17.12.2009 · Brasilien ist in wenigen Jahren zum Spitzenreiter in Sachen Klimaschutz aufgestiegen. Dahinter steckt die Hoffnung auf eine Art globaler Forstwirtschaftsplan mit radikaler ökologischen Agenda, genannt REDD. Nicht das Abholzen, das Schützen der Bäume soll bezahlt werden. In Kopenhagen könnte der Plan besiegelt werden.
Von Joachim Müller-JungEs war einer der bisher schlechtesten Tage auf dem Kopenhagener Klimagipfel. Der Tag der diplomatischen Blockaden und der öffentlichen Randale. Und mitten hinein in diese politisch aufgeheizte Stimmung diffundierte eine Meldung, die leicht hätte untergehen können zwischen den vielen Parolen, Zwischenrufen und Schuldzuweisungen dieses Tages. Brasilien sei zum Spitzenreiter des Klimaschutzes aufgestiegen, hieß es da. Auf einer Rangliste der 57 größten Treibhausgasemittenten, die seit Jahren von einem ökologisch engagierten Expertenkreis, dem "Germanwatch-Can Europe", geführt wird, erzielt Brasilien plötzlich die höchsten Indizes - deutlich vor den ökologischen Anführern aus Europa, die es bis dahin gewohnt waren, für ihre ökologische Führungsrolle gelobt zu werden.
Nun hat also Brasilien die Herzen der Klimaschützer erobert. Ein Szenario, das vor vier oder fünf Jahren noch undenkbar schien. Wie konnte es dazu kommen? Der Grund für die Wende trägt den sperrigen Titel "Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation", kurz „REDD“. Dahinter verbirgt sich ein globaler Forstwirtschaftsplan mit einer radikalen ökologischen Agenda. Es ist gewissermaßen das erste Abkommen, das den Schutz der Regenwälder unter ein internationales Regime stellt - erdacht und gelenkt seit vielen Jahren von der Klimapolitik.
Ein ökologischer Erdrutsch
Zwischen zwölf und und zwanzig Prozent des Kohlendioxidanstiegs in der Luft sind den Experten zufolge auf die Abholzung zurückzuführen und die damit verbundene Freisetzung des Kohlenstoffs. Brasilien spielte dabei stets die Hauptrolle. Die Hälfte der globalen Regenwaldverluste wurden bis vor wenigen Jahren noch den Rodungen am Amazonas zugeschrieben. Im Schnitt wurden von 1996 bis 2005 jährlich fast zwanzigtausend Quadratkilometer Amazonasurwald abgeholzt. Seither allerdings hat sich das Blatt radikal gewendet. In den vergangenen vier Jahren ist die Abholzungsrate Brasiliens um 42 Prozent gesunken. Vom Sommer 2008 bis Juli 2009 wurde eine Reduktion von 75 Prozent verglichen mit dem Rekordjahr 2004 erzielt.
Ein ökologischer Erdrutsch, den inzwischen auch unabhängige Regenwaldexperten wie Daniel Nepstad und seine Gruppe vom Woods Hole Research Center in Falmouth, Massachusetts, bestätigt haben. In der Zeitschrift "Science" schrieb Nepstad vor kurzem, dass er es für möglich hielte, die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes bis zum Jahr 2020 endgültig zu beenden. Er skizzierte da bereits die politischen Leitplanken, die er jetzt auf dem Klimagipfel in Kopenhagen noch einmal wiederholte. Redd, das dafür nötige Vertragswerk, könnte in der Tat das erste Kopenhagener Dokument sein, das den Staats- und Regierungschefs in dieser Woche zur Unterschrift vorgelegt wird. Die Verhandlungen bis gestern verliefen jedenfalls vielversprechend.
Ein Maßnahmenbündel für ökologisch verträgliche Nutzung
Am Beispiel des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso machten Nepstad, ein Vertreter der Sojaindustrie und der Gouverneur des Staates, Lairo Maggi, die ökologischen Fortschritte des Landes deutlich. Mato Grosso ist ein riesiger, von Regenwald und über die Jahre zunehmend von Rinderweiden und Sojafeldern dominierter Amazonasstaat. Und obwohl die Exporte von Fleisch und Soja weiter gestiegen sind, ist der Waldverbrauch in vier Jahren radikal zurückgegangen: Allein zwei Drittel des Gesamtrückgangs an Abholzungen ist dort zu suchen. Wie war das möglich?
Es ist offenbar ein ganzes Maßnahmenbündel, das in dem Tropenstaat zu greifen beginnt - eine Mischung aus längst überfälligen nationalen Regulierungsschritten und Maßnahmen, die im Hinblick auf Redd in Kraft gesetzt wurden. So wurden die Schutzgebiete massiv ausgeweitet und ein landesweites Register eingeführt, in dem Grundeigentum erfasst und Lizenzen für die ökologisch verträgliche Nutzung des Landes vergeben werden. Die Kreditvergabe an Fleischproduzenten hat man an Auflagen geknüpft, die Weidehaltung auf den vorhandenen Flächen zu intensivieren statt neue Flächen zu roden.
Geschäftsmodell Klimakompensation
Produzenten, die sich nicht daran halten, wird das Geschäft mit Strafen verhagelt oder werden vom Markt ganz ausgeschlossen. Schließlich werden mit Blick auf Redd die registrierten Naturschutzflächen ausgeweitet und registriert. Ziel: Wer auf seinem Grund nicht abholzt oder die Naturwälder gar ausweitet, wird mit einer Kohlenstoffgutschrift belohnt. Ricardo Silver vom Verband der brasilianischen Sojaindustrie machte in Kopenhagen deutlich, dass sich die Farmer satte Einnahmen versprechen.
Die internationale Naturschutzunion IUCN, die am gestrigen Montag für Brasilien und Indonesien solche hypothetischen Redd-Bilanzen vorlegte, zeigt, dass das Geschäftsmodell der Klimakompensation mit den Erträgen aus der Rinderzucht und auch den Sojaernten konkurrieren könnte - wenn die dafür nötigen Kosten sieben bis 18 Milliarden Dollar jährlich durch einen im Redd verankerten Fonds aufgebracht würden. Zudem erhofft man sich vom Handel mit Emissionszertifikaten, die etwa mit Obamas geplantem Klimaschutzgesetz in den Vereinigten Staaten in großem Stil möglich wären, Milliardeneinnahmen: 37 bis 111 Milliarden amerikanischer Dollars allein zwischen den Jahren 2013 und 2020. Einziger Knackpunkt: Keiner der für Redd relevanten Verträge ist bisher in trockenen Tüchern. Auch mit dem nationalen Redd-Gesetz muss man warten, bis tatsächlich grünes Licht gegeben wird und tatsächlich Gelder in den Regenwaldtopf fließen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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