17.06.2008 · Gräber lassen häufig nur erschließen, wie die Reichen und Mächtigen der Antike lebten. Von den unteren Schichten ist in deren Grabmälern lediglich indirekt etwas zu erfahren. Doch nun gibt ein Friedhof in der Nähe von Rom Einblick in Kultur und Alltag der Armen.
Von Dieter BartetzkoNein, wir werden bei diesem Thema, und wenn sie noch so nahe liegen, auf keinen Fall Brechts hunderttausendmal gestellte "Fragen eines lesenden Arbeiters" wiederholen. Höchstens indirekt. So etwa: Ist es nicht sonderbar, dass bis heute das Grab Alexanders des Großen unentdeckt geblieben ist? Exakt 132mal wurde in neuerer Zeit die Auffindung jenes Mausoleums gemeldet, zu dem, laut den antiken Quellen, jeder Herrscher, von den Diadochen über Caesar bis Caligula, pilgerte.
Immer war es ein Irrtum, und so geht die Suche weiter, die um 400 nach Christus einsetzte, als in Alexandria niemand mehr den Sema kannte, den prunkvollen Grabbezirk der Ptolemäer, wo die Mumie Alexanders in einem Glas- oder Alabastersarkophag beigesetzt worden sein soll. Einige schworen, das Grab läge in Memphis, wieder andere legten die Hand für die Oase Siwa ins Feuer oder für Aigai, die alte makedonische Hauptstadt. Heute suchen Fanatiker in allen Teilen der damals von Alexander eroberten Welt, von Sumatra bis Babylon. Eine besonders obskure These vermutet den Makedonen im Markusdom in Venedig.
Ein Friedhof an Roms Hafen
"Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein?" Jetzt sind wir also doch bei Brecht. Wie auch anders, angesichts der Tatsache, dass seit einigen Wochen in Rom Archäologen über den Fund eines Armenfriedhofs der Antike jubeln: 320 Gräber des 1. und 2. Jahrhunderts vor Christus haben sie nahe dem Flughafen Fiumicino freigelegt, dort, wo sich in der Antike Roms Hafen befand. Diese Lage am Hafen, vor allem aber der Zustand der Gebeine, der von lebenslanger Knochenarbeit, chronischen Sehnen- und Gelenksentzündungen, Leistenbrüchen, Verrenkungen und deformierten Wirbelsäulen zeugt, lässt die Experten sicher sein, tatsächlich die Gräber von Lastenträgern und Tagelöhnern entdeckt zu haben.
Als Kronzeugen des Lebens der Unterschichten, von deren Alltag, Denken und Fühlen wir wenig wissen, erfahren die Toten von Fiumicino jetzt einen Aufstieg, den sie zu ihren Lebzeiten selbst mit härtestem Schuften niemals erreicht hätten. "Wir bekommen einen sehr klaren Einblick in das Leben dieser Menschen und ihre Glaubenswelten", kommentierte Roms oberster Archäologe Angelo Bottini. Schon erste Untersuchungen der Grabbeigaben - kleine Tonlampen, schlichte Halsketten und Bronzeringe, gelegentlich auch Goldohrringe und Bernsteinperlen - hätten gezeigt, dass Roms Proletariat versucht habe, verstorbene Kinder trotz bescheidener Möglichkeiten gut für das erhoffte Leben im Jenseits auszustatten.
Vergleich mit Pompeji und Herkulaneum
Damit bestätigt Bottini Befunde seiner Kollegen in Pompeji und Herculaneum. Die beiden 79 nach Christus bei einem Ausbruch des Vesuvs begrabenen Städte sind auch in dieser Hinsicht eine Zeitkapsel. Vor den Toren Pompejis hat man bisher drei große Friedhöfe entdeckt, und am einstigen Hafen von Herculaneum wurde mit rund 350 Opfern der Katastrophe eine Art Massengrab freigelegt, dessen Tote präzise Auskunft über die Lebensumstände der gesamten damaligen Bevölkerung geben. Sklaven, Handwerker und Arbeiter waren unter den Toten Herculaneums sofort auszumachen. Wie die der nun aufgefundenen römischen Lastenträger wiesen auch ihre Skelette - selbst die kleiner Kinder - arbeitsbedingte und von Mangelkost hervorgerufene Deformationen auf.
Doch sollte man daraus nicht voreilig auf eine menschenverachtende Sklavenhaltergesellschaft schließen. Die Forensiker Luigi Capasso und Antonietta Di Fabrizio stellten fest, dass Arm und Reich häufig an denselben, damals unheilbaren Krankheiten und Schädlingsbefall litten. Und ihre Kollegin Sarah C. Bisel, die schon 1986, kurz nach Auffinden der Gebeine, erste Analysen publizierte, hob hervor, dass die toten Sklaven und "kleinen Leute" Herculaneums sich bis zum letzten Moment ebenso hingebungsvoll ihrer Kinder annahmen wie die Patrizier. Im Angesicht des Todes spielten Rangunterschiede keine Rolle mehr: Die meisten Opfer fand man in Gruppen, wo sie sich schutzsuchend aneinanderdrängten; wer Sklave und wer Herr gewesen war, zeigten erst detaillierte Untersuchungen.
„Sich und den Seinen“
Dass dieser Zusammenhalt nicht eine rein kreatürliche Reaktion gewesen sein dürfte, sondern Folge der traditionellen römischen Gesellschaftsstruktur, belegen Pompejis Friedhöfe. Dort finden sich zwar keine Gebeine, da im ersten Jahrhundert nach Christus noch die Brandbestattung überwog. Doch die Grabmonumente der Wohlhabenden, die der Archäologe Valentin Kockel in den achtziger Jahren eingehend untersucht hat, erzählen indirekt auch vom Leben der Unterschicht. So klangvoll die Ehrentitel und die Lebensläufe der Reichen sich auf diesen Grabmälern auch lesen - fast alle enden mit der Standardformel "sibi et suis". Wer "sich und den Seinen" ein Grabmal baute, bezog das Gesinde, Diener und Sklaven, mit ein.
Deren Asche wurde zwar nicht, wie die ihrer Herrschaft, in kostbaren Glasurnen und bemalten Vasen beigesetzt, sondern in billigen Tongefäßen Auch die Porträtbüsten oder -statuen blieben den Reichen vorbehalten. Doch die rings um den Grabaufbau des Dominus und der Domina angelegten Gräber der zur "familias" zählenden Untergebenen wurden mit steinernen Stelen markiert, die häufig die Konturen eines - allerdings gesichtlosen - Kopfes und der Schultern nachzeichnen.
Aufgeschichtet im Beinhaus
"Der Tod macht alle gleich": Möglicherweise sind die berühmten mittelalterlichen Totentanzgemälde ein Nachklang dieser antiken Sichtweise. Denn auch sie halten einerseits die ständischen Prinzipien peinlich genau ein, zeigen aber andererseits alle Menschen, vom Papst bis zum Bettler, Hand in Hand. Was wiederum die postume Wirklichkeit jener Epoche und der ihr folgenden bestätigte: Abgesehen von den unantastbaren Gräbern reicher und berühmter Persönlichkeiten, landeten die Gebeine jedes Toten über kurz oder lang im "Beinhaus", wo sie, säuberlich sortiert und gestapelt, Teil einer anonymen Masse wurden.
Der christliche Glaube mit seinem weitgehenden Verzicht auf Grabbeigaben war zwar nicht ganz - manch einem wurde Schmuck mit ins Grab gegeben -, aber doch fast der großen Gleichmacher. So bleiben uns nur die Grabmonumente, um Auskunft über die Sitten und Lebensumstände unserer Vorfahren zu erlangen; eine einseitige Botschaft, berichten sie doch, so wie die Gräber der Antike, nur von der Kultur der Oberschicht.
Wo liegt Alexander der Große?
Das hat sich seit den Zeiten der Pharaonen nicht geändert: Damals sparten Kleinbauern, Handwerker und Lohnarbeiter oft ein Leben lang, um sich zumindest die billigste Form der Mumifizierung und eine Steinlage leisten zu können, die ihre im Wüstensand beigesetzten Körper vor Aasfressern schützen sollte. Die hiesige Archäologie stellt dieselben Unterschiede fest, wenn sie beispielsweise ein vergessenes fränkisches Gräberfeld aufdeckt oder den unberührten Friedhof eines während Sturmfluten, Pestepidemien oder Kriegen aufgegebenen Dorfes. Die Unterschicht blieb in allen Gesellschaften jahrtausendelang namenlos, ihre Geschichte erzählen nur die Überreste der geplagten Körper.
Immerhin, Funde wie die in Pompeji oder Herculaneum und nun die bei Fiumicino bringen ein wenig Licht ins Dunkel. Eines Tages vielleicht so viel, dass wir erkennen, durch welche Hellsicht ausgerechnet diesen Unterschichten und ihren Religionen der menschenfreundliche christliche Glauben entsprang. Einer seiner ersten Führer, Johannes Chrysostomos, Bischof von Konstantinopel, fragte schon 400 nach Christus lakonisch: "Sagt mir, wer kennte heute das Grab Alexanders des Großen?"
Guter Artikel.. aber der Schluss?!?
Katja Meyer (supercobi)
- 19.06.2008, 01:13 Uhr