der Natur? Gab es Felder? Oder nur Wälder? Vielleicht wird man auch herausfinden, ob das Mädchen aus Uchte überhaupt aus Uchte kommt. Per Isotopenanalyse kann man heute nämlich feststellen, woher genau ein Mensch stammt. Womöglich, wer weiß, handelt es sich um ein Mädchen mit Migrationshintergrund.
Alfons Kaiser Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.
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