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Globaler Wasserhaushalt Die Wüste wächst

21.05.2011 ·  Haben wir es schon mit Anzeichen einer fortschreitenden Desertifikation zu tun - einer Verwüstung, die das Gesicht unseres Planeten zu verändern und die Wasserversorgung von Millionen zu unterbinden droht? Die Wissenschaftler sind sich nicht sicher.

Von Joachim Müller-Jung
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Die Angst zu verdursten mobilisiert, je konkreter die Gefahr wird, jede Faser unseres Körpers und unseres Geistes. Die Evolution hat hier ganze Arbeit geleistet. Die Wahrnehmungsschwelle für den Durst ist sorgfältig reguliert, die individuelle Katastrophenvorsorge funktioniert nahezu bei jedem perfekt. Sie versagt allerdings bei den meisten von uns, wenn es um die mittelbare Gefahr der Austrocknung geht - wenn die natürlichen Wasserreservoire als die elementaren und kollektiven Grundlagen allen Gedeihens zu verschwinden drohen. Wie anders sollte man deuten, dass wir uns zwar zunehmend von schwindendem Polareis und Artensterben alarmiert fühlen und die politische Lobby dagegen leicht zu mobilisieren ist, dass aber kaum einen die sogenannte Desertifikation über ein kurzes Lamentieren hinaus zu beschäftigen scheint - jenes Phänomen, das ebenso wie Klima- und Biodiversitätskonvention vor bald zwanzig Jahren auf dem "Erdgipfel" von Rio mit einem eigenen völkerrechtlichen Abkommen - der "Konvention gegen Desertifikation" zum drängenden globalen Umweltthema gekürt worden war.

Nicht einmal in Zeiten wie diesen, in denen extreme Trockenheit und Dürren in die Schlagzeilen drängen, weil sie einen unmittelbar vor der eigenen Haustür betreffen, wird die Gefahr der Austrockung ernsthaft reflektiert. Dreißig bis fünfzig Prozent der Getreide- und Grasernte könnten allein in Hessen verloren gehen, so klagt der Bauernverband, weil schon im Februar und März, erst Recht im heißen April viel zu wenig Wasser vom Himmel gekommen sei. Im vorigen Monat waren es im Schnitt 21 Liter pro Quadratmeter, üblich ist fast das Dreifache. Die jüngsten Niederschläge haben die Situation keineswegs entspannt.

Schwankende Wissenschaft

Deshalb verdurstet zwar noch niemand im Land, aber die mittelbaren Folgen der Mangelversorgung werden leichthin unterschätzt oder immer wieder vergessen. Nehmen wir Frankreich: Die meisten Flüsse im Land führen momentan so wenig Wasser wie normalerweise im Hochsommer. Der Wasserverbrauch in 28 von 96 Departements ist per Regierungsdekret eingeschränkt worden, die Ernteerträge beim Nachbarn, der soviel Getreide wie kein anderes Land in der Europäischen Union produziert, sind stark gefährdet - nicht zuletzt, weil auch die mittelfristigen Wetterprognosen keine größeren Regenmengen versprechen.

Sind das wirklich schon Zeichen einer fortschreitenden Desertifikation - einer Verwüstung, die das Gesicht unseres Planeten zu verändern und die Wasserversorgung von Millionen zu unterbinden droht? Oder sind Monate lange Trockenheiten solchen Ausmaßes nicht eher das Ergebnis natürlicher meteorologsicher Schwankungen - schon immer gewesen? Auch die Wissenschaft schwankt hier, wenn es um klare Antworten geht. In China lässt sich das Phänomen der Verwüstung, das ökologische Ursachen hat, Folge von Verschwendung ist und gewaltige gesellschaftliche Konsequenzen hat, gewiss klarer beobachten. Dort entwickelt sich die Desertifikation sukzessive zur Katastrophe: Fünf Monate ohne Wasser haben entlang des Yangtse-Flusses dazu geführt, dass die Pegel auf einen Rekordniedrigstand gefallen und der Drei-Schluchten-Staudamm vor wenigen Tagen für die Notbewässerungen geöffnet werden musste.

Knapp 1400 Wasserreservoire für Millionen Menschen in der Provinz Hubei sind inzwischen für die landwirtschaftliche Bewässerung gesperrt worden, ein Viertel davon sogar nur zur Wasserentnahme im Notfall zugänglich. In der Zeitschrift "Geophysical Research Letters" haben chinesische und amerikanische Forscher kürzlich die hydrologische Entwicklung des zurückliegenden halben Jahrhunderts anhand von Karten und Satellitendaten bilanziert. Ergebnis: Gegenüber der Zeit zwischen 1960 und 1980 ist die Oberfläche der chinesischen Seen um 13 Prozent zurück gegangen, die Zahl der Gewässer mit über einem Quadratkilometer Fläche um acht Prozent. 243 Seen sind in den nördlichen Regionen komplett ausgetrocknet, während auf dem tibetanischen Hochgebiet dank der Schmelzwasserzuflüsse aus dem Himalaja sechzig neue Seen entstanden sind.

Städter auf dem Trockenen

Dramatisch ist auch die Situation in Asien und Afrika zu nennen. Beispiel Yemen: In der Hauptstadt Sanaa mit seinen knapp zwei Millionen Einwhnern ist Leitungswasser rationiert worden: nur alle vier Tage fließt es aus den Hähnen. In einer kleineren Stadt im Süden sollen es nach Recherchen des "Earth Policy Institute" in Washington nur noch alle zwanzig Tag sein. Die Grundwasserpegel sinken offenbar unaufhörlich, in den vergangenen vierzig Jahren ist die Getreideernte wegen Wassermangels in dem ohnehin unterentwickelten Land mit seiner chronisch unterernährten Bevölkerung um ein Drittel gesunken.

Die Liste der Schauplätze, an denen die Desertifikation auf bedrückende Weise anschaulich wird, ließe sich fortsetzen. Und sie wird zusehends länger. In der Zeitschrift "Nature Climate Change" berichtete jüngst David Lobell von der Stanford-Universität über die Analysen von mehr als 20 000 afrikanischen Agrarstudien zwischen 1999 und 2007 und über die Ergebnisse der daraus resultierenden Computermodelle, die das Dilemma verdeutlichen: Zwei Drittel der heutigen Maisanbau-Gebiete in Afrika müssten schon bei einer durchschnittlichen Erwärmung um ein Grad mit deutlichen Ernteverlusten rechnen, bei länger anhaltenden Temperaturen über 30 Grad schrumpften die Erntemengen schon bei normaler Wasserversorgung - allerdings um siebzig Prozent stärker, wenn die Pflanzen Wassermangel leiden.

Auch in vielen Städten sind die Aussichten vielerorts alles andere als günstig: Mark Montgomery von der Stony Brook University in New York hatte unlängst seine auf hydrologischen, demographischen und klimatologischen Szenarien basierenden Rechnungen in den "Proceedings" der amerikanischen Nationalen Wissenschaftsakademie präsentiert. Demnach leben heute rund 150 Millionen Städter das ganze Jahr über mit weniger als der von Experten als "komfortablen" Richtwert angesetzten Minimalmenge von hundert Litern pro Tag. Mitte des Jahrhunderts sollen es fast eine Millarde Menschen sein - fast allesamt in den Metropolen Asiens und Afrikas. Die asiatische Entwicklungsbank warnt jetzt: Schon 2030 übersteige der Wasserbedarf Asiens die Versorgung um vierzig Prozent. Tragischerweise ist das für viele allerdings zu weit weg, zeitlich wie räumlich gesehen, um sich jetzt zu sorgen.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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