20.09.2005 · Endlich unabhängig zu sein vom Öl - davon träumen zur Zeit viele. Die niedersächsische Gemeinde Jühnde macht damit Ernst.
Von Philipp Jarke"Terex" heißt das gelbe Ungetüm, das sich dröhnend durch den Wald frißt. Baumstamm um Baumstamm verschwindet im Schlund der 700 PS starken Maschine, Buchensplitter fliegen umher. Übrig bleiben streichholzschachtelgroße Schnitzel, die in einen Container gepustet werden. Vierzig Kubikmeter faßt so ein Behälter, in nicht einmal zwanzig Minuten ist er bis zur Oberkante gefüllt. Insgesamt 160 Tonnen Rotbuche schreddert "Terex" dieser Tage im Mündener Wald, bevor Lastwagen sie in das nahe gelegene Jühnde bringen.
Dort rüsten sich die 750 Einwohner für den Winter. Der Ort hamstert Brennstoff. Als erste Gemeinde Deutschlands will Jühnde von September an autark sein. Genauer gesagt: energieautark. Den Treibstoff für die Fahrzeuge ausgenommen, soll bald sämtliche Energie, die das Dorf verbraucht, aus Biomasse stammen, die auf den örtlichen Feldern und in den umliegenden Wäldern geerntet wird. Ob die Jühnder ihre Heizung aufdrehen, heiß duschen oder das Licht anschalten - kein Tropfen Erdöl, kein Gramm Kohle und kein Kubikmeter Erdgas soll mehr verbrannt werden.
Freiwillige Teilnahme
Die Teilnahme an der Jühnder Energiewende war für jeden Dorfbewohner freiwillig. "Wer lieber seine Öl- oder Gasheizung behalten wollte - bitte schön, kein Problem", sagt Bürgermeister August Brandenburg. Immerhin drei Viertel aller Haushalte seien mittlerweile dabei, erzählt Brandenburg. Der 75jährige kennt die Zahlen genau, denn er ist zugleich Aufsichtsratsvorsitzender des neuen genossenschaftlichen Energieversorgers "Bioenergiedorf Jühnde".
Herzstück der neuen Energieversorgung ist ein Blockheizkraftwerk, in dem Methan verbrannt wird. Der vom Generator produzierte Strom wird direkt in das Netz des regionalen Betreibers eingespeist, die Abwärme des Kraftwerks gelangt über ein insgesamt fünf Kilometer langes Netz zu den angeschlossenen Haushalten. Das Methan stammt aus einem Bioreaktor. "Wir haben 700 Milchkühe und 1500 Schweine im Dorf", erklärt Brandenburg. Immerhin 9000 Kubikmeter Gülle kämen da im Jahr zusammen. Der stinkende, aber energiereiche Saft wird mit Sonnenblumen, Raps oder anderen Feldpflanzen gemischt. Diese Mixtur können die Mikroorganismen besser aufspalten.
Mehr als Jühnde verbraucht
Vier Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr soll das Gaskraftwerk laut Planung produzieren. Das ist immerhin doppelt soviel, wie Jühnde selbst verbraucht. Die Abwärme reicht aus für Heizung und Warmwasser - allerdings nur im Sommerhalbjahr. Im Winter muß mehr Leistung her, und hier kommen die Holzschnitzel ins Spiel: In einem eigenen Heizwerk sollen sie verfeuert werden. Buchenholz ist ein hervorragender Brennstoff. Die Anlage kommt aber auch mit Holz minderer Qualität zurecht, etwa mit Baum- und Strauchschnitt.
Wie kann es sein, daß eine Gemeinde wie Jühnde, in der es nicht einmal mehr eine Kneipe gibt, als erste in Deutschland ein derart ambitioniertes Energiekonzept verwirklicht? Angefangen hat die Geschichte vor vier Jahren, als das Interdisziplinäre Zentrum für Nachhaltige Entwicklung der Universität Göttingen (IZNE) ein Dorf suchte, das mit wissenschaftlicher Unterstützung energieautark werden könnte. 17 Ortschaften hatten sich die Wissenschaftler ausgeguckt, darunter eben auch Jühnde. Brandenburg erinnert sich: "Die Leute wollten ihre Pläne erst mal dem Gemeinderat vorstellen. Ich habe statt dessen lieber gleich das ganze Dorf eingeladen." 120 Jühnder kamen. Nach der Präsentation ließ der Bürgermeister abstimmen: "Wollen wir mehr über Bioenergie wissen?" Die Jühnder wollten. Also charterten sie Busse und besuchten Biogaskraftwerke in ganz Deutschland.
Spatenstich mit Künast und Trittin
In einem zweistufigen Auswahlverfahren setzte sich Jühnde schließlich gegen die Konkurrenz durch. "Jühnde brachte einfach alles mit: Bauern, die die Energiepflanzen anbauen wollten, Wälder, in denen genügend Holz geschlagen werden konnte, und vor allem eine Bevölkerung, die das Projekt massiv unterstützte", erinnert sich Marianne Karpenstein-Machan vom IZNE. Abends nach Feierabend oder an Wochenenden taten sich engagierte Jühnder in Arbeitsgruppen zusammen. "Jeder machte das, wovon er etwas verstand", erzählt Eckhard Fangmeier.
Nach drei Jahren Planung kamen im November 2004 schließlich Renate Künast und Jürgen Trittin, um den ersten Spatenstich zur Jühnder Energiewende zu setzen. Die Bauarbeiten sind inzwischen abgeschlossen, kommende Woche soll der Fermenter in Betrieb gehen. Auch die wissenschaftliche Arbeit geht jetzt los. Neben der Kraftwerkstechnik interessiert die Forscher vom IZNE vor allem die Öko-Bilanz. Welche Pflanzen produzieren an welchen Standorten die meiste Biomasse? Wieviel Energie aus fossilen Brennstoffen läßt sich dadurch einsparen? Nach einer Faustregel entspricht der Brennwert der Biomasse, die pro Jahr auf einem Hektar Ackerland wächst, rund 10 000 Litern Mineralöl. Zieht man den Energieaufwand für Treibstoff und Mineraldünger ab, bleiben schätzungsweise 9000 Liter Öl, die pro Hektar eingespart werden können.
250 Hektar Energiepflanzen
In Jühnde bauen die Landwirte auf etwa 250 Hektar Energiepflanzen an. Das entspricht einem Fünftel der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Gemarkung. Dabei wenden sie ein Verfahren an, das der Kasseler Agrarwissenschaftler Konrad Scheffer entwickelt hat: Im Herbst säen sie Wintergetreide, und ernten es im nächsten Jahr bereits vor der Fruchtreife. Denn Wintergetreide hat im Frühsommer seine maximale Biomasse bereits erreicht. So können die Bauern auf derselben Fläche im Sommer erneut aussäen und im Herbst eine zweite Ernte einfahren. "Weil Pflanzenschädlinge und -krankheiten meist erst in der Zeit der Fruchtreife auftreten, kann man auf Pestizide weitgehend verzichten", sagt Marianne Karpenstein-Machan. Auch gegen Wildkräuter, die sich zwischen die Energiepflanzen mogeln, sei bis zu einem gewissen Grad nichts einzuwenden.
Wenn die Berechnungen des IZNE stimmen, wird jeder an das Jühnder Nahwärmenetz angeschlossene Einwohner künftig sechs Tonnen CO2 im Jahr einsparen. Gegenüber dem bundesdeutschen Durchschnitt ist das ein Rückgang von 60 Prozent. Aus umweltpolitischer Sicht ist die Jühnder Energiewende also geradezu vorbildlich. Angesichts der steigenden Öl- und Gaspreise ist sie auch ein gutes Geschäft geworden: Die ursprüngliche Kalkulation bezog sich noch auf einen Preis von 35 Cent pro Liter Heizöl. Dennoch: Ohne öffentliche Fördermittel wäre die Bioenergieanlage wohl nie gebaut worden. Von den insgesamt fünf Millionen Euro Investitionskosten trug das Bundeslandwirtschaftsministerium immerhin 1,3 Millionen. Darüber hinaus kassiert die Betreibergenossenschaft dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes pro eingespeister Kilowattstunde Strom 17 Cent, was 680 000 Euro im Jahr ergibt. Zum Vergleich: Auf dem Spotmarkt wird die Kilowattstunde mit etwa fünf Cent gehandelt. Diese auf zwanzig Jahre garantierten Zusatzeinnahmen sowie der großzügige Investitionszuschuß durch den Bund fließen ein in die Jühnder Mischkalkulation, welche den günstigen Wärmepreis von 4,9 Cent pro Kilowattstunde erst ermöglicht.
Nähwärmenetz zusätzlicher Kostenfaktor
Die Wirtschaftlichkeit von Bioenergie steht und fällt mit dem Aufbau eines Nahwärmenetzes, das in Jühnde allein etwa ein Drittel der Investitionssumme verschlang. "Ohne diesen Kostenfaktor wäre Biomasse bei der Wärmeerzeugung heute manchmal schon wettbewerbsfähig", meint Ludger Eltrop vom Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung der Universität Stuttgart. "Einzelhaushalte haben beispielsweise mit Holzpellets eine sehr günstige Alternative zu Öl und Gas." Durch technische Verbesserungen liefen diese Biomasseöfen auch unter Abgasgesichtspunkten mittlerweile einwandfrei.
Auch Markus Hiebel vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen attestiert der Biomasse großes Marktpotential. Und das nicht nur auf dem Land: "Bei uns im Ruhrgebiet etwa heizen noch viele Menschen mit Kohleöfen. Die ließen sich mit vergleichsweise geringem Aufwand auf Holzpellets umstellen." Zudem könne man Biogas-Blockheizkraftwerke relativ einfach in bereits bestehende Fernwärmenetze integrieren. Von den Kosten für die Netzinstallation befreit, wäre Biogas eine interessante Ergänzung der städtischen Wärmeversorgung. Zu diesem Ergebnis kommt selbst eine aktuelle Studie der Deutschen Bank Research, die nicht unbedingt als grüner Think Tank bekannt ist. Ob solche Projekte in absehbarer Zeit jedoch vermehrt realisiert werden, hängt nicht zuletzt von der Energiepolitik der neuen Bundesregierung ab.
Eckhard Fangmeier jedenfalls hofft, daß die Jühnder Energiewende schon bald Nachahmer findet: "Vielleicht entbrennt sogar ein Wettstreit nach dem Motto: Wenn ein Kuhdorf wie Jühnde so was auf die Beine stellt, dann können wir das doch erst recht."