Home
http://www.faz.net/-gx6-13816
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Geologie Als der Amazonas die Anden eroberte

23.07.2009 ·  Er ist der mächtigste Strom der Welt. Aber erst vor ungefähr zwölf Millionen Jahren hat der Amazonas sein heutiges Bett gefunden, wie die ersten Probebohrungen in den von ihm abgelagerten Sedimentschichten zeigen.

Von Horst Rademacher
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der Amazonas gilt seit der Entdeckung eines vorher unbekannten Quellgebietes im Süden Perus vor zwei Jahren als der längste Fluss der Welt. Es gibt aber auch keinen anderen Strom, der ein derart großes Einzugsgebiet hat oder auch nur annähernd so viel Wasser wie er führt. An seiner Mündung zwischen den beiden brasilianischen Städten Belem und Macapa fließen pro Sekunde 180000 Kubikmeter Süßwasser in den Atlantik. Es stammt aus einem Gebiet mit einer Fläche von rund sieben Millionen Quadratkilometern, was nahezu 40 Prozent Südamerikas entspricht.

Doch obwohl der Amazonas schon seit dem Jahre 1541 erforscht wird, war bis heute nicht klar, seit wann der größte Strom der Welt von den Anden aus zum Atlantik fließt. Eine internationale Forschergruppe hat nun festgestellt, dass der Amazonas im geologischen Sinne - also mit seinem heutigen Verlauf - ein außergewöhnlich junger Fluss ist.

Altersschätzung nach ersten Probebohrungen

Bislang hatte man das Alter dieses südamerikanischen Stromes nicht ermitteln können, weil es vor seiner Mündung kein flaches Delta gibt, in dem die Sedimente leicht durch Bohrungen zugänglich wären. Vielmehr lagert der Amazonas seine große, hauptsächlich aus den Anden stammende Sedimentfracht im Meeresbecken Foz do Amazonas sowie auf dem unmittelbar daran anschließenden Kontinentalschelf ab. Diese Seegebiete sind nicht nur tief, sie enthalten vermutlich auch große Lagerstätten an Kohlenwasserstoffen und gehören zur seerechtlich festgelegten "Exklusiven Wirtschaftszone" Brasiliens. Daher gab es bisher im Foz do Amazonas keine nennenswerten Forschungsbohrungen.

Das hat sich nun geändert. Die staatliche brasilianische Ölgesellschaft Petrobras hat die Aufzeichnungen von zwei jeweils mehr als 4500 Meter tiefen Erkundungsbohrungen im Foz do Amazonas der Forschung zugänglich gemacht. Eine internationale Forschergruppe um Jorge Figueiredo, einem zurzeit an der Universität Liverpool arbeitenden Geologen von Petrobras, hat diese Aufzeichnungen ausgewertet. Dabei konzentrierten sich die Geologen auf die Untersuchung von Mikrofossilien, die für die verschiedenen Epochen der Erdgeschichte im tropischen Südamerika charakteristisch sind.

Die Anden kamen erst vor 1,8 Millionen Jahren ins Spiel

Wie die Forscher in der Zeitschrift "Geology" (Bd. 37, S. 619) schreiben, erreichten beide Bohrungen jene Grenzschicht, in der kontinentale Sedimente auf marines Karbonatgestein treffen. Alle Schichten oberhalb dieser Grenze wurden durch den Amazonas und seine Vorgänger ins Meer gespült. Nach den Untersuchungen der Forscher enthielten die ältesten Sedimente keine Mikrofossilien, die aus den Anden stammen. Das deutet darauf hin, dass die Vorgängerflüsse des Amazonas ihre Quelle in den Mittelgebirgen Südamerikas, also im heutigen Grenzland zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana, hatten. Erst vor etwa 11,8 Millionen Jahren kamen Sedimentfrachten aus den Anden. Damit hatte der Amazonas in etwa seine heutige Form erreicht.

Die Analysen haben aber nicht nur das Alter des Stromes ergeben. Sie ließen auch Schlüsse auf die Menge der von ihm transportierten Fracht zu. In den ersten fünf Millionen Jahren seiner Existenz beförderte der junge Amazonas nur wenig Sedimente ins Meer. Der submarine Sedimentfächer nahm in dieser Zeit pro Jahrtausend nur um etwa fünf Zentimeter Dicke zu. Diese Rate stieg bis zum Beginn des Quartärs vor etwa 2,4 Millionen Jahren auf etwa 30 Zentimeter pro Jahrtausend an. Erst in jüngster Zeit, als auf der Nordhalbkugel Eiszeiten herrschten, begann der Amazonas seine heutige enorme Sedimentfracht zu transportieren. Im Mittel wuchsen die Schichten dabei um 122 Zentimeter pro Jahrtausend. Es gab aber auch Episoden, in denen der mächtigste Strom der Welt so viel Material aus den Anden mit sich trug, dass der Sedimentfächer pro Jahr um einen Zentimeter Dicke zunahm. Geologisch gesehen, ist das ein Riesenwachstum.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1954, freier Autor im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

Jüngste Beiträge

Das Gespenst Gentechnik geht

Von Joachim Müller-Jung

Während fast überall auf der Welt neue Nutzpflanzen gezüchtet werden, sinkt das Interesse für die grüne Gentechnik in Deutschland und Europa ständig. Auf dem Acker fahren wir im Rückwärtsgang. Die EU-Kommission versucht das zu ändern. Mehr 9 7