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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Archäologie Ein Ötzi kommt selten allein

 ·  Das schmelzende Gletschereis der Alpen gibt massenhaft Gegenstände aus früheren Zeiten frei. Die Archäologen kommen mit Bergen, Klassifizieren und Datieren kaum noch hinterher.

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Dass sich die Gräber öffnen und die Toten ans Licht kommen, ist fester Programmpunkt jeder anständigen Apokalypse. Und wer den globalen Klimawandel in dieser Kategorie sieht, wird sich wohlig schaudernd zurücklehnen und vielleicht ein "hab ich's nicht gesagt?" murmeln, wenn wieder einmal die Nachricht von einer Gletscherleiche die Runde macht.

Inzwischen ist das gar nicht mehr so selten. Allein in den Alpen sind in den vergangenen Jahren eine Reihe spektakulärer Funde gemacht worden, von den Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg über die Wanderer, die im 16. oder 17. Jahrhundert in den Bergen abgestürzt sind, bis hin zu jenem Lehramtsstudenten, der 1949 in Osttirol zu einer Wanderung aufbrach, seine Freundin und die sechs Wochen alte Tochter zurückließ und nicht mehr wiederkam - erst 54 Jahre später gab der Gletscher seine Leiche frei, die von seiner nun greisen Freundin identifiziert werden musste, ganz wie in Johann Peter Hebels klassischer Geschichte "Unverhofftes Wiedersehen". Dass der so plötzlich spurlos Verschwundene durchaus ernste Absichten gehabt hatte, kam dabei auch ans Licht: Er trug zwei Eheringe bei sich, einen großen und einen kleinen.

Das war im heißen Sommer 2003. Im selben Jahr fanden Wanderer auf dem Schnidejoch, einem Pass im Wildhornmassiv zwischen den Kantonen Bern und Wallis, Holzreste, die offensichtlich von Menschen bearbeitet worden waren. Am Rand eines tauenden Gletschers lag das Fragment eines Bogenfutterals aus Birkenrinde. Es gelangte "über einige Ecken" zum Archäologischen Dienst des Kantons Bern, erinnert sich Albert Hafner, der dort für die Unterwasser- und Feuchtbodenarchäologie zuständig ist: "Wir wussten nicht, ob es wirklich alt ist", sagt Hafner, "man sieht es den Sachen nicht an." Immerhin entschloss man sich dazu, knapp tausend Franken für eine C14-Datierung des Fragments auszugeben. Als dabei ein jungsteinzeitliches Alter von knapp fünftausend Jahren herauskam, wurden Hafner und seine Kollegen hellhörig. Sie ließen sich die Stelle zeigen und suchten sie in den beiden Folgejahren ab - jeweils im Spätsommer und Herbst, wenn der Gletscher seine geringste Ausdehnung erreicht hatte und gleichzeitig das Wetter die Exkursion erlaubte.

Glückliche Umstände

Was dann zum Vorschein kam, übertraf schon durch seine schiere Fülle alle Erwartungen: gut 300 Artefakte, vom Schuhnagel über Lederreste, Münzen, eine römische Fibel oder ein Stück eines wollenen Gürtels einer Tunika bis hin zu Pfeilspitzen und einem hölzernen Gefäß. Als Letzteres auf das fünfte vorchristliche Jahrtausend datiert wurde, sagt Hafner, hätten er und seine Kollegen erst mal eine neue Datierung in Auftrag gegeben, die allerdings das Ergebnis der ersten bestätigte.

Man kann den Unglauben der Forscher durchaus verstehen, denn dieses Ergebnis ist eine Sensation: Es bedeutet, dass bereits vor etwa 6500 Jahren das Schnidejoch als Pass diente - über 1000 Jahre, bevor ein ganzes Stück weiter östlich ein später als "Ötzi" bekannter steinzeitlicher Jäger zu Tode kam. Es dürfte damit, sagt Hafner, "der älteste archäologisch belegte Pass der Alpen sein, vielleicht sogar der älteste in allen Hochgebirgen weltweit".

Dass für diese Erkenntnis eine gehörige Portion Glück nötig war, weiß Hafner auch. Damit organisches Material über Jahrtausende im Eis erhalten bleibt und anschließend geborgen werden kann, muss einiges zusammenkommen. Zunächst muss das Holz, der Stoff oder das Leder, wenn es im Gebirge verloren oder weggeworfen wird, einigermaßen geschützt zu liegen kommen, am besten in einer nach allen Himmelsrichtungen hin abgeschlossenen Mulde oder Rinne, damit es im talwärts wandernden Gletscher nicht zerrieben wird - auch "Ötzi" kam nach seinem Tod am Tisenjoch in 3210 Meter Höhe so zu liegen. Eine derart günstige Situation besteht jedenfalls auch an der Nordseite des Schnidejochs, auf 2756 Meter Höhe, von der die meisten Funde stammen - Hafner sieht darin "eine Art Sedimentfalle für Gegenstände und Material, das auf dem Eis liegen blieb".

Aufgehoben im Eis

Und die scheint sich über die Jahrtausende bewährt zu haben: Die Funde reichen aus der Prähistorie bis ins Mittelalter und offenbaren dabei eine fast kontinuierliche Nutzung des Schnidejochs als Alpenpass. So leisten sie einen Beitrag nicht nur zur Kulturgeschichte der verschiedenen Ethnien, was etwa Kleidung und Bewaffnung angeht, Haustierhaltung oder Ernährung - sie ermöglichen auch Aussagen zu Verkehrswegen, Wanderungsbewegungen und letztlich auch dem Kulturtransfer zwischen den einzelnen Alpentälern. So legten schon länger ähnlich gestaltete frühbronzezeitliche Gräber beiderseits der Berner Alpen eine kulturelle Verbindung der Regionen nahe - die Funde auf dem Pass, die aus den Jahrhunderten nach 2000 vor Christus stammen, stützen diese These, indem sie ihn als häufiger genutzten Verkehrsweg identifizieren.

Wie sehr es dabei auf die geologische Beschaffenheit des Fundorts ankommt, zeigt der Blick auf die Südseite des Schnidejochs: Anders als in Hafners "Sedimentfalle" hat hier kaum ein Artefakt die Zeiten überdauert. Und wenn es dann tatsächlich taut nach Jahrtausenden und das Verlorene zum Vorschein kommt, muss es schnell entdeckt und geborgen werden, wenigstens die dünnen und leichten Gegenstände aus organischem Material. Am Schnidejoch zeigte sich, dass etwa die Lederstücke ausschließlich sehr dicht am Eisrand oder noch im Eis steckend gefunden wurden - überall sonst waren sie bereits verschwunden. Robustere Artefakte wie die metallenen Sohlennägel der Römerzeit fanden sich dagegen auch weiter vom Eisrand entfernt. Im Umkehrschluss lassen sich so auch Aussagen über die Größe des Gletschers in früheren Zeiten treffen: Wenn kleine, leichte organische Gegenstände ungeschützt normalerweise derart gefährdet durch Wind und Wetter sind, dann müssen die jetzt aufgetauchten in den Jahrtausenden seit ihrer Entstehung permanent von Eis bedeckt gewesen sein. Also kann der Gletscher in diesem Zeitraum niemals derart zusammengeschrumpft gewesen sein wie heute, heißt es in einer Studie, die der Berner Klimaforscher Martin Grosjean gemeinsam mit Kollegen vor zwei Jahren im Journal of Quaternary Science publizierte. Ganz nebenbei demonstriert sie, wie Klimaforscher von Archäologen profitieren können - und umgekehrt.

Gletscher genug

Neben dem geschützten Ort und der rechtzeitigen Entdeckung muss freilich hinzukommen, dass kein Unberufener den Fund zerstört. Hafner und seine Kollegen blieben in dem freilich nicht sonderlich zugänglichen Gelände auf dem Schnidejoch auch deshalb zwei Jahre lang weitgehend ungestört, weil sie, wenn doch einmal ein Wanderer auftauchte, ihre wahren Absichten verschleierten und die Legende verbreiteten, sie würden nach Holzproben zur Datierung der Gletscherschmelze suchen. Dass ihm das nicht leicht gefallen ist, merkt man, wenn er davon berichtet, wie wichtig Öffentlichkeitsarbeit für seine Tätigkeit sei, um Archäologie nicht als "Selbstzweck" zu betreiben, sondern mit den erzielten Ergebnissen durchaus auch ein "Bewusstsein für Zeitdimensionen" zu wecken.

Sein Innsbrucker Kollege Harald Stadler sieht das nicht anders: Allein Tirol hat über 600 Gletscher, rechnet er vor, die man in den "Fenstermonaten" beobachten müsste, in denen neue Funde aus dem schmelzenden Eis ans Tageslicht kommen könnten. Nur mit Fachkräften sei das nicht zu leisten, sagt Stadler, der mit Vorträgen und Schulungen versucht, interessierten Laien den richtigen Umgang mit solchen Relikten zu vermitteln - "ich kann ja nicht Tag und Nacht auf dem Gletscher unterwegs sein". Bis dahin versucht er, über die Präsentation von spektakulären Funden - oft aus dem Bereich der Zeitgeschichte wie etwa einer sechzig Jahre lang im Eis verschollenen Ju 52 - das allgemeine Interesse an der Gletscherarchäologie wachzuhalten: "Schließlich müssen wir ja gerüstet sein für weitere, viel ältere Dinge."

Auf den Zufall kommt es an

Wenn also der Klimawandel Fluch und Segen für die Archäologen ist, weil er jetzt sensationelle Funde ermöglicht und gleichzeitig die einst gut behüteten Relikte einer ganz neuen Gefahr aussetzt, dann ist es die interessierte Öffentlichkeit nicht minder. Nicht immer geht die Sache so glücklich aus wie im Fall der Wandergruppe aus Deutschland, die ebenfalls im Sommer 2003 über das Schnidejoch zog und dabei einen schlanken behauenen Eibenstab aus dem schmelzenden Eis zog und mitnahm. Erst als Hafner an die Öffentlichkeit ging, dämmerte es den Wanderern, was sie da möglicherweise entdeckt hatten. Sie informierten den Archäologen und übergaben ihm den Eibenstab, der sich als steinzeitlicher Langbogen entpuppte - und der wie ein Puzzleteil zu den übrigen gleich alten Funden passte: zu den sieben Pfeilschäften, den drei Pfeilspitzen, dem Köcher, der Bogensehne und anderen Gegenständen, die vermutlich einem Jäger gehört hatten, der um das Jahr 2800 v. Chr. auf dem Schnidejoch unterwegs war. Zu seinen dünnen Lederschuhen trug er ebenfalls lederne Beinlinge - eine DNA-Untersuchung ergab, dass das Material von einer Hausziege stammt.

Jetzt fehlt nur noch die Leiche. Und natürlich ist auch Hafner der Gedanke nicht fremd, was ein solcher Fund bedeuten würde - ein Schweizer "Schnidi" nach dem Südtiroler "Ötzi"?

Doch die Chancen, dass sich der Körper irgendwie erhalten hat, stehen schlecht, zumal das künftige Tauen ja eher die älteren Schichten freigeben würde, also die Jahrtausende vor der Geburt des Jägers. "Gezielt suchen ist nicht möglich", sagt dann auch Hafner, "man muss das schon dem abschmelzenden Eis überlassen." Vielleicht ist es bis zur Apokalypse ja doch noch etwas hin.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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