Home
http://www.faz.net/-gx6-70jyx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Energie Schmierentheater um schwarzen Sand

Das Klima wollen alle schützen. Trotzdem will keiner von Teer- oder Ölsanden als Ölquelle lassen. Amerika nicht und Kanada nicht. Der Abbau ist nicht nur ökologisch umstritten, er ist auch energieintensiv.

© Canadian Press, CP Vergrößern Ölsand ist wohl auch nicht die Zukunft der Petrochemie

Auf den ersten Blick könnte der Gegensatz kaum größer sein: Hier die pflanzenlose, vor Hitze flimmernde Sandwüste der Arabischen Halbinsel, dort die im Winter tiefgefrorene kanadische Arktis. Wer allerdings zwischen Saudi-Arabien und der Provinz Alberta im Westen Kanadas pendelt, wird schnell Gemeinsames entdecken, vor allem unterhalb der Erdoberfläche. Diese beiden Regionen stehen nämlich im Wettbewerb, die größten Vorräte an Kohlenwasserstoffen auf der Welt zu besitzen. Unter Saudi-Arabien stecken etwa 265 Milliarden Barrel (ein Fass zu je 159 Litern) förderbare Reserven, im Boden Albertas lagern je nach Rechenmodell zwischen 172 und 315 Milliarden Fass. Während das Schwarze Gold Arabiens aber in konventionellen Lagerstätten als Rohöl oder Erdgas vorkommt, steckt es in Alberta in einer an Knetmasse erinnernden zähen Mischung aus Sand, Lehm und Bitumen.

Befreiung aus dem Opec-Knebel

Solche Ölsande können nicht aus Bohrlöchern gefördert werden. Wie die Braunkohle in der Rheinischen Bucht müssen sie in riesigen Tagebauen ausgebaggert und dann aufwendig verarbeitet werden, bevor aus ihnen Rohöl wird. Vor allem in den Vereinigten Staaten gelten die kanadischen Ölsande als Befreiung von den Energieknebeln der Opec-Staaten. Für Kritiker, wie den Nasa-Klimatologen James Hansen, sind die Ölsande dagegen die schmutzigste Form fossiler Energie überhaupt und gelten als Sargnagel im Kampf um die Verminderung der Kohlendioxid-Emissionen.

Mehr zum Thema

Das Wissen der Indianer

Schon lange bevor europäische Siedler nach Alberta kamen, wussten die dort heimischen Cree-Indianer das in den Ölsanden steckende Bitumen zu nutzen, nämlich als Heilmittel für eitrige Wunden und als Dichtungsmaterial für Kanus. Europäer kamen im ausgehenden 19. Jahrhundert erstmals mit den Ölsanden an den Ufern des durch Alberta fließenden Athabasca-Flusses in Kontakt. Diese Lagerstätten sind mindestens 125 Millionen Jahre alt. Sie stammen aus der „obersten Unterkreide“, als ein großer Teil der Gegend östlich der heutigen Rocky Mountains unter einem flachen, tropischen Randmeer lag, Albian Sea. Die abgestorbenen Überreste der vielen in dem warmen Wasser lebenden Meerestiere lagerten sich als Biomasse auf dem Meeresboden ab. Von jüngeren Sedimentschichten begraben, verweste diese Biomasse anaerobisch ohne den Einfluss von Sauerstoff und wurde im Rahmen der Kerogenese allmählich zu Kohlenwasserstoffen.

Reichliche Vorkommen

Ähnliche Vorgänge spielten sich im Laufe der Erdgeschichte an vielen anderen Stellen ab, so in Texas, unter der Arabischen Halbinsel oder unter der Nordsee. In den Sanden des Athabasca-Beckens wurden die leichten Komponenten des entstandenen Rohöls allerdings von Mikroben verdaut. Zurück blieben die schwereren Anteile, die mit Sand und Lehm zu einer zähen Masse verklebten. Kanada ist keineswegs das einzige Land mit derartigen Vorräten. Solche Öl- oder Teersande gibt es in mindestens 70 Ländern der Erde, vor allem im Orinoco-Becken in Venezuela. Aber auch unter der Lüneburger Heide stieß man schon vor mehr als 150 Jahren auf diesen Stoff. Aus einem Bergwerk in der Nähe der Ortschaft Wietze wurde zwischen 1918 und 1964 unter Tage so viel Ölsand abgebaut, dass man daraus insgesamt eine Million Tonnen Rohöl gewinnen konnte. Nirgendwo sonst steckt aber derart viel Öl im Sand wie in der kanadischen Provinz Alberta. Unter einer Fläche, die etwa eineinhalbmal so groß wie Niedersachsen ist, liegen dort mehr als 60 Prozent aller bisher bekannten Ölsandreserven der Welt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Opec in der Krise Kampf um den Ölpreis

Der Ölpreis sinkt und das Erdölkartell Opec streitet mehr als je zuvor. Nun steht ein Duell zwischen Venezuela und Saudi-Arabien bevor. Am Ende könnte das Kartell nur noch ein Stubentiger sein. Mehr Von Franz Nestler

14.10.2014, 16:56 Uhr | Finanzen
Kanada Schießerei in Ottawa

Ein Mann soll einen kanadischen Soldaten angeschossen haben. Er soll sich derzeit im Parlament verstecken. Mehr

22.10.2014, 17:19 Uhr | Politik
Sängerin Kiesza im Interview Ich habe die Disziplin einer Ameise

Mit Hideaway lieferte sie gerade dem Sommer seinen Soundtrack; jetzt will sie wissen, ob sie noch mehr kann. Hier spricht Kiesza, 25, über Energie, Ängste, ihre Frisur, die kanadische Heimat - und den Tag, als sie vor der Queen strammstehen musste. Mehr

18.10.2014, 08:13 Uhr | Gesellschaft
Forscher entdecken historisches Arktis-Expeditionsschiff

Der Brite Sir John Franklin hatte 1845 versucht die Nordwestpassage zwischen Nord-Pazifik und Atlantik zu durchqueren. Seine beiden Schiffe blieben im Eis stecken. Keiner der rund 130 Männer an Bord konnte gerettet werden. Ihr Schicksal wurde in Kanada zum Mythos. Mehr

10.09.2014, 15:40 Uhr | Gesellschaft
Anschläge in Kanada Schatten in einem offenen Land

Die Terroranschläge von Ottawa und Montreal stellen das Selbstbild einer ganzen Nation auf die Probe. Angst geht um, dass nun Jagd auf Uniformträger gemacht wird, denn Kanada beteiligt sich am Kampf gegen den Islamischen Staat. Mehr Von Patrick Bahners

23.10.2014, 17:35 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 14.06.2012, 17:10 Uhr

Haltung!

Von Joachim Müller-Jung

Ärzte lieben Symbole, wie die Kunst und Geschichte. Und besonders lieben sie politische Symbole. Wenn Ärzte der Stadt Berlin also zehn Spree-Eichen spenden, dann steckt da sicher etwas dahinter. Oder wünschen sie sich einfach nur eine schönere, grüne Hauptstadt? Mehr 8