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Sonntag, 12. Februar 2012
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Ballspiel der Maya Bolzen in der Unterwelt

21.06.2010 ·  Der Ball musste durch einen Ring, Handspiel war verboten, und die Verlierer wurden nach dem Spiel hingerichtet: Vom Lieblingssport der Maya und anderer Völker des alten Mittelamerika wird heute allerlei erzählt. Was wissen wir darüber wirklich?

Von Ulf von Rauchhaupt
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Am besten sitzt immer die Prominenz. Seine Majestät Waxaklajuun Ubaah Kawiil – nach der Gestalt seiner Namensglyphe auch kurz „18 Kaninchen“ genannt – nahm daher wohl auf einer der beiden länglichen Plattformen über den Längsseiten des I-förmigen Spielfeldes Platz. Von dort hatte er den besten Blick auf die steinernen Schrägen beiderseits des Feldes, über welche die Spieler sich den Gummiball zuspielten. König „18 Kaninchen“, seit 695 n. Chr. Herrscher über Copán im heutigen Honduras, hatte diese Sportanlage im Januar 738 einweihen lassen. Es ist eine schönsten der klassischen Maya-Kultur.

Aber was für ein Spiel wurde dort gespielt? Darüber kursieren Vorstellungen wie jene, die unterlegene Mannschaft sei als Menschenopfer dargebracht worden oder, im Gegenteil, aber nicht minder exotisch, die Maya seien so kultiviert gewesen, dass sie Konflikte nicht militärisch, sondern auf dem Ballspielplatz ausgetragen hätten.

Orte der politischen Inszenierung

Tatsächlich wissen wir über das mittelamerikanische Ballspiel herzlich wenig. Sicher ist nur, dass es für die Maya mindestens so wichtig war wie für uns der Fußball. Unter den Ruinen praktisch jeder Maya-Stadt findet sich mindestens eine Anlage mit dem typischen I-Grundriss. Die Maya waren ballnärrisch – und nicht nur sie. Im gesamten Mittelamerika, von Nicaragua bis hinauf nach Arizona, sind über tausend Spielfelder aus vorspanischer Zeit bekannt. Daraus, aus bildlichen Darstellungen sowie aus der Tatsache, dass sich im Nordwesten Mexikos mit dem „Ulama“ eine Abart der aztekischen Variante bis heute gehalten hat, kann man schließen, dass das Ballspiel im alten Mittelamerika eine zentrale gesellschaftliche Institution gewesen sein muss.

Die zentralen Spielstätten der um 200 n. Chr. einsetzenden klassischen Maya-Zeit waren dabei nicht zuletzt Orte der politischen Inszenierung der Staatselite sowie sakraler Feiern. Doch offenbar legten sich diese Funktionen erst im Nachhinein über etwas, das in den sozial weniger ausdifferenzierten Gemeinwesen präklassischer Zeit bereits ein Volkssport gewesen war. Darauf weisen Untersuchungen an frühen Ballspielanlagen in Nordwesten der Halbinsel Yukatán hin, mit denen David Anderson von der Tulane University in New Orleans Mitte April auf einer Fachtagung in St. Louis Aufsehen erregte. Von den 23 Spielfeldern aus der Zeit zwischen 1000 und 400 v. Chr., die Anderson untersuchte, gehörten 22 zu kleinen, dörflichen Gemeinwesen ohne große soziale Unterschiede.

„Olmeken“ ist aztekisch und bedeutet „Gummi-Leute“

Schon damals hatte das Ballspiel bereits eine lange Tradition. In El Manatí im mexikanischen Bundesstaat Veracruz kamen 1989 zwölf Gummibälle ans Licht, die laut Radiocarbon-Datierung zwischen 1600 und 1200 v. Chr. angefertigt wurden. Damals blühte dort gerade die olmekische Hochkultur auf, die früheste Mittelamerikas, und strahlte im Süden bereits bis zur Pazifikküste aus. Dort, bei Paso de la Amada im Bundesstaat Chiapas, stießen Archäologen 1998 auf die älteste bisher bekannte Ballspielanlage.

Die Bezeichnung „Olmeken“ ist aztekisch und bedeutet „Gummi-Leute“. Tatsächlich war die Verarbeitung von Naturkautschuk zu elastischem Material (siehe „Der Gummiball wurde zweimal erfunden“) wohl eine olmekische Innovation. Sie steht am Anfang des mesoamerikanischen Ballsports und damit aller Ballspektakel bis hin zur aktuellen Fußball-WM. Zwar spielte man auch im europäischen Altertum gerne Ball, doch die dort verwendeten Lederbälle sprangen lange nicht hoch und schnell genug, als dass Turniere damit größere Zuschauerscharen zu fesseln vermocht hätten. Die Römer veranstalteten zu diesem Zweck bekanntlich lieber Gladiatorenkämpfe.

Ausrüstung mit Hüftpanzern und Knieschützern

Hart im Sinne hoher physischer Belastung und Verletzungsgefahr muss das Spiel mit den mehrere Kilo schweren Gummibällen indes auch gewesen sein. Das zeigt schon die auf Bildwerken überlieferte Ausrüstung der Spieler mit Hüftpanzern und Knieschützern als Minimalausstattung. „Über die Spielregeln wissen wir jedoch wenig, wenn nicht sogar überhaupt nichts“, sagt der Maya-Forscher Nicolai Grube von der Universität Bonn. „Bekannt ist, dass der Ball nur mit den Hüften, den Knien und den Armen gespielt werden durfte, vermutlich nicht mit den Händen.“

Allerdings dürfte es verschiedene Spiele gegeben haben, die sich unterschieden wie bei uns, sagen wir, Volleyball und Basketball. So finden sich bei einigen Ballspielplätzen wie etwa der monumentalen Anlage von Chichen Itzá auf Yukatán an den Seiten steinerne Ringe, die als Tore gedient haben könnten. Bei vielen anderen, darunter der von Copán, fehlen solche Ringe. „Hier ging es wohl darum, den Ball überhaupt in der Luft zu halten“, sagt Grube. Und auch die Frage, ob es Mannschaften gab und wie stark die waren, ist offen.

Bilder geköpfter Ballspieler

In jedem Fall waren solche Gummiballtuniere nur etwas für erfahrene, speziell trainierte Profis – und schon das macht die Theorie von der Opferung unterlegener Mannschaften für Nicolai Grube abwegig. „Würde man das denn mit der deutschen Mannschaft machen, wenn sie in der WM ausscheidet?“ Zudem gibt es nicht einen einzigen historischen Bericht über solche Opferungen. Entsprechende Mutmaßungen sind allein von einigen Reliefbildern geopferter Ballsportler an Spielstätten inspiriert. Doch diese Spur ist äußerst dünn, meint David Anderson. „Von allen Ballspielplätzen Mesoamerikas kenne ich nur zwei mit solchen Darstellungen.“ Der eine liegt in El Tajín in Veracruz und der andere ist der megalomane Platz von Chichen Itzá. „In beiden Fällen handelt es sich aber um stilisierte Architektur, die vielleicht gar nicht wirklich für Ballspiele verwendet wurde.“

Aber auch bei echten Ballspielplätzen gäbe es für Bilder geköpfter Ballspieler eine sehr viel einleuchtendere Deutung: als Szenen aus dem Mythos von den Zwillingsbrüdern Junajpu und Xbalanke. Auf sie wird in der Ausschmückung von Ballspielplätzen oft verwiesen, etwa auf einem Markierungsstein in der Anlage von Copán, wo sich König „18 Kaninchen“ in Ballspielausrüstung an der Seite Junajpus darstellen ließ. Überliefert ist die Geschichte im „Popol Vuh“, einem kolonialzeitlichen Text, der Maya-Mythen aus klassischer Zeit erzählt. Er berichtet, wie Vater und Onkel der Helden durch ihr lärmendes Ballspiel die Herren der Unterwelt stören, von diesen mit einer Aufforderung zum Ballturnier in die Unterwelt gelockt und getötet werden. Der Vater von Junajpu und Xbalanke wird dabei enthauptet. Seine Söhne kommen ebenfalls in die Unterwelt, spielen mit den bösen Herren Ball, wobei Junajpu der Kopf abgetrennt wird. Das Spiel geht nun mit dem abgeschlagenen Kopf weiter, bis Xbalanke ihn einfangen und seinen Bruder wiederherstellen kann. Nach weiteren Wendungen der Handlung werden die Unterweltgötter schließlich besiegt.

Friedensstiftender Effekt der Begegnungen

Diese Geschichte erklärt auch die vielen Darstellungen von Totenschädeln auf Spielbällen: Für die Maya wurden im Ballspiel auch der Kampf der Zwillinge gegen die Unterweltherren nachgestellt. Und wenn Könige sich als Ballspieler darstellen ließen, dann schlüpften sie damit in die politisch opportune und sakral möglicherweise gebotene Heldenrolle, ohne dass daraus zu schließen wäre, die Herrscher hätten sich tatsächlich dem gefährlichen Gummiball ausgeliefert – zumal die Bälle gerade bei Herrschern im Ballspieleroutfit of viel größer dargestellt sind, als es spieltechnisch möglich gewesen wäre.

Damit können diese Szenen auch die These vom Ballspiel als Kriegsersatz nicht stützen, für die es auch sonst nicht den Hauch eines Beweises gibt. Der friedensstiftende Effekt der Begegnungen von Spielern verschiedener Mayastaaten dürfte nicht über die Kanalisierung von Patriotismen, wie wir sie dieser Tage wieder erleben, hinausgegangen sein. Tatsächlich herrschte zur Blütezeit der Maya-Kultur immer irgendwo Krieg. Das musste auch König „18 Kaninchen“ von Copán erfahren. Keine vier Monate nach der Einweihung seines neuen Ballspielplatzes geriet der Herrscher in einen Hinterhalt seines abtrünnigen Vasallen, des Fürsten von Quiriguá. Dem König von Copán widerfuhr, was einst Junajpu, dem mythischen Ballspieler, widerfahren war: Er wurde enthauptet.

Der Gummiball wurde zweimal erfunden

Der abgebildete Gummiball (siehe viertes Bild) misst acht Zentimeter und wurde in Resten einer Mayastätte bei Guatemala City gefunden. Er ist damit mindestens 1600 Jahre älter als das Verfahren, mit dem Charles Goodyear 1839 das Gummizeitalter unserer Kultur eröffnete. Er hatte entdeckt, wie aus dem plastischen, „Latex“ genannten Harz des Kautschukbaums (Hevea brasiliensis) mit Schwefel ein elastischer Werkstoff wird: Latex besteht aus Polyisopren, einem langkettigen Kohlenwasserstoff mit vielen Doppelbindungen. Goodyears Verfahren vernetzt diese Doppelbindungen durch Brücken aus Schwefel.

Wie die Maya ihre Elaste produzierten, das haben 1999 Dorothy Hosler und Michael Tarkanian vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) untersucht. Demnach dürfte ihr Verfahren dem geähnelt haben, das die MIT-Forscher noch selbst bei Gummibauern in Südmexiko beobachten konnten: Sie verrühren den ebenfalls polyisoprenhaltigen Saft des Panama-Gummibaumes (Castilla elastica) zehn Minuten lang mit dem Saft der Prunkwinde Ipomoea alba, einem Klettergewächs, das praktischerweise besonders gerne Gummibäume umrankt.

Haben die alten Mesoamerikaner damit Goodyear vorweggenommen? Chemisch gesehen, nein. Zwar fanden die Forscher im Ipomoea-Extrakt auch Schwefelverbindungen, die Polyisopren verketten können. Doch ein Teil der elastifizierenden Wirkung des Prunkwindensaftes scheint darauf zu beruhen, dass er das im Harz als Emulsion vorliegende Polypropylen vom Wasser trennt und dabei Stoffe herauslöst, welche die Kettenmoleküle daran hindern, sich zu verknoten. Praktisch gesehen, konnten die alten Mesoamerikaner damit aber ein weites Spektrum von Gummisorten herstellen: Wie Hosler und Tarkanian kürzlich durch Laborversuche feststellten, ergibt ein Verhältnis von 1:1 von Latex und Windensaft spielballtaugliche maximale Elastizität, während etwa 3:1 ein sehr widerstandsfähiges Gummi liefert, zum Beispiel für Schuhsohlen. Tatsächlich wurden an Mayastätten nicht nur Bälle gefunden, sondern auch mit Elastebändern umwickelte hölzerne Werkzeuge sowie Gummifiguren.

UvR

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