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Genetik Europa kam aus der Altsteinzeit

10.11.2005 ·  Forscher sind der Erbgutlinie der europäischen Urmütter gefolgt und kamen zu einem spektakulären Schluß: Unsere Vorfahren waren nicht, wie bisher vermutet, kultivierte Ackerbauern, sondern alteingesessene Steinzeitjäger.

Von Joachim Müller-Jung
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Sie hatten die Rinderzucht nach Europa gebracht, Schafe und Ziegen wußten sie nutzbringend zu hüten und ihnen war es gegeben, aus der fruchtbaren Erde, die sie in Mitteleuropa vorfanden, reichlich Linsen, Erbsen und Schlafmohn zu gewinnen. Doch wie kulturtechnisch erfolgreich die Nachkommen der ersten aus Anatolien und dem Balkan eingewanderten mitteleuropäischen Bauern auch waren, biologisch scheinen sie im heutigen Europa nur marginale Spuren hinterlassen zu haben.

Mit anderen Worten: Die heutigen Europäer dürften, wenn die Genanalysen eines deutsch-britisch-estnischen Forscherteams halten, was sie in der Zeitschrift „Science“ versprechen, nicht von den Nachkommen der jungsteinzeitlichen Ackerbauern abstammen, sondern von altsteinzeitlichen Jägern und Sammlern.

Spektakuläre Wendung

Eine spektakuläre Wendung in einer spannenden Forschungsdebatte. Denn in vielen zuletzt veröffentlichten Untersuchungen zur Abstammung und Kulturgeschichte der Europäer hatten sich zumindest viele Genetiker darauf verständigt, daß ein großer Teil unseres biologischen Erbes auf die ersten jungsteinzeitlichen Bauern zurückgeht.

Wie stark genau dieser Einfluß ist, vermochte allerdings niemand zu sagen. Zwischen zwanzig und hundert Prozent gingen die Schätzungen. Auf jeden Fall sollte unser genetisches Erbe zum großen Teil auf jenen neolithischen Kulturen gründen, deren Vorfahren vor 11.500 bis 12.000 Jahren im nördlichen Teil des Nahen Ostens, im „Fruchtbaren Halbmond“, mit Ackerbau und Viehzucht begannen. Diese Genetiker hatten sich bei ihren Schlußfolgerungen auf Berechnungen gestützt, die man aus den Veränderungen in der Gensequenz des männlichen Y-Chromosoms abgeleitet hat.

Genanalysen der mütterlichen Linie

Die jetzt in der Zeitschrift „Science“ präsentierte Untersuchung stützt sich demgegenüber auf die Genanalysen der mütterlichen Linie: Statt des Y-Chromosoms untersuchte man die in den Mitochondrien vorliegenden Genomabschnitte. Sie findet man fast ausschließlich in den Eizellen und nicht in den Spermien, und deshalb weisen Veränderungen - Mutationen - in diesem winzigen mitochondrialen Erbgut auf genetische Veränderungen in der mütterlichen Linie hin.

Ein bewährtes Verfahren für Stammbaumanalysen. Beliebt auch deshalb, weil die Mitochondrien in jeder Zelle in hundert- bis tausendfacher Kopie vorkommen, deshalb also leichter zu gewinnen sind, und weil dieses Mitochondriengenom in vielen Abschnitten schneller mutiert als das große Genom im Zellkern. Man kann also leichter Veränderungen auch in kurzen Zeiträumen erkennen.

Die Gruppe um Joachim Burger und Wolfgang Haak von der Universität Mainz hat das genetische Material zusammen mit dem Mainzer Archäologen Detlef Gronenborn vom Römisch-Germanischen Museum aus menschlichen Skeletten gewonnen, die allesamt zwischen 7000 und 7500 Jahre alt sind. Annähernd sechzig solcher Skelettfunde aus Deutschland, Österreich und Ungarn hat man untersucht. Die meisten davon stammen von bekannten archäologischen Fundorten wie Flomborn, Schwetzingen, Eilsleben, Asparn-Schletz.

Aber auch neuere Fundstätten wie Halberstadt bei Leipzig oder Derenburg sind dabei. Zumindest bei 24 Skeletten fand man in Knochen und Zähnen soviel brauchbares genetisches Material, daß eine aussagekräftige Sequenzierung wichtiger Genabschnitte vorgenommen und diese mit den in Datenbanken gespeicherten Informationen über heute lebende Europäer verglichen werden konnte. Ein großer Teil dieser Genvergleiche lag in den Händen des britischen Genetikers Peter Forster, eines anderkanntern Stammbaumforschers, und desen Mitarbeiter Suichi Matsumura.

„Wir hatten etwas völlig anderes erwartet“

Die große Überraschung trat zutage, als die Wissenschaftler auf eine ganz bestimmte Region im Mitochondrien-Genom, den Haplotyp „N1a“, stießen. Bei sechs der vierundzwanzig Proben wurde diese spezielle Variation gefunden. „Wir hatten etwas völlig anderes erwartet“, sagte Joachim Burger auf einer Pressekonferenz in Frankfurt. N1a kommt unter heutigen Europäern praktisch kaum vor. Von 35.000 Europäern, ob Süd-, Nord- oder Mitteleuropäer, findet man heute höchstens bei fünfzig diesen Typus. Anders bei den ersten jungsteinzeitlichen Bauern.

Die Mainzer Forscher sind ebenso wie ihr Kollege Forster davon überzeugt, daß diese Abweichung - eine hundertfünfzigmal so starke Häufung in der Frühzeit des mitteleuropäischen Ackerbaus - kein Zufall ist. Offenbar, so folgern sie, ist der N1a-Gentyps inzwischen nahezu ausgestorben. Daß eine Verunreinigung der Analysegeräte praktisch ausgeschlossen werden kann, wie dies bei paläoanthropologischen Studien dieser Art immer wieder vorkommt, schließen die Wissenschaftler aus der Detailuntersuchung der sechs N1a-Haplotypen: Alle sechs unterschieden sich leicht voneinander, man entdeckte Variationen, die mit Artefakten nicht zu erklären sind. N1a mußte also ein fester Bestandteil der neolithischen Bauerngesellschaft gewesen sein.

Populationsgenetischer Bruch

Wenn es denn also so war, wie die Wissenschaftler nun glauben, haben die jungsteinzeitlichen Bauern mit ihren Landwirtschaftstechniken zwar Europa kulturell und quasi auch populationsgenetisch recht schnell und großflächig erobert - die Gebiete der fortschrittlichen Linearbandkeramik in Mitteleuropa und der Alföld-Linearkeramik im Südosten (der Name geht auf die Verzierung der Vorratsgefäße mit einem Bandmuster zurück) waren auf einer Fläche von annähernd einer Million Quadratkilometern innerhalb von 500 Jahren besiedelt worden. Aber dann kam es augenscheinlich irgendwann populationsgenetisch zum Bruch.

Möglicherweise also kam es doch so, wie die seit Jahrzehnten konkurrierende Hypothese will: daß die Jäger und Sammler, die bei der Ankunft der neolithischen Bauern schon längst, nämlich seit mehr als 40.000 Jahren, in Europa lebten, die neuen importierten Kulturtechniken übernahmen. Was sich also auf dem Kontinent ausbreitete, waren nicht die frühen Bauern als Population, sondern es war die Kulturtechnik der Ackerbaupioniere. Am einfachsten wäre der Streit um die beiden Thesen und die unterschiedlichen Genanalysen zu befrieden, so Burger, wenn man annimmt, daß die neolithischen Männer schon bald nach ihrer Ankunft massenhaft mit Frauen der altsteinzeitlichen Jäger- und Sammlergesellschaft Familien gegründet hätten. „Das sind nette Gedankenspielereien“, so Burger, „aber leider nichts weiter als pure Spekulation.“

Quelle: F.A.Z., 11.11.2005, Nr. 263 / Seite 36
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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