Home
http://www.faz.net/-gwz-73tkz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Klimawandel Globale Erkältung

Es wird wärmer auf der Erde. Allerdings nicht überall: In der Hoch- atmosphäre bewirken Treibhausgase sogar einen Rückgang der Temperatur - drastischer noch als die Erwärmung am Erdboden. Des- halb nehmen Wissenschaftler die Mesosphäre genauer in den Blick.

© Science and Analysis Laboratory / Nasa Vergrößern Das Nachthimmelsleuchten der Mesopause sehen die Astronauten der Internationalen Raumstation als grünlich leuchtende Hülle, die die Erde umgibt. Das Licht der untergehenden Sonne erscheint als heller Streifen.

Globale Erwärmung? Am letzten Sommertag dieses Jahres präsentiert sich das Zugspitzplatt tief verschneit. Minus zwei Grad zeigt das Thermometer auf Deutschlands höchstem Gipfel an. Nur wenige Besucher haben sich an diesem Tag hierher verirrt, dabei schien das Besucherplateau noch ein paar Tage zuvor bei Sonnenschein unter der Last der Menschen zusammenzubrechen. Einige arabische Touristinnen setzen mit ihren schwarzen Schleiern den einzigen Kontrastpunkt vor der weiß-grau verschneiten Landschaft. Sie haben sich den Besuch hier oben sicher anders vorgestellt, das Alpenpanorama können sie wegen des Schneetreibens allenfalls auf den Fotografien der Informationstafeln bewundern.

Trügerische Wahrnehmung

Man könnte es den würdigen Abschluss eines durchwachsenen Sommers nennen. Doch Wetter und Klima sind bekanntlich grundverschiedene Dinge, und so hat das subjektive Wetterempfinden mit der globalen Realität wenig zu tun. Tatsache ist: Der August 2012 war in den Alpen der viertwärmste seit rund 250 Jahren, und der arktische Meereisschild schmilzt einem neuen Minusrekord entgegen. Warum ist die Wahrnehmung für viele Menschen dennoch eine andere - im Gegensatz zur Mehrzahl der Wissenschaftler? Deutlich zeigte dies eine im Jahr 2008 durchgeführte Umfrage von Peter Doran und Maggie Zimmerman von der University of Illinois in Chicago.

Mehr zum Thema

Von den Befragten, vorwiegend amerikanische Klimaforscher, waren neunzig Prozent der Ansicht, dass die globale Temperatur seit dem neunzehnten Jahrhundert gestiegen ist, und etwa achtzig Prozent glaubten, dass daran menschliche Aktivitäten einen signifikanten Anteil haben. In der Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten teilte dagegen nur rund die Hälfte der Befragten diese Ansicht. Ist der Grund für diese verbreitete Meinung, dass ein paar verregnete Sommertage eher prägen als abstrakte Zahlen? Der Weltklimarat IPCC prognostiziert eine durchschnittliche Erwärmung am Erdboden von 0,18 Grad pro Jahrzehnt, gemittelt über die Messdaten der vergangenen 25 Jahre. Klingt diese globale Fieberkurve vielleicht nicht dramatisch genug?

Unten wärmer, oben kälter

Womöglich könnte ein Blick nach oben, in die höheren Luftschichten eine eindeutige Antwort liefern. „In der Mesosphäre und ihrer oberen Grenzschicht, der Mesopause in achtzig bis hundert Kilometer Höhe, sollte die Temperaturänderung mindestens zehnmal so stark ausfallen, wie auf der Erdoberfläche - um zwei bis drei Grad pro Jahrzehnt“, sagt der Klimaforscher Michael Bittner vom Fernerkundungsdatenzentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen bei München, das auf dem höchsten Berg Deutschlands regelmäßig Klimamessungen vornimmt. Nur die Richtung der Temperaturänderung ist umgekehrt. „Während die Zufuhr von Treibhausgasen wie Kohlendioxid am Erdboden für eine Erwärmung sorgt, sollte sie in der Mesosphäre und der Mesopause zu einer langfristigen Abnahme der Temperatur führen. Wir nennen das ,cooling to space’, also die verstärkte Abstrahlung von Wärme in den Weltraum.“ Im für Besucher normalerweise nicht zugänglichen Schneefernerhaus, auf 2600 Meter Höhe zwischen Zugspitzplatt und Gipfel, stehen zwei von Bittners Messgeräten. Das ehemalige Hotel, spektakulär mit seinen neun Etagen in den Fels gebaut, beherbergt seit 1999 eine Forschungsstation unter der Schirmherrschaft des bayerischen Umweltministeriums. Normalerweise laufen die Messungen ferngesteuert. Wenn alles gut läuft, braucht im Grunde niemand den weiten Weg hier hoch zu machen.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Grass und die Waffen-SS Zwiebelopfer für uns alle

Im Sommer 2006 bekannte Günter Grass, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Was heißt das über den Menschen, die damalige Zeit, seine Stimme, sein Werk? Stationen einer Kontroverse. Mehr

14.04.2015, 16:28 Uhr | Feuilleton
München Sommer im April

Im Süden Deutschlands lockten Temperaturen bis 27 Grad Celsius zahlreiche Menschen ins Freie. Lange hält die Wärme laut Meteorologen allerdings nicht. Mehr

16.04.2015, 10:45 Uhr | Gesellschaft
FAZ.NET-Tatortsicherung Wolfsbarsch statt Currywurst

Der Kölner Tatort Dicker als Wasser reichert verschlungene Familiengeschichten mit Judo-Lektionen, Auswanderer-Weisheiten und Küchen-Tipps an. Nur die Currywurst fehlt. Der Krimi im Realitäts-Check. Mehr Von Achim Dreis

19.04.2015, 21:45 Uhr | Feuilleton
Der Frühling ist da Warme Temperaturen in ganz Deutschland

Der Himmel über Bayern ließ sich am Donnerstag nicht lumpen und lieferte schönstes Weiß-Blau. Auch in anderen Städten zog es die Menschen bei milden Temperaturen in die Sonne. Am Freitag soll sich das wohlige Frühlingsgefühl mancherorts noch steigern lassen. Und auch für die kommende Woche gibt der Deutsche Wetterdienst eine günstige Prognose ab. Mehr

10.04.2015, 09:46 Uhr | Gesellschaft
El Niño auf der Kippe Was braut sich da zusammen?

Dürre in Südostasien, Überflutung in Bolivien – die Klimaanomalie El Niño schlägt zu. Die Frage ist: Kommt es noch schlimmer? Im Netz wird wild spekuliert, die Experten schwanken. Für sie steht einiges auf dem Spiel. Mehr Von Joachim Müller-Jung

12.04.2015, 17:48 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.10.2012, 06:00 Uhr