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Archaeopteryx Schon ein Vogel und noch ein Dinosaurier

28.10.2009 ·  Der Archaeopteryx macht wieder Schlagzeilen: In München gibt es ein kleines Gipfeltreffen mit sechs der zehn Originalfossilien, und ein internationales Team hat durch Knochenanalysen entdeckt: Der „Urvogel“ hatte Gebeine schwer als die von Echsen - und konnte dennoch fliegen.

Von Reinhard Wandtner
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Mit dem „Urvogel“ Archaeopteryx haben die Paläontologen ihre liebe Not. Denn immer wieder zwingen die Fossilien, die von dessen Existenz zeugen, die Wissenschaftler zu neuen Bewertungen. Nicht zuletzt deshalb werden sich viele Spezialisten auf den Mineralientagen in München am kommenden Wochende einfinden, wo sechs der zehn Originalfossilien in einer Sonderschau gezeigt werden – darunter das nur einmal kurz in den neunziger Jahren von einem Privatsammler als Abguss gezeigte Exemplar „Nummer 8“, das wohl einige hundert tausend Jahre jünger als alle anderen Fossilien ist und etwas entfernt von der „Archaeopteryx-Region“ Eichstätt-Solnhofen geborgen wurde.

Im Mittelpunkt der Forscher steht stets die Suche nach der wahren Natur des rätselhaften Gefiederten, der im Jura vor rund 150 Millionen Jahren lebte. War er tatsächlich schon ein Vogel oder doch eher noch ein Dinosaurier? Nach leidenschaftlich geführten Debatten misst man den Vogelmerkmalen inzwischen klar das größere Gewicht bei. Doch ein aktuelles Forschungsergebnis bringt jetzt die Waagschalen wieder etwas in Bewegung. Wie nämlich Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten, Deutschland und China herausgefunden haben, wies Archaeopteryx nicht den leichten Knochenbau heutiger Vögel auf. Vielmehr fanden sich dichte, schwere Knochen nach Echsenart, die auf ein für Vögel untypisches langsames Wachstum hinweisen. Das berichtet Gregory Erickson von der Florida State University in Tallahassee zusammen mit den anderen Forschern, zu denen Oliver Rauhut von der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie in München zählt, in „Plos One“ (doi: 10.1371/journal.pone. 0007390).

Gefiederte Dinosaurier

Von Archaeopteryx gibt es insgesamt zehn Skelettfunde. Sie werden oft als die berühmtesten Fossilien der Welt bezeichnet. Um die Knochenstruktur im Detail untersuchen zu können, hat man sich entschlossen, an einem der Fossilien, dem 1992 entdeckten „Münchener Exemplar“, etwas Knochensubstanz zu entnehmen. Aus Oberschenkel und Wadenbein wurde vorsichtig jeweils ein etwa 250 Mikrometer großes Stück herauspräpariert. Im Polarisationsmikroskop traten dicht gepackte, parallel verlaufende Zellstrukturen zutage, wie sie für Dinosaurier kennzeichnend sind. Spuren von Blutgefäßen waren kaum zu sehen. Ein echsenähnliches Muster haben auch die Knochen der chinesischen „Urvögel“ Jeholornis und Sapeornis gezeigt. Diese Tiere lebten in der Unterkreide und somit nach Archaeopteryx. Bei heutigen Vögeln findet sich hingegen ein vergleichsweise lockeres, gut durchblutetes Knochengewebe mit in unterschiedliche Richtungen weisenden Elementen.

Vögel haben Federn. Daraus den Umkehrschluss zu ziehen, ein Tier mit Federkleid sei zwangsläufig ein Vogel, hat sich aber als unzulässig erwiesen. Schließlich gibt es inzwischen etliche fossile Belege für gefiederte Dinosaurier. Ein weiteres vermeintliches Vogelmerkmal des Archaeopteryx, die zum Gabelbein verwachsenen Schlüsselbeine, kam ebenfalls schon bei Dinosauriern vor. Und spätestens aufgrund der neuen Forschungsergebnisse ist auch die Annahme hinfällig, schnell wachsende leichte Knochen seien Voraussetzung für das Fliegen. Hinsichtlich von Wachstum und Stoffwechsel handelte es sich bei den ersten Vögeln anscheinend schlichtweg um kleine, gefiederte Raubsaurier. Auch vom Gehirn her waren sie den Raubsauriern vergleichbar, wie Untersuchungen des Schädels mit der Computertomographie ergaben. Trotzdem darf Archaeopteryx nach Überzeugung von Rauhut weiterhin als Urvogel gelten, handelt es sich doch um den ersten Raubsaurier, bei dem die Arme länger waren als die Beine und somit als Flügel dienen konnten. Archaeopteryx war zwar kein Akrobat der Lüfte, aber zum Gleitflug herab scheint er durchaus fähig gewesen zu sein.

Ein Beweis für die Richtigkeit der Evolutionstheorie

Die neuen Ergebnisse stützen die Annahme, alle bisher geborgenen Archaeopteryx-Skelette stammten von Jungtieren. Das größte Exemplar dürfte, als es umgekommen ist, etwa 700 Gramm schwer und gut eineinhalb Jahre alt gewesen sein. Rauhut zufolge nimmt man nun an, dass Archaeopteryx im ausgewachsenen Zustand ungefähr so groß wie ein Rabe war und eineinhalb bis zwei Kilogramm wog.

Schon 1861, als das erste Archaeopteryx-Skelett in den Plattenkalken von Solnhofen in Bayern entdeckt wurde, war ein Streit über die Natur des Fossils entbrannt. Die Anhänger von Charles Darwin bejubelten den Fund als Beweis für die Richtigkeit der Evolutionstheorie. Gegner Darwins hingegen hegten Zweifel an der Einschätzung, man habe es mit einem Bindeglied zwischen Sauriern und Vögeln zu tun. Zwar ließ sich die Befiederung nicht leugnen, aber man mutmaßte, es handele sich um keine wirklichen Vogelfedern. Als Name für das Fossil wurde Griphosaurus („Rätselsaurier“) vorgeschlagen, wie der Münchener Paläontologe Peter Wellnhofer in seinem Buch „Archaeopteryx“ erläutert. Die Kontroverse, ob das Fossil Vögeln oder Sauriern zuzuordnen sei, sah der Amateur-Paläontologe Ernst Friedrich Witte aus Hannover indes als unfruchtbar an. „Das Tier hat Charakteure von beiden und ist daher, genau genommen, keines von beiden“, schrieb er im Jahr 1863. An den jüngsten Forschungsergebnissen hätte er gewiss seine Freude.

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