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Montag, 13. Februar 2012
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Klimapolitik Hahn zu

02.09.2009 ·  Rettungsringe für die Klimapolitik: Mit zwei neuen Schriften und Konzepten wollen prominente Klimaexperten den stotternden Verhandlungen zum Kopenhagener Klimgipfel neues Leben einhauchen.

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Was unterscheidet den „Utopiker“ vom „Utopisten“? Klimaexperten wie der britische Ökonom Lord Nicholas Stern und seine kongenialen Partner vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber und Ottmar Edenhofer, betrachten sich beispielsweise als „Utopiker“ - mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Klimapolitik. Von der sinnlosen Schwärmerei der Utopisten jedenfalls, so ließen sie jetzt unisono bei der Präsentation von Sterns neuem Buch in Berlin wissen, sehen sie sich als ernsthafte Wissenschaftler meilenweit entfernt.

„Der Global Deal“ lautet der zweisprachige Titel des Buchs. Handelte es sich beim „Stern-Report“, der vor zweieinhalb Jahren die Welt mit einer radikalen Kostenaufstellung zum Klimawandel wachrüttelte, vorwiegend noch um eine ökonomische Analyse, so legte Lord Stern diesmal - exakt hundert Tage vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen - eine ausgesprochen politische Schrift vor. Es sind die Umrisse eines neuen Weltklimaabkommens. Tatsächlich kann man es durchaus lesen als den ernsthaften Versuch eines glänzend vernetzten Pragmatikers und klimapolitischen Handlungsreisenden, der die stockenden Post-Kyoto-Verhandlungen doch noch zu einem zukunftsweisenden Ergebnis führen will.

Die Rezepte Sterns sind bei alledem allerdings weder neu noch überraschend. Das gilt sicher nicht für eine andere klimapolitische Schrift, die am gestrigen Dienstag in Berlin an die Staatssekretäre des Bundesumwelt- und des Forschungsministeriums übergeben wurde. Absender ist der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“. Vorsitzender: Kanzlerinnenberater Schellnhuber. Im Titel des Sondergutachtens, „Kassensturz für den Weltklimavertrag - der Budgetansatz“, bringt Schellnhuber schon jene Radikalität zum Ausdruck, die das Papier von Sterns eher konventionellem Ansatz unterscheidet. Beide, Stern wie Schellnhuber, wollen in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren die Umkehr zu einer treibhausgasarmen Weltwirtschaft vorantreiben. Beide streben weltweite „Klimasicherheit“ an. Der eine aber versucht es mit fortgesetztem Realismus, die anderen - Schellnhuber und sein neunköpfiger Rat - haben die Nase dagegen voll von den „Realisten, die das Denken über die internationalen Beziehungen lange beherrscht haben“.

Auf jeder Seite des Gutachtens spürt man Ungeduld, ja Zorn, der sich breitmacht. Die schon vorab bekanntgewordene Ablehnung der Bundesminister, das Gutachten eigenhändig in Empfang zu nehmen, wertete Schellnhuber bereits bei Sterns Stippvisite als schweren Fehler. Eine glatte Ohrfeige. Tatsächlich ist der „Budgetansatz“ etwas völlig Neues. Er geht von Berechnungen einer Gruppe um den Potsdamer Klimaforscher Malte Meinshausen aus, die Ende April in „Nature“ vorgelegt wurden (Bd. 458, S. 1158). Grob gesagt, hatten die Wissenschaftler berechnet, wie viel Kohlendioxid bis zur Mitte des Jahrhunderts durch Verbrennung fossiler Brennstoffe theoretisch noch freigesetzt werden darf, damit der in Klimamodellen ermittelte und mittlerweile von gut 130 Staaten anerkannte Schwellenwert einer globalen Erwärmung um zwei Grad nicht überschritten wird. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent, so heißt es jetzt in dem Gutachten, sei das zu schaffen, wenn weltweit bis zum Jahr 2050 nicht mehr als 750 Milliarden Tonnen Kohlendioxid emittiert würden.

Mehr gibt es nicht zu verteilen. Und weil dieses „globale Emissionsbudget“ gerecht an die Länder der Weltgemeinschaft zu verteilen sei, müsse diese Menge auf alle Köpfe verteilt werden. Jedem Land wird also ein „Atmosphärenkapital“ zugerechnet. Was dazu führt, dass unter Berücksichtigung der „historischen Verantwortung“ der Industrieländer die „Dekarbonisierung“ der Wirtschaft unterschiedlich schnell zu verwirklichen wäre. Forciert werden sollte diese Transformation durch Emissionshandel und Klimasteuern, überwacht von einer neuen „Weltklimabank“. Beispiel Deutschland: Hier hat man ein Gesamtbudget von 1990 bis 2050 über 17 Milliarden Tonnen Kohlendioxid errechnet, tatsächliche Emissionen von 1990 bis 2009: 17 Milliarden. Alles, was jetzt noch an Verschmutzungsrechten dazukommen soll, etwa die derzeit jährlich 900 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Emissionen, muss in Ländern mit „Restguthaben“, also beispielsweise in Indien, mit Emissionszertifikaten angekauft werden. Im Grunde, so heißt es in dem Gutachten, müssen Industriestaaten wie Deutschland innerhalb von zwanzig Jahren die Freisetzung von Treibhausgasen komplett einstellen. Ein Kassensturz an der Kante zum Kollaps.

Als Lord Stern der deutschen Öffentlichkeit sein Buch präsentierte, wurde er vorwurfsvoll gefragt, ob es nicht viel einfacher und konsequenter sei, der Erdöl- und Kohleindustrie einfach sofort den Hahn zuzudrehen. Stern war um keine Antwort verlegen. Schellnhubers Beirat aber ist de facto deutlich näher am Ziel.

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