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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Energie Schmierentheater um schwarzen Sand

Das Klima wollen alle schützen. Trotzdem will keiner von Teer- oder Ölsanden als Ölquelle lassen. Amerika nicht und Kanada nicht. Der Abbau ist nicht nur ökologisch umstritten, er ist auch energieintensiv.

© Canadian Press, CP Ölsand ist wohl auch nicht die Zukunft der Petrochemie

Auf den ersten Blick könnte der Gegensatz kaum größer sein: Hier die pflanzenlose, vor Hitze flimmernde Sandwüste der Arabischen Halbinsel, dort die im Winter tiefgefrorene kanadische Arktis. Wer allerdings zwischen Saudi-Arabien und der Provinz Alberta im Westen Kanadas pendelt, wird schnell Gemeinsames entdecken, vor allem unterhalb der Erdoberfläche. Diese beiden Regionen stehen nämlich im Wettbewerb, die größten Vorräte an Kohlenwasserstoffen auf der Welt zu besitzen. Unter Saudi-Arabien stecken etwa 265 Milliarden Barrel (ein Fass zu je 159 Litern) förderbare Reserven, im Boden Albertas lagern je nach Rechenmodell zwischen 172 und 315 Milliarden Fass. Während das Schwarze Gold Arabiens aber in konventionellen Lagerstätten als Rohöl oder Erdgas vorkommt, steckt es in Alberta in einer an Knetmasse erinnernden zähen Mischung aus Sand, Lehm und Bitumen.

Befreiung aus dem Opec-Knebel

Solche Ölsande können nicht aus Bohrlöchern gefördert werden. Wie die Braunkohle in der Rheinischen Bucht müssen sie in riesigen Tagebauen ausgebaggert und dann aufwendig verarbeitet werden, bevor aus ihnen Rohöl wird. Vor allem in den Vereinigten Staaten gelten die kanadischen Ölsande als Befreiung von den Energieknebeln der Opec-Staaten. Für Kritiker, wie den Nasa-Klimatologen James Hansen, sind die Ölsande dagegen die schmutzigste Form fossiler Energie überhaupt und gelten als Sargnagel im Kampf um die Verminderung der Kohlendioxid-Emissionen.

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Das Wissen der Indianer

Schon lange bevor europäische Siedler nach Alberta kamen, wussten die dort heimischen Cree-Indianer das in den Ölsanden steckende Bitumen zu nutzen, nämlich als Heilmittel für eitrige Wunden und als Dichtungsmaterial für Kanus. Europäer kamen im ausgehenden 19. Jahrhundert erstmals mit den Ölsanden an den Ufern des durch Alberta fließenden Athabasca-Flusses in Kontakt. Diese Lagerstätten sind mindestens 125 Millionen Jahre alt. Sie stammen aus der „obersten Unterkreide“, als ein großer Teil der Gegend östlich der heutigen Rocky Mountains unter einem flachen, tropischen Randmeer lag, Albian Sea. Die abgestorbenen Überreste der vielen in dem warmen Wasser lebenden Meerestiere lagerten sich als Biomasse auf dem Meeresboden ab. Von jüngeren Sedimentschichten begraben, verweste diese Biomasse anaerobisch ohne den Einfluss von Sauerstoff und wurde im Rahmen der Kerogenese allmählich zu Kohlenwasserstoffen.

Reichliche Vorkommen

Ähnliche Vorgänge spielten sich im Laufe der Erdgeschichte an vielen anderen Stellen ab, so in Texas, unter der Arabischen Halbinsel oder unter der Nordsee. In den Sanden des Athabasca-Beckens wurden die leichten Komponenten des entstandenen Rohöls allerdings von Mikroben verdaut. Zurück blieben die schwereren Anteile, die mit Sand und Lehm zu einer zähen Masse verklebten. Kanada ist keineswegs das einzige Land mit derartigen Vorräten. Solche Öl- oder Teersande gibt es in mindestens 70 Ländern der Erde, vor allem im Orinoco-Becken in Venezuela. Aber auch unter der Lüneburger Heide stieß man schon vor mehr als 150 Jahren auf diesen Stoff. Aus einem Bergwerk in der Nähe der Ortschaft Wietze wurde zwischen 1918 und 1964 unter Tage so viel Ölsand abgebaut, dass man daraus insgesamt eine Million Tonnen Rohöl gewinnen konnte. Nirgendwo sonst steckt aber derart viel Öl im Sand wie in der kanadischen Provinz Alberta. Unter einer Fläche, die etwa eineinhalbmal so groß wie Niedersachsen ist, liegen dort mehr als 60 Prozent aller bisher bekannten Ölsandreserven der Welt.

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Veröffentlicht: 14.06.2012, 17:10 Uhr