, Köln. Das seltsame Bild zeigt einen Klumpen zerknüllter Papyri mit griechischen Texten aus dem ersten Jahrhundert. Vergangenen Donnerstag prangte es im Seminarraum des Morphomata-Kollegs der Universität zu Köln. Dann machte Hans Baumann das Publikum auf einige zarte Schatten aufmerksam. "Jetzt fahren wir mal die Sättigung hoch." Prompt traten auf dem antiken Material die Kurven Pamela Andersons hervor.
Völlig geschmackssicher war diese Vorführung nicht, doch das sahen die anwesenden Altertumsforscher und -forscherinnen Baumann gerne nach. Er ist Spezialist für alles, was sich mit Bildbearbeitungs-Software wie Photoshop anstellen lässt. Als Herausgeber der Fachzeitschrift Docma und Gutachter unter anderem für das BKA ist er auch mit Ernsterem befasst - wie an diesem Tag: Sein Vortrag galt einem Thema, das seit vier Jahren die Nerven etlicher Papyrologen und Philologen erheblich strapaziert.
Vieles auf einmal
Es geht um einen der Papyrusbögen in jenem abgebildeten, von Papyrologen "Konvolut" genannten Ballen. Kurz nachdem das Bild 1981 entstand, hat sein damaliger Eigentümer, der Hamburger Antikenhändler Serop Simonian, die Blätter trennen lassen. Was dabei zum Vorschein kam, erwies sich in späteren Untersuchungen durch Wissenschaftler als einzigartig: Fragmente einer meterlangen Papyrusrolle, die Text, Bilder von Fabelwesen, Zeichenstudien und sogar eine unvollendete Landkarte zeigt. Als Teile des Textes dann als Passagen aus dem bis dahin nur in Zitaten erhaltenen Werk des Geographen Artemidor von Ephesos indentifiziert werden konnten, war die Sensation perfekt und Simonian bald um 2,75 Millionen Euro reicher. Für den höchsten Preis, der je für einen Papyrus gezahlt wurde, ging das Stück 2004 an die Kulturstiftung einer italienischen Bank.
Doch zwei Jahre bevor 2008 die kritische Edition des restaurierten Papyrus veröffentlicht wurde und damit der wissenschaftlichen Diskussion eine Grundlage gegeben war, trat der Altphilologe Luciano Canfora von der Universität Bari mit der Behauptung an die Öffentlichkeit, der Artemidor-Papyrus sei eine Fälschung aus dem 19. Jahrhundert. Nun konnten die Verfasser der Edition, darunter Bärbel Kramer von der Universität Trier, so viele papyrologische, philologische und naturwissenschaftliche Gründe dafür anführen, warum das eigentlich nicht sein kann (Sonntagszeitung vom 16. März 2008), dass die Beweislast seither vollends bei Canfora liegt. Dessen sprachwissenschaftliche Argumente, nach denen dem angeblichen Artemidor-Text moderne philologische Editionen mittelalterlicher Texte zugrunde lägen, blieben nicht unwidersprochen.
"Ich habe versucht, Canforas Beweisführung zu überprüfen, und gelange dabei zum gegenteiligen Ergebnis", sagt der Kölner Gräzist Jürgen Hammerstaedt. "Die damaligen philologischen Eingriffe sind korrekt und an einer Stelle, wo der mittelalterliche Text eine Lücke aufweist, vervollständigt der Artemidor-Papyrus einen Text, den die Philologie bisher nicht hatte heilen können." Diese philologische Debatte dauert an, blieb aber seit 2008 die einzige Front. Unter Forschern, die naturwissenschaftlich, archäologisch oder papyrologisch arbeiten, gab es auf der Ebene publizierbarer Argumente keine Unterstützung für Canfora. Hier spricht nichts dagegen und alles dafür, dass der Papyrus genuin antik ist.
Hilfe vom Erkenungsdienst
Eine der Hürden für die Fälschungsthese ist jenes Foto des Konvoluts. Denn zum einen zeigt es Dokumente, die mit der Artemidor-Rolle in den Altpapyrus gerieten. Sie stammen aus den Regierungszeiten der Kaiser Vespasian und Domitian und damit spätestens aus dem Jahr 96 n. Chr. Zum anderen aber sind auf dem Bild des Konvoluts auch Teile des Artemidor-Textes erkennbar. Ein Fälscher hätte sein Elaborat also mit Dokumenten verpappen müssen, deren Kaisertitulaturen zufällig in die gleiche Zeit weisen wie die Radiokarbondatierung der Artemidor-Rolle.
Allerdings: Das Konvolut ist demontiert, und Simonian hat den Forschern nur dieses eine Bild davon hinterlassen. Wer sagt, dass der Artemidor-Text da nicht digital hineinpraktiziert wurde?
Dass dem so sei, verkündete im April 2009 auf einem von Canfora mitorganisierten Kolloquium im Südtiroler Städtchen Rovereto der Erkennungsdienstler Silio Bozzi vom Polizeipräsidium Ancona. Damit war die Fälschungsthese von einer Philologendebatte wieder auf ein medientaugliches Format angewachsen - auch wenn die Berichte sich im Grunde nur um Bozzis Demonstration drehten, dass man die Buchstaben auf dem Bild digital im Prinzip abändern kann.
Kanten und Schatten
"Das ist nicht überraschend", meint Hans Baumann dazu - was mit Pamela Anderson geht, funktioniert natürlich auch mit altgriechischen Textschnipseln. "Aber es sagt rein gar nichts darüber aus, ob tatsächlich gefälscht wurde." Doch Bozzi hatte auch echte Argumente. Sie zu prüfen, war der Photoshop-Experte von Jürgen Hammerstaedt gebeten worden.
Eines davon betraf die Schatten hervorstehender Kanten auf die Oberfläche des Konvolutes, die nach Bozzi nicht zum Schatten auf den Untergrund passen, sowie die scharfen Konturen an den Rändern. "Das hat mich zunächst auch irritiert", sagt Baumann. Er gibt Bozzi recht, dass der Hintergrund des Bildes wegretuschiert wurde, allerdings nicht der Schatten. "Das Bild ist freigestellt worden", sagt Baumann, das sei aber ein übliches Verfahren, um Bilder für eine Präsentation aufzubereiten, und beweise für sich keine verfälschende Manipulation.
Was Bozzi aber darüber hinaus entdeckt haben will, kann Baumann nicht nachvollziehen, vor allem eines nicht: "Die zentrale Aussage aus dem Gutachten von Bozzi, da seien irgendwelche Einzelbuchstaben übertragen und dann hin und her geschoben worden, trifft offensichtlich nicht zu." Durch bloßes Rotieren und Skalieren sind die Lettern auf dem geglätteten Papyrus nicht mit denen auf dem Konvolut zur Deckung zu bringen. Der Grund ist die wellig-gewölbte Oberfläche des Papyrusballens und die sich daraus ergebenden perspektivischen Verkürzungen. Allenfalls hätte ein Fälscher ein Modell einer solchen Oberfläche konstruieren und passende nichtlineare und globale (also über Rotation, Skalierung und lokale Verschiebungen hinausgehende) Transformationen auf Buchstabengruppen anwenden können. Aber warum sollte er diesen Aufwand treiben? Ohne Buchstaben lässt sich die räumliche Form der Oberfläche nicht ermitteln. Sie könnte auch so eben sein, dass sich ein überzeugendes Ergebnis auch durch bloße Manipulation der Einzelbuchstaben erzielen lässt.
Vorwürfe nicht plausibel begründet
Auch zwei neuere Untersuchungen - eine von Bozzi, die andere von Salvatore Granata von der Bibliothek des Osservatorio Vesuviano in Neapel - hält Baumann für unergiebig. Sie datieren den Kleinbild-Papierabzug des Konvolutbildes anhand des Papiers und der Körnigkeit auf die Mitte der 1990er Jahre und damit deutlich nach 1981, als das Konvolut nach Angaben Simonians geöffnet wurde. "Zwischen Aufnahme und Abzug können Jahre vergehen", sagt Baumann. Zudem wiesen Granatas Befunde darauf hin, dass die Aufnahme ursprünglich mit einer Mittelbildkamera gemacht wurde. Entsprechend wenig wahrscheinlich ist es, dass der erste Abzug davon das vorliegende Kleinbild war.
Baumann macht klar, dass er mit alldem nicht die Authentizität des Konvolutbildes oder gar des Artemidor-Papyrus bewiesen habe. "Ich sage nur, dass alle Argumente, die für eine Manipulation sprechen, widerlegt oder unplausibel sind."
Baumanns altertumswissenschaftliches Publikum in Köln nahm es mit Erleichterung zur Kenntnis. Denn wer immer den Zweifel an dem Konvolutbild säte und Silio Bozzi medienwirksam einschaltete, der hat die Artemidor-Debatte auf eine andere Ebene gehoben. Sein Finger zeigt nicht mehr nur auf einen Fälscher des 19. Jahrhunderts, sondern auf Personen der Gegenwart, darunter die wissenschaftlichen Bearbeiter des Papyrus. Einen solchen schweren und notabene strafrechtlich relevanten Verdacht sollte man nicht lancieren, wenn die zugrundeliegenden Argumente derart dürftig sind.
Canfora macht Skandale um der Skandal willen - das ist doch bekannt
Closed via SSO (Offermanns1)
- 27.09.2010, 09:16 Uhr
Fälschungsexperten
Günter Peperkorn (piperigranum)
- 27.09.2010, 11:33 Uhr
