Die Vergänglichkeit biologischer Pracht sind Paläontologen wahrlich gewöhnt. Doch wenn von dem sogenannten "P/Tr-Ereignis" die Rede ist, packt auch sie manchmal das Grauen. Damals, als vor 251 Millionen Jahren auf die geologische Epoche Perm das Trias folgte, starben plötzlich 95 Prozent aller Meeresorganismen aus. Damit ist das P/Tr-Ereignis das mit Abstand schlimmste der fünf großen Massensterben, die unseren Planeten bisher heimsuchten. Auch die Apokalypse, bei der am Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren die Dinosaurier zugrunde gingen, hatte nicht annähernd dieses Ausmaß.
Was das Ende der Saurier angeht, so sind sich die Forscher heute weitgehend einig, daß der Einschlag eines kilometergroßen Asteroiden daran zumindest beteiligt war. Ein passender Krater wurde schon vor Jahren unter Sedimenten vor Yucatan in Mexiko gefunden. Gestritten wird noch über über die Beteiligung von Vulkaneruptionen, die ebenfalls am Ende der Kreidezeit Teile Indiens in ein Lavameer verwandelten. Indes glauben nur wenige Forscher, daß auch das permo-triassische Massensterben auf das Konto eines Asteroiden geht. Denn bisher fand sich nirgends ein entsprechender Krater.
Krater im Bedout-Meeresbecken
Genau den glaubt Luann Becker nun gefunden zu haben. Zusammen mit sechs Kollegen veröffentlichte die junge Geochemikerin von der University of California in Santa Barbara ihre Argumente nun in der Online-Ausgabe des Magazins „Science“. Auf seismologischen Schnittbildern durch das sogenannten Bedout-Meeresbecken vor der Westküste Australiens ist unter kilometerdicken Ablagerungen eine kegelige Struktur zu erkennen. Becker interpretiert sie als eine zentrale Erhebung, wie sie sich oft bei Einschlägen bildet. Sie müßte dann zu einem Krater gehören, der etwa so groß ist wie der, den der Saurierkiller in Mexiko hinterließ.
Den Fund verdankt Luann Becker auch ihrer Vergangenheit. Vor ihrer Promotion hatte die gebürtige Texanerin im Tschad für eine Ölsuchfirma gearbeitet. Diese Branchenkontakte nützten ihr, als sie versuchte, sich einen Reim auf Gesteinsfunde zu machen, die verdächtig nach Trümmermaterial aus einem Meteoriteneinschlag aussahen. Verschiedene Forscher hatten es in verschiedenen Ablagerungen aus der Zeit der P/Tr-Katastrophe entdeckt. Die Fundorte liegen alle auf Landmassen, die vor 251 Millionen Jahren um das südliche Ende des damaligen Paleo-Thetys-Ozeans herum lagen (siehe Karte), jenes Gebiet, das heute die Westküste Australiens bildet. "Ich hörte mich um, und tatsächlich gab es in Australien einen Ölsucher, der bei seismologischen Aufnahmen des Bedout-Beckens etwas gesehen hatte", erinnert sich Becker. "Es gab sogar Bohrkerne, also ging ich nach Australien, um sie mir anzusehen." Was sie sah, war sogenannte "Brekzie", miteinander verbackene grobe Gesteinstrümmer. "Aber das war keine gewöhnliche Brekzie, sondern genau solche, die bei einem Meteoriteneinschlag entsteht."
Trümmer überzeugen nicht
Doch nicht alle Forscher sind sich so sicher. "Mich überzeugt das nicht", sagt etwa Michael Benton von der University of Bristol. Seine Kritik setzt bereits an dem Trümmermaterial an, das Becker auf die Idee gebracht hatte, den Krater vor Australien zu suchen. "Nichts davon ist überzeugend auf einen Einschlag zurückzuführen." Die Indizien für den Zentralkegel eines Asteroidenkraters hält Benton für zu schwach. "Das könnte so ziemlich alles sein, ein Vulkan oder was weiß ich."
Daß man ihren Fund zunächst für einen schnöden Vulkan halten könnte, will Becker gerne zugeben. "Das kommt daher, weil bei einem Einschlag auch flüssige Gesteinsschmelze entsteht, die so ähnlich aussieht wie vulkanisches Material", sagt sie und weist darauf hin, daß das bei dem Krater auf Yucatan ganz genauso sei. "Erst wenn man sich genau die Chemie des aufgeschmolzenen Materials ansieht, erkennt man, daß es unmöglich durch vulkanische Prozesse entstanden sein kann." Andere Geochemiker sind allerdings auch hier skeptisch und möchten erst noch genauere Untersuchungen sehen, bevor sie an Beckers Einschlagskrater glauben.
Bis dahin wird es bei dem Patt bleiben, zu dem es in historischen Wissenschaften (zu denen die Erdgeschichte trotz aller Physik und Chemie gehört) öfter kommt, insbesondere wenn ein starkes öffentliches Interesse unterstellt wird - mag es um das homerische Troja gehen oder ebendas größte aller Massensterben. In solchen Fällen weisen die einen, wie jetzt Luann Becker, darauf hin, daß doch alle Evidenz bestens zu ihrer spektakulären These passe. Die Skeptiker dagegen wollen eben gerade deswegen erst alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen wissen.
Großes Sterben auch ohne Einschlag erklärbar
Und es ist eben nicht so, daß sich das große Sterben am Ende des Perms nicht auch ohne kosmischen Einschlag verstehen ließe. Denn ähnlich wie am Ende der Kreidezeit, kam es just an der Wende vom Perm zum Trias auf einer Landmasse, die heute ein Teil Sibiriens ist, zu gewaltigen Lavaergüssen. Viele Forscher glauben, daß die dabei freigesetzten Treibhausgase zu einer Erwärmung der Meere führten, an deren Grund gewaltige Mengen Methanhydrat schlummerten. Daraus könnte die Erwärmung Methangas freigesetzt haben. Dieses hätte dann nicht nur den Treibhauseffekt verstärkt, sondern auch giftige Schwefelverbindungen vom Meeresgrund aufgewirbelt und die Ozeane obendrein noch durch seine Oxydationsprodukte verseucht. Mindestens ein lokales Massensterben aus späterer Zeit läßt sich ebenfalls durch solch ein Szenario erklären.
Aber wenn sich die Bedout-Struktur nun doch als Rest eines gigantischen Asteroidentreffers entpuppt? Wäre es dann nicht ein merkwürdiger Zufall, daß gleich zweimal ein Riesenmeteorit ausgerechnet dann niederging, als es anderswo auf der Welt zu katastrophalen Lavaaustritten kam? Denn daß ein Meteoriteneinschlag Vulkaneruptionen dieser Art auslösen könnte, ist physikalisch so gut wie unmöglich, wie etwa der amerikanische Geophysiker Jay Melosh ausgerechnet hat. Aber vielleicht ist die irdische Biosphäre ja auch so hart im Nehmen, daß wirklich verheerende Massensterben wie die vor 65 und 251 Millionen Jahren eben nur dann auftreten, wenn mehrere globale Naturkatastrophen zusammenkommen.
Iridiumwerte als Indiz
Dennoch müssen Luann Becker und ihre Mitarbeiter wohl noch mehr Indizien beibringen, um ihre Fachkollegen davon zu überzeugen, daß am großen Sterben am Ende des Perms ein Meterorit auch nur beteiligt war. Ein Indiz, das viele Skeptiker überzeugen könnte, wäre der Nachweis einer globalen Erhöhung der Konzentration von Iridium. Dieses Metall kommt in der Erdkruste sehr selten vor, in Asteroiden ist es häufiger. Auffällige Iridiumwerte in Schichten vom Ende der Kreidezeit hatten vor 25 Jahren den ersten konkreten Hinweis darauf gegeben, daß die Dinosaurier einem Asteroiden zum Opfer gefallen sein könnten. In Schichten des späten Perms wurde dergleichen noch nicht gesehen. Aber Luann Becker zufolge wird sich das bald ändern. "Ich denke", sagt sie, "wir werden bald etwas über eine hübsche Iridiumkonzentration in einigen permo-triassischen Schichten lesen."
