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Klimaforschung Beweise von der Eisfront

 ·  Von einem schlüssigen Beweis für die menschliche Verursachung der Klimaerwärmung in den Polargebieten ist in einer neuen Studie die Rede. War da noch etwas zu beweisen? Und wie sieht dieser nachgereichte Beweis eigentlich aus?

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Eine beachtliche Lücke im jüngsten Weltklimabericht ist geschlossen. Wo vor anderthalb Jahren noch zu lesen war, dass der "anthropogene Einfluss auf das Klima auf jedem Kontinent außer der Antarktis feststellbar ist (da von dort zu wenige Beobachtungsdaten für eine Abschätzung vorliegen)", ist jetzt für Eindeutigkeit gesorgt - zumindest in der Formulierung. "Ein schlüssiger Beweis" für die durch Treibhausgase hervorgerufene Klimaerwärmung sei nun in beiden Polargebieten, also auch in der Antarktis, zu finden. Das wird von einer internationalen Forschergruppe in der Zeitschrift "Nature Geoscience" klargestellt, die zumindest teilweise auch für jene etwas vagere Formulierung im Endbericht des "Intergovernmental Panel on Climate Change" (IPCC) verantwortlich ist.

Gab es noch etwas zu beweisen?

Klarheit ist immer gut. Nur ist nach dieser neuen Veröffentlichung zu fragen, welcher Grad an wissenschaftlicher Deutlichkeit tatsächlich nötig ist, um die Beweisaufnahme zu Lasten des Klimafaktors endlich abzuschließen - wie es jetzt nahegelgt wird. Als das IPCC im Februar des vergangenen Jahres die Wahrscheinlichkeit, mit der der Mensch die jüngste Klimaerwärmung maßgeblich zu verantworten hat, auf mehr als 95 Prozent und damit auf "sehr wahrscheinlich" taxierte, war im Grunde das Urteil für jeden ersichtlichtlich gefallen. Die Politik jedenfalls ließ am "rechtskräftigen" Schuldspruch keinen Zweifel. Und die Entwicklung der Befunde seither, angefangen von der Gletscherschmelze an Grönlands Küsten bis zum beispiellosen Meereisschwund im Nordpolarmeer in diesem und im vorigen Jahr, hat den Druck sogar nochmal spürbar verstärkt.

Eines quasi nachgereichten offiziellen "Beweises" für die Polarregionen, wie er nun vorgelegt wurde, hätte es also gar nicht bedurft. Umso bemerkenswerter erscheint dieser neue Versuch, da jetzt, knapp anderthalb Jahre nach der IPCC-Veröffentlichung, der seinerzeit angeführte Mangel an Beobachtungsdaten kaum beseitigt sein dürfte. Tatsächlich handelt es sich um eine neue Variante der Computermodellierung. Die Forscher haben die vorliegenden Messdaten, die in der Arktis hundert, in der Antarktis aber wenig mehr als fünfzig Jahre zurückreichen, mit Computersimulationen verglichen - mal mit und mal ohne die Einrechnung der anthropogenen Treibhausgas-Emissionen und der "Ozonlöcher".

Mit Modellen finden, was Messungen nicht hergeben

Einigermaßen zur Deckung zu bringen mit den Messkurven waren diese Simulationen in den vier Globalmodellen nur, wenn die menschlichen Klimaeinflüsse mitgerechnet wurden. Eine klassische Korrelation also. Das Besondere daran, und darin liegt gewissermaßen der kriminalistische Fortschritt und das Gespür der Klimaforscher, ist, dass man ausschließlich jene Stellen auf diesem virtuellen Netz verglichen hat, für die auch tatsächlich Messdaten vorliegen. In der Antarktis betrifft das weniger als zwanzig Messreihen - repräsentiert durch kaum mehr als hundert Wetterstationen auf einem Kontinent, der beinahe so groß ist wie Nord- und Mittelamerika zusammen. Sämtliche Messreihen stammen aus den Küstenregionen, bis auf zwei, die am Südpol und an einer Stelle auf dem riesigen ostantarktischen Eisschild gewonnen wurden.

Vollends voraussehbar wird das Ergebnis, weil auch noch die große Mehrzahl der Aufzeichnungen von der am stärksten von Forschern bevölkerten Antarktischen Halbinsel - der nördlichsten und ungewöhnlichsten Region - vorliegt. Dort allein hat sich aus Gründen, die mutmaßlich mit klimabedingten Verschiebungen der Luftzirkulationen zusammenhängen, die Temperatur in fünfzig Jahren um bis zu drei Grad erwärmt. Einen stärkeren Erwärmungstrend hat man nirgendwo auf der Welt registriert.

Der Grund, weshalb man dieses verdächtige "Signal" des Klimawandels nicht schon früher dem Menschen zugerechnet hat, liegt vor allem in den enormen Schwankungen, die in beiden Polargebieten zu verzeichnen sind. Diese längst bekannten natürlichen Schwankungen waren auch der Grund, weshalb führende Polarmeteorologen wie David Bromwich und seine Kollegen vom Byrd Polar Research Center an der Ohio State University den Klimamodellen noch bis zum April dieses Jahres misstrauten. In einer Veröffentlichung in den "Geophysical Research Letters" beklagte Bromwich, dass die mit Klimamodellen des IPCC errechnete Erwärmung der bodennahen Lufttemperaturen zweieinhalb- bis fünfmal so hoch seien wie die spärlich vorhanden Messwerte.

Die Ursache liege vermutlich darin, dass in den Modellen die Wärmespeicherung durch Wasserdampf "unrealistisch" abgebildet werde. In seinem Kommentar zu dem neuen "Beweis" für ein anthropogenes Klimasignal korrigiert er sich. "Die Modelle können Trends offensichtlich besser simulieren als früher gedacht." Allerdings sei vor Extrapolationen auf die gesamten Polargebiete gewarnt. Ja was denn nun?

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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