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Ägyptologie Pyramiden-Pläne

25.12.2009 ·  Generationen von Gelehrten dachten schon darüber nach, wie die Kultur des ägyptischen Alten Reiches ihre gewaltigen Königsgräber auftürmen konnte. Nun gibt es eine neue Vermutung. Führt sie zur Lösung des Rätsels?

Von Ulf von Rauchhaupt
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Es gab Pläne, und sie fielen schon früh in falsche Hände. „Wahrhaftig, die hohen Kanzleien, weggenommen sind ihre Schriftrollen, entblößt ist die geheime Stätte“, klagt ein gewisser Ipuwer in einem altägyptischen Gedicht, dessen Motive wohl auf die Zustände nach etwa 2200 v. Chr. zurückgehen, als den letzten Pharaonen der 6. Dynastie die Herrschaft aus den Händen glitt und das Reich am Nil im Chaos versank. Entblößt war da auch die gewaltige Nekropole von Giza mit den großen Pyramiden aus der 4. Dynastie. In der größten davon hatte man 400 Jahre zuvor die Mumie des Cheops nebst reichen Beigaben bestattet und die Zugänge dann durch ein ausgeklügeltes System von Fallsteinen unpassierbar gemacht. Und doch zeigt ein Stollen, wie Grabräuber sich genau an den Verschlusssteinen vorbei durch den Kalksteinkorpus der Pyramide gemeißelt haben. Sie mussten über die Konstruktionspläne verfügt haben.

Ägyptologen gäben was darum, wären diese Zeichnungen erhalten geblieben. Denn sicher würden sie Licht in eins der tiefsten Rätsel bringen, die uns die ägyptischen Pyramiden bis heute aufgeben: Wie hat man sie gebaut? Wie fügte man Millionen Tonnen Kalkstein zu perfekten geometrischen Formen, in einer Zeit, als das Rad noch nicht erfunden war, man noch kein Eisen verhütten konnte, man Werkzeuge nur aus Holz, Seilen und Kupfer fertigte und aus der weder Kräne noch Flaschenzüge belegt sind?

Im Meer der Hypothesen

Die Zahl der Antworten darauf übersteigt schon lange die der Pyramiden. Allerdings verdanken sich viele eher blühender Phantasie oder den Verdienstmöglichkeiten am Markt für abwegige Literatur als wissenschaftlicher Betätigung. So glaubt etwa der Schweizer Erich von Däniken - nach eigenem Bekunden in vollem Ernst -, die alten Ägypter hätten beim Pyramidenbau Hilfe von Außerirdischen gehabt.

Aber auch seriöse Pyramidenforscher konnten sich bis heute nicht auf eine Theorie einigen. Der Ingenieur und Professor für Medientechnik Frank Müller-Römer, der nach seiner Pensionierung ein komplettes Ägyptologiestudium einschließlich Doktorarbeit durchzog, hat nun die neueste detaillierte Hypothese vorgelegt, wie die Pyramiden des Alten Reiches errichtet wurden. Sein Ziel: eine einheitliche Erklärung, die die Schwächen der bisherigen Vorschläge (siehe „Rampen über Rampen“) vermeidet.

Nicht ohne Rampen

Einig ist sich Müller-Römer mit den meisten Gelehrten, dass die alten Ägypter die tonnenschweren Steine über schräge Rampen emporbefördert haben müssen. In Jugendsachbüchern oder Reiseführern dominiert heute noch das Bild einer einzigen, senkrecht auf die Pyramide zuführenden Rampe. Es taucht bereits bei dem Geschichtsschreiber Diodor auf, der die Pyramiden um das Jahr 20 v. Chr. besuchte und später schrieb: „Es heißt, der Bau wurde über Aufschüttungen ausgeführt, da Kräne damals noch nicht erfunden waren.“ Der Verbleib des Rampenmaterials war aber schon zu Diodors Zeiten ein Problem, denn, so berichtet er weiter, „einige Ägypter wundern sich und sagen, die Aufschüttungen seien aus Salz oder Salpeter gewesen, den man durch Durchleiten des Flusses weggespült habe“.

Tatsächlich kann die eine Riesenrampe nicht - oder jedenfalls nicht allein - die Lösung sein. Denn die Quader konnten sich nur dann auf Schlitten oder über Rundhölzer eine schiefe Ebene emporziehen lassen, wenn der Steigungswinkel rund zehn Grad nicht überschritt. Mit wachsender Bauhöhe hätte die Rampe daher nicht nur immer weiter erhöht, sondern auch verlängert werden müssen. Bei der Cheops-Pyramide hätte die Rampe am Ende über 1,4 Kilometer lang sein müssen und sie hätte siebeneinhalb mal so viel Baumaterial verschlungen wie die Pyramide selbst. Und sie hätte am Ende wieder Stein für Stein abgebaut werden müssen, was selbst innerhalb der jeweils mehr als 20 Jahre währenden Regierungszeiten des Cheops oder Chephren kaum machbar gewesen sein dürfte. Leichter entsorgbare Nilschlammziegel - der übliche Baustoff für Profanarchitektur - wären als ausschließliches Rampenmaterial nicht stabil genug gewesen, von Salz ganz zu schweigen.

Zwei Arbeitsgänge?

Müller-Römers Hypothese, die obige Bildserie für den Fall der Mykerinos-Pyramide zeigt, geht nun davon aus, dass der Hauptkörper der Pyramiden des Alten Reiches aus einem gestuftem Kernmauerwerk besteht, das durch eine Verkleidungsschicht zur Pyramidenform ergänzt wird. Zumindest bei Mykerinos ist diese Struktur archäologisch eindeutig nachgewiesen. Müller-Römer schlägt daher vor, dass die Pyramiden in zwei Arbeitsgängen errichtet wurden: Erst wurde das Kernmauerwerk hochgezogen, wobei an jeder Stufe und entlang aller vier Seiten kleine Rampen für den Materialtransport mitwuchsen.

Dann wurden diese Rampen abgebaut und das Verkleidungsmauerwerk errichtet - zusammen mit einer umlaufenden gestuften Umbauung, an der wiederum Rampen verliefen. Diese Umbauung diente als Arbeitsplattform: Sie ermöglichte einerseits ein problemloses Aufsetzen des Pyramidion, des Schlusssteins an der Pyramidenspitze - ein Punkt, der bei vielen früheren Bauhypothesen offen blieb. Zum anderen konnte während des anschließenden Abtragens der Umbauung die Außenfläche der Verkleidung bequem von oben nach unten geglättet werden, um die perfekte Pyramidenform herzustellen.

Indirekt erschlossene Seilwinden

Die vielen tangentialen Rampen ermöglichten ein paralleles Arbeiten an allen Seiten - hatten aber einen Preis: Mit einem Neigungswinkel von 26 Grad fallen sie deutlich zu steil aus, als dass Zugmannschaften die bis zu 4,5 Tonnen schweren Kernmauer-Quader hätten hinaufziehen können. Müller-Römer nimmt daher an, dass sich Diodor irrte und die Alten Ägypter sehr wohl über eine bestimmte Art von Hebevorrichtung verfügten: Winden, die Lasten durch Seilreibung halten.

Nun sind solche Winden aus dem Alten Reich weder erhalten, noch findet man sie in dieser Zeit abgebildet oder textlich erwähnt. Müller-Römer argumentiert aber, man könne auf ihre Existenz indirekt schließen. In der Cheops-Pyramide gibt es nämlich vor dem Zugang zur Sargkammer einen Raum, in dem nach der Beisetzung drei schwere Granitplatten abgesenkt wurden. Führungsrillen belegen, dass die Platten mit Seilen an dicken Holzwalzen hingen. Wie sie abgesenkt wurden, ist eine Frage der Interpretation dieses Befundes. Nach Müller-Römer besteht eine überzeugende Möglichkeit darin, dass die Seile mehrfach um die Walzen gewickelt waren. Infolge der Seilreibung habe man dann, wie bei einer Winsch auf einem Segelboot, die Steine trotz ihres hohen Gewichts mit relativ kleinen Kräften halten und herablassen können. Wenn die Ägypter tatsächlich so verfuhren, müssen sie auch gewusst haben, dass man nach diesem Prinzip Lasten heben kann - denn vor dem Absenken müssen die Fallsteine dann durch Drehen der Walze ein kleines Stück angehoben worden sein, um die Abstützungen zu entfernen, welche die Steinplatten vor Abschluss der Bestattung oben hielten.

Indes wecken Pyramidenbauhypothesen, die von mechanischen Hebevorrichtungen ausgehen, bei Fachleuten Argwohn - weil solche Vorrichtungen für das Alte Reich eben nicht direkt belegt sind, aber vielleicht auch, weil der griechische Geschichtsschreiber Herodot von solchen Geräten berichtete. Er besuchte die Pyramiden 400 Jahre vor Diodor und ließ sich von Einheimischen erzählen, die Steine seien „mittels aus kurzen Hölzern gefertigter Maschinen“ hinaufgehoben worden. Herodot gilt nun nicht als übermäßig quellenkritisch, und so mag das, was seine Fremdenführer ihm da auftischten, Mutmaßung gewesen sein, die sich an Bautechniken des fünften vorchristlichen Jahrhunderts orientierte - und nicht an damals schon 2000 Jahre altem Wissen.

Die Fachwelt zweifelt

„All die Ideen des Bauens mittels 'Maschinen' jeglicher Art funktionieren nicht, auch nicht an der Mykerinos-Pyramide“, sagt Rainer Stadelmann zu Müller-Römers Vorschlag. Der Ägyptologe vom Deutschen Archäologischen Institut in Kairo gilt nicht zuletzt durch seine Grabungen an der Roten Pyramide von Cheops' Vater Snofru als Kapazität. Konkreter sind die Vorbehalte von Michael Haase, dem Herausgeber der renommierten Fachzeitschrift „Sokar“. Für ihn ist der aus seiner Sicht fehlende Beleg für Seilwinden im Alten Reich lange nicht der einzige Schwachpunkt in Müller-Römers Hypothese. So hätten solche Winden, wenn es sie denn gab, deutlich größere Massen bewegen müssen als die 4,5 Tonnen, mit denen Müller-Römer rechnet. Das gilt insbesondere für die Cheops-Pyramide. Dort wurden zum Beispiel bis zu acht Meter lange und über 50 Tonnen schwere Granitbalken für die Decke der Sarkophagkammer bis auf eine Höhe von 48 Metern transportiert.

Doch die Cheops-Pyramide ist ein Sonderfall. „Ihr Bau ist wegen der oberirdischen Grabkammern und der gewaltigen Abdecksteine der Königskammer wesentlich komplizierter“, sagt Müller-Römer. „Neben den an den vier Außenseiten angebrachten Tangentialrampen gab es hier wahrscheinlich auch eine senkrecht auf die Pyramide zuführende Rampe. Bei allen andern Pyramiden des Alten Reiches befinden sich die Grabkammern unterhalb des Basisniveaus. Der Bau der Pyramide selbst wird davon kaum berührt.“ Haase indes weiß auch an Mykerinos' Grab sowie der Roten Pyramide von Steinen, die für die von Müller-Römer dimensionierten Winden zu schwer sind. An der Roten Pyramide gebe es etwa ein Sieben-Tonnen-Trumm in 28 Metern Höhe.

Rampenreste?

In der Roten Pyramide sieht Haase zudem auch ein Problem für das Szenario, nach dem Kern und Verkleidung getrennt errichtet wurden. „Die dort gefundenen Datumsinschriften stammen unbestreitbar aus dem Verkleidungsmantel und datieren in die ersten Baujahre dieses Grabmals“, sagt Haase. „Hätte es an der Roten Pyramide eine getrennte Errichtung von Kern- und Verkleidungsmauerwerk gegeben, dann müssten die Bauinschriften gemäß den Berechnungen von Müller-Römer aus dem 13. und 15. Baujahr stammen.“ Da hält es Haase mit Stadelmann für wahrscheinlicher, dass zu einem bestimmten Stadium des Pyramidenbaus tatsächlich eine monumentale senkrecht auf die Pyramide zuführende Rampe verwendet wurde. Im Falle der Cheops-Pyramide - wo auch Müller-Römer solch eine Konstruktion für nötig erachtet - könnte Haase zufolge eine über 388 Meter erhaltene Mauer aus großen Kalksteinblöcken westlich der Pyramide einen Rest dieser Rampe darstellen. Um die Granitquader der Grabkammer in ihre Höhe zu befördern, muss diese Rampe gut 700 Meter lang gewesen sein - und entsprechende Materialmengen verschlungen haben.

„Das sollte aber niemanden zu übertriebener Skepsis verleiten“, sagt Hasse. „Die Ägypter der Pyramidenzeit haben offenkundig in völlig anderen Kategorien gedacht, als wir es heute tun. Moderne ökonomische Betrachtungsweisen sind hier fehl am Platz. Wer über 2,4 Millionen Kubikmeter Steinmaterial zu einer Pyramide auftürmt, um einen einzigen König zu bestatten, der lässt sich auch vom Bau einer großen Hilfskonstruktion nicht abschrecken.“ Allerdings muss es bei der Cheops-Pyramide ab einer Bauhöhe von vielleicht 66 Metern anders weitergegangen sein - Haase favorisiert hier einen Wechsel zu einer schrittweise steileren umlaufenden Rampe, wie sie der Amerikaner Mark Lehner 1985 vorgeschlagen hat. Müller-Römer fragt sich allerdings, wie dann das notorische Problem aller umlaufenden Rampen - die Einhaltung des Neigungswinkels - gelöst wurde und warum es bei solch einer Konstruktion eines gestuften Kernmauerwerks bedurfte, für dessen Existenz er auch bei der Cheops-Pyramide Hinweise sieht.

War der Pyramidenbau am Ende vielleicht eine zu fremdartige Angelegenheit, um im Stahlbetonzeitalter noch begriffen zu werden? Rainer Stadelmann zumindest gesteht, auch nach zwanzig Jahren in der Pyramidenforschung keine definitive Lösung zu haben. „Allein der Anblick der gewaltigen und schweren Blöcke, der Perfektion der Vermessung und des Verbauens sollte einem Scheu, Bewunderung und Bescheidenheit vermitteln“, sagt er. Aber ist es nicht gerade ein Ausdruck von Bewunderung gegenüber den altägyptischen Baumeistern, wenn man stets aufs Neue versucht, hinter ihr Geheimnis zu kommen?

Literatur: Frank Müller-Römer: „Die Technik des Pyramidenbaus im Alten Ägypten“, Herbert Utz Verlag, München 2008.

Zeitschrift „Sokar. Das Ägyptische Pyramidenzeitalter“, Verlag Michael Haase, Berlin.

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