21.07.2005 · Computersimulationen mit dem Skelett von „Lucy“, einem weiblichen Fossil der vormenschlichen Art Australopithecus afarensis, zeigen: Schon vor vier Millionen Jahren war aufrechter Gang Routine.
Von Günter PaulIm Afar-Dreieck in Äthiopien stießen Forscher um Donald Johanson im Jahr 1974 auf 3,2 Millionen Jahre alte Fossilien einer vormenschlichen Art, die den Namen Australopithecus afarensis erhielt. Das Individuum, zu dem diese Überreste gehörten, wurde von den Forschern Lucy genannt. Die Dame ist seitdem die prominenteste Vertreterin ihrer Art. Mittlerweile sind von mehr als dreihundert Individuen des Australopithecus afarensis, der vor drei bis vier Millionen Jahren gelebt hat, Fossilien geborgen worden.
Schon die ersten Funde deuteten aufgrund der Knochenmerkmale darauf hin, daß Lucy zumindest teilweise aufrecht gegangen ist. Inwieweit sich ihr Gang von jenem der Affen unterschieden hat, blieb umstritten. Jetzt haben britische Forscher herausgefunden, daß er schon stark dem Gang des modernen Menschen geähnelt haben muß.
In den Bäumen oder auf dem Boden?
Die generelle Vorstellung vom aufrechten Gang Lucys wurde erheblich unterstützt, als Mary Leakey Mitte der siebziger Jahre in vulkanischem Gestein in Laetoli (Tansania) 3,6 Millionen Jahre alte Fußspuren von zwei oder drei Individuen entdeckte, die von den meisten Wissenschaftlern dem Australopithecus afarensis zugeschrieben werden.
Den Abdrücken war zu entnehmen, wie dieser Vormensch beim Gehen den Fuß aufgesetzt hat. Demgegenüber glaubten einige Forscher, Hinweise darauf gefunden zu haben, daß sich Lucy länger in den Bäumen als auf dem Boden fortbewegt hat, wodurch der Gang anders geprägt worden wäre.
Routinemäßig aufrechter Gang
Die Forscher um William Sellers von der Loughborough University in England haben nun in einer Computersimulation untersucht, wieviel Energie der Australopithecus afarensis bei unterschiedlichen Gangarten verbraucht und welche Geschwindigkeit er dabei erreicht hätte. Den Rechnungen wurde Lucys Skelett zugrunde gelegt. Das Verfahren war zunächst am lebenden Menschen erprobt worden. Die Ergebnisse der Simulationen stimmten in dem Fall weitgehend mit den Daten überein, die am Laufband ermittelt wurden.
Für Lucys normale Fortbewegung hat das Verfahren ein Tempo von rund zwei bis fünf Kilometer pro Stunde ergeben, wie die Forscher vorab in der Online-Ausgabe der Zeitschrift "Royal Society Interface" berichten. Das ist mit dem sich eher hinschleppenden Gang beispielsweise eines Schimpansen kaum verträglich, spricht vielmehr für einen routinemäßigen aufrechten Gang. Auch die Form der Fußabdrücke paßt in dieses Bild. Damit dürfte die bisherige Vorstellung vieler Forscher widerlegt sein, der zufolge sich Lucy eher halb so schnell und affenartig fortbewegt hat.