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Grabkammer von Qatna Der Untergang der Stadt Qatna

23.09.2009 ·  Vielleicht hatte der Abstieg an der Wende zum 17. Jahrhundert begonnen, als in Ägypten das Mittlere Reich zusammenbrach - vielleicht auch erst um das Jahr 1600 vor Christus, als die Hethiter zuerst Qatnas Rivalen Aleppo und dann der Dynastie des Hammurabi in Babylon ein Ende bereiteten.

Von Ulf von Rauchhaupt
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"Befestigt Qatna, bis ich selber eintreffen werde!" Diese Zeile hat sich König Idanda sicher mehr als einmal vorlesen lassen. Ein gewisser Hattuni hatte ihm diesen Brief geschickt, ein General Schuppiluliumas I., des Herrschers der Hethiter und um 1340 vor Christus mächtigsten Mannes der Welt.

Aber was bedeutet diese Nachricht? Sollte sie den König von Qatna einschüchtern? Das würde zu der schon vor der Entdeckung des Briefes im Jahr 2002 vertretenen Theorie passen, dass es die Hethiter waren, die Qatna damals ein Ende bereitet und den prächtigen Palast zerstört haben. Für Thomas Richter, Spezialist für altorientalische Sprachen von der Universität Frankfurt und Epigraphist des deutsch-syrischen Ausgrabungsteams (siehe Im Reich der geräucherten Monarchen), gibt es noch eine andere Möglichkeit. "Ich glaube eher, dass es der Rat eines Freundes war", sagt Richter, "da die hethitische Armee zu weit weg war, um Qatna zu helfen."

Ein Konkurrent des Pharaos

Tatsächlich kann man den fünf Briefen aus Idandas Sekretariat entnehmen, dass die Stadt bedroht war - aber nicht, durch wen. Es kann auch eine viel kleinere Macht gewesen sein, denn die große Zeit, als Qatna souverän über das Land von den Zedernwäldern des Libanons bis zur Oase Palmyra gebot, war lange vorbei. Vielleicht hatte der Abstieg an der Wende zum 17. Jahrhundert begonnen, als in Ägypten das Mittlere Reich zusammenbrach, die Einnahmen Qatnas aus dem Ägyptenhandel zurückgingen und es immer schwieriger wurde, die gewaltige Stadtbefestigung und die prunkvollen Paläste zu unterhalten - vielleicht auch erst um das Jahr 1600 vor Christus, als die Hethiter zuerst Qatnas Rivalen Aleppo und dann der Dynastie des Hammurabi in Babylon ein Ende bereiteten und damit die Machtverhältnisse in Vorderasien von Grund auf veränderten. In jedem Fall war Qatna nur noch ein Schatten seiner früheren Größe, als es um 1430 vor Christus in Abhängigkeit zum König des Reiches Mitanni geriet.

Dieser Monarch konkurrierte damals mit dem imperial gesinnten Pharao Thutmosis III. um den Einfluss in Syrien. Dessen Nachfolger schlossen Frieden, nahmen mitannische Prinzessinnen in ihren Harem, und Syrien blieb bis auf die Küste unter der Oberhoheit Waschschukannis, der nicht genau lokalisierten Hauptstadt Mitannis. Auch sonst ist dieser Staat unter den altorientalischen Großmächten bis heute der rätselhafteste. So ließ sich etwa seine Sprache, das Hurritische, bisher keiner bekannten Sprachfamilie zuordnen. Thomas Richter ist einer von zwölf Menschen auf der Welt, die hurritische Keilschrifttexte lesen und daher mit etlichen der in Qatna gefundenen Tafeln etwas anfangen können. Die enthalten nämlich ein merkwürdiges Konglomerat aus Akkadisch, der damaligen Diplomatensprache, und etwa 20 Prozent hurritischem Wortgut. Zuweilen sind das gerade die entscheidenden Stellen. "Das ist wie bei unserem ,Denglisch'", sagt Richter - vergleichbar mit der Sprache des berüchtigten Interviews, in dem eine bekannte Modeschöpferin Sätze bildete wie: "Wer Ladysches will, searcht nicht bei Jil Sander."

Nichts als Feldzüge

Das akkadisch-hurritische Kauderwelsch findet sich in Qatna in den Briefen aus anderen von Mitanni dominierten Städten. "Die Frage bleibt, ob die Schreiber der Briefe es selbst nicht anders konnten oder ob sie dem Empfänger Hilfestellung geben wollten", sagt Richter. Seltsamerweise sind juristische Texte, die in Qatna selber entstanden, rein akkadisch geschrieben.

Allerdings war Qatna zu Zeiten Idandas so unbedeutend geworden, dass es noch nicht einmal direkt Mitanni unterstellt war, sondern zum Machtbereich eines Vasallen gehörte: des Königs von Nuhaschsche. Nach Richters Ansicht war der nun der Grund dafür, warum Qatna es mit Schuppiluliuma I. zu tun bekam. Der Hethiterkönig war bei der Verfolgung flüchtender Rebellen mit Mitanni aneinandergeraten, ohne es jedoch besiegen zu können. Da wurde das hethiterfreundliche Ugarit von einer Koalition syrischer Mitanni-Vasallen angegriffen, darunter Nuhaschsche. Schuppiluliuma eilte Ugarit zu Hilfe, schlug die Syrer und verfolgte den flüchtenden Fürst von Nuhaschsche bis nach Qatna. Die Hethiter eroberten die Stadt, zerstörten sie aber nicht, sondern setzten Idanda als nun von Nuhaschsche unabhängigen König ein.

Nach dem Rückzug der Hethiter allerdings wechselte Idanda die Seiten, gleich anderen syrischen Städten wurde Qatna wieder mitannisch. Einige Zeit später rüstete Schuppiluliuma zu einem zweiten Syrien-Feldzug, und diesmal konnte er Mitanni ausschalten. Für den vertragsbrüchigen Idanda wurde die Lage nun gefährlich, doch nach Richters Ansicht weisen die 2002 im Königspalast gefundenen Keilschrifttexte darauf hin, dass Idanda sich den Hethitern erneut unterwerfen wollte, diese mithin keinen Grund für eine Strafaktion so weit südlich hatten. Aber wer hat Idandas Palast dann angezündet?

Akizzis Hilferuf

"Möglicherweise war es der König von Qadesch", sagt Richter. Vor diesem weiter südlich am Orontes gelegenen Stadtstaat nämlich, der sich den Hethitern nicht unterworfen hatte, wird Idanda von General Hattuni an einer Stelle seiner Briefe gewarnt. Offenbar hat das Machtvakuum nach der Niederlage Mitannis allerlei Kleinkönige dazu animiert, sich aus der Konkursmasse zu bedienen. "Die hurritischen Festungen (also die Vasallen Mitannis) werden sich gegenseitig schlachten", zitiert Richter eine Stelle aus einem anderen Text.

Qatna wurde geschlachtet. Der Palast wurde zerstört, und Idanda verlor den Thron an einen gewissen Akizzi, von dem man nur weiß, weil einige seiner Briefe an Pharao Echnaton erhalten sind. Darin bittet Akizzi um Beistand gegen die Hethiter - und nicht nur er. Auch andere Fürsten im ägyptischen Einflussbereich sandten solche Briefe in Echnatons neue Hauptstadt Achet-Aton oder beklagten sich, dass ihre Hilferufe ohne Antwort blieben. Der Pharao, der soeben eine neue Religion mit der Sonnenscheibe Aton als einzigem Gott eingeführt hatte, reagierte offenbar nicht. "Kann sein, dass ihm das Ganze hier egal war", sagt Richter.

Mit dem Hilferuf des Akizzi verlässt Qatna die Bühne der geschriebenen Geschichte. Archäologisch aber bleibt sein weiteres Schicksal fassbar. Demnach ging das Leben zwischen den gewaltigen Erdwällen nach 1340 v. Chr zunächst weiter. Doch anderthalb Jahrhunderte später versank das Hethiterreich im Chaos, und im Vorderen Orient brachen finstere Zeiten an. Bis etwa 900 vor Christus war Qatna eine Geisterstadt. Dann wurde es wiederbesiedelt und zum regionalen Zentrum für die Erzeugung von Wein und Wollstoffen. Ab dem 8. Jahrhundert vor Christus aber, nach den Eroberungszügen der Assyrer, ging es dann langsam zu Ende. Qatna verlor seinen urbanen Charakter, Dürreperioden mit dem Versiegen der Quellen gaben dem Ort wohl den Rest. Qatna wurde aufgegeben.

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Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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