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Archäologie Gartenträume am Xingu

01.09.2008 ·  Im Amazonasdschungel wurden Hinweise auf weitläufige Siedlungen aus vorkolumbianischer Zeit entdeckt. Wie man sich die Lebensweise ihrer noch vor der Ankunft der Europäer ausgestorbenen Bewohner vorstellen sollte, das gibt noch einige Fragen auf.

Von Ulf von Rauchhaupt
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Hatte Percy Fawcett doch recht? Im Mai 1925 überquerte der britische Offizier und Forschungsreisende den Oberlauf des Xingu, eines südlichen Nebenflusses des Amazonas - und wurde nie mehr gesehen. Er war auf der Suche nach der verlorenen Stadt "Z". Angeblich hatten Eingeborene ihm von Ruinen berichtet, tief im damals völlig unerforschten Dschungel des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso.

Archäologen hatten das natürlich nie ernst genommen. Nicht nur, weil Colonel Fawcett mit den Abenteuerromanciers Henry Rider Haggard und Arthur Conan Doyle befreundet war. Die Urwaldgebiete Amazoniens galten bis vor wenigen Jahrzehnten als archäologische Wüste. Die Böden seien zu karg für den Ackerbau, hieß es, die Wälder arm an proteinreicher Nahrung, und komplexe Gesellschaften, gar städtische Hochkulturen, hätten sich da nie entwickeln können. Schon die altsteinzeitlich lebenden Jäger und Sammler hätten es dort schwer - es gibt kaum Steine.

Polyzentrisches Netz

Doch das, worauf Michael Heckenberger und seine Mitarbeiter seit den 1990er Jahren am Oberlauf des Xingu gestoßen sind, besteht nicht aus Stein, sondern aus Erde. In Science berichtet das Team um den Archäologen von der University of Florida in Gainesville von einem komplexen Muster aus metertiefen Gräben, Palisadenresten und eingeebneten Flächen. Sie interpretieren es als ein zugleich polyzentrisches und hierarchisches Netz aus "Städten, Dörfern und Weilern". Bisher wurden zwei Zentren genauer untersucht, denen kleinere Ortschaften in je gleichen Abständen zugeordnet zu sein scheinen.

Neben diesen beiden Ballungsräumen von jeweils 250 Quadratkilometern Ausdehnung fanden sich noch Hinweise auf mindestens 13 weitere. Damit könnte sich das Siedlungsgebiet am oberen Xingu über 30 000 Quadratkilometer erstreckt haben - etwa die Größe Belgiens. Mindestens 50 000 Menschen könnten hier gelebt haben, den Radiocarbondaten nach spätestens seit dem 13. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert, kurz nach der Ankunft der Europäer an den Küsten Südamerikas, waren die Siedlungen entvölkert.

De Europäer sahen nichts mehr

Wenn es wirklich so viele waren - da ist sich die Fachwelt keineswegs einig -, gäbe es für ihr plötzliches Verschwinden durchaus eine Erklärung. Von den Europäern eingeschleppte Krankheiten könnten in den Jahrzehnten nach 1500 bis zu zwei Drittel der ursprünglichen Bevölkerung Brasiliens hinweggerafft haben. Auch am Xingu wären die fremden Erreger lange vor den Weißen eingetroffen, und über den verödeten Siedlungen wuchsen die Urwaldbäume so schnell, dass die ersten europäischen Besucher annahmen, sie hätten schon immer dort gestanden.

Noch ist allerdings lange nicht sicher, wie umfangreich die Siedlungen am Xingu-Oberlauf wirklich waren - und ob sie tatsächlich alle gleichzeitig bewohnt waren. Selbst dann bliebe die Frage, wie man sich diese untergegangene Kultur vorzustellen hat. Statuen und gepflasterte Straßen, wie Fawcett sie erwartete, gab es dort nicht, erst recht keine Tempel mit goldenen Dächern wie im sagenhaften Eldorado. "Keine einzelne Xingu-Siedlung verdient die Bezeichnung ,Stadt'", räumt Heckenberger ein. "Aber wie sagt man zu einer Gruppe aus fünf Siedlungen, zwischen denen man bei schnellem Fußmarsch 15 Minuten unterwegs ist?"

Ökologie der Steinäxte

Das fragen sich die Archäologen nicht nur am Xingu. Weiter westlich, an der Grenze zu Bolivien und in dem dortigen Departamento Beni, sind seit 1977 ebenfalls Spuren von Kulturen gefunden worden, denen manche Forscher einen hohen Organisationsgrad zusprechen, der sich aber erst in der Gesamtschau von Grabenwerken (sogenannten "Geoglyphen"), Kanälen, Fischwehren und Aufschüttungen erschließt. Eventuell hat man es sogar mit einem Kulturraum zu tun, der sich von Beni bis zum Xingu erstreckte.

Ob allerdings der Begriff "städtisch" hier zu mehr taugt als dazu, die präkolumbianischen Bewohner des Amazonastieflandes in den Augen westlicher Megalopolenbewohner aufzuwerten, ist fraglich. Ebenso bedarf es wohl noch sehr viel genauerer Erkundungen darüber, wie es um die Bevölkerungsdichte und die natürliche Umwelt am Oberlauf des Xingu vor der großen Entvölkerung wirklich bestellt war, bevor man die mutmaßlichen "Garten-Städte", wie das Heckenberger-Team es am Ende seines Science-Artikels tut, als Musterbeispiel einer ökologisch vorbildlichen Raumplanung preist.

Sicher wäre eine halbintensive Landwirtschaft, wie sie dort betrieben worden sein könnte, besser, als den Urwald in Rinderweiden umzuwandeln. Aber verklären sollte man die alten Xingu-Anrainer nicht gleich. Wenn sie pfleglicher mit der Natur umgingen als wir, dann auch deswegen, weil das Baumfällen mit Steinäxten nicht so einfach ist wie mit Motorsägen.

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Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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