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Kommentar Surrealistisch

20.04.2004 ·  Amerikanische Klimaforscher haben ein Klimamodell so erfolgreich weiterentwickelt, daß das wiederkehrende und weltweit bedeutende Klimaphänomen El Niño bis zu zwei Jahren vorhergesagt werden könnte.

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Der Klimaforschung verdanken wir einige der größten virtuellen Abenteuer der Neuzeit. Die immer wieder gern gezeigten Vorhersagen des Weltklimas bis weit ins dritte Jahrtausend beispielsweise stellen jede Kristallkugel in den Schatten. Und neuerdings erweitert man die Klimamodelle geschickt zu sogenannten Erdsystem-Modellen, die sämtliche irdischen Sphären mathematisch zu einem lebendigen digitalen Organismus Erde vernetzen.

Rechenakrobatik in Vollendung. Das schließt zuweilen auch semantische Salti mit ein. Eine "retrospektive Vorhersage" ist so etwas wie eine Fußball-Totowette nach dem Schlußpfiff. Aber für Klimatologen durchaus kein Widerspruch, frei nach einem Bonmot des exzentrischen Surrealisten Salvador Dalí: "Am liebsten erinnere ich mich an die Zukunft."

Computer und Realität im Parallelschwung

In diesem Sinne beglücken uns in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "Nature" amerikanische Klimaforscher mit der Nachricht, sie hätten ein Klimamodell so erfolgreich weiterentwickelt, daß das alle drei bis sieben Jahre wiederkehrende und weltweit bedeutende Klimaphänomen El Niño bis zu zwei Jahren vorhergesagt werden könnte. Grundlage ist eine "retrospektive Vorhersage" der letzten fast hundertfünfzig Jahre. Ungern erinnern wir uns an den Mai des Vorjahres, als man aus den gängigen Modellen für die folgenden Monate zuerst lautstark das Gegenstück von El Niño - eine Kaltwasseranomalie namens La Niña - prophezeite und wenige Wochen später kleinlaut einen "Umschwung" zu einer eher leichten Warmwasseranomalie El Niño konstatierte.

Jetzt also wird endlich alles besser. Wenn man die - mit algorithmischen "Korrekturen" versehenen - Temperaturkurven der Simulation in der Veröffentlichung mit den rekonstruierten Daten vergleicht, kommt einem in der Tat der Gedanke an ein perfektes Ergebnis. Computer und Realität im Parallelschwung. Nur schade, daß die perfekt frisierten Kurven an der Marke 2004 haltmachen. Nicht einmal, was im Jahr 2005 kommen wird, geschweige denn 2006, erfährt man. So haben wir uns die versprochenen Vorhersagen nicht vorgestellt.

Quelle: jom. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.04.2004, Nr. 93 / Seite N1
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